Der "Anschluss" stellt sich als dreifache Machtübernahme
dar:
...als massive militärische Drohung durch den Einmarsch der Wehrmacht, begleitet von
einer noch früher einsetzenden Polizeiaktion von Himmlers Gestapo; als
Machtübernahme von einheimischen Nationalsozialisten und Sympathisanten, die sich bereits
in niedrigeren wie auch höheren Positionen des "Ständestaates" befanden; und als
demonstrative Machtübernahme "von unten" durch bedrohlich wirkende
Straßendemonstrationen, offenen Aufmarsch von bislang verbotenen Parteiformationen und
symbolische Aktionen.
Der Propaganda kam hierbei eine besondere Schlüsselrolle zu. Ihre Wirksamkeit ergab sich
aus dem Zusammenfließen von Inszenierung und Faszination. Propaganda ersetzte reale
Macht, wo sie noch nicht ausgeübt werden konnte, schüchterte politische Gegner ein und
weckte Hoffnungen bei den Anhängern. Der Aufbau des dazu nötigen Propagandaapparates
schuf gleichzeitig Grundlagen für den zukünftigen Parteiapparat der NSDAP als eine die
gesamte Gesellschaft durchdringende Organisation.
Auch Kinder wurden
mobilisiert, um den "Anschluss" propagandistisch zu unterstützen, sie waren als
die Hoffnungsträger der neuen Zeit Adressaten der NS-Propaganda. Nationalsozialismus in
Österreich bedeutete auch eine entscheidende Veränderung des Schulsystems,
das sich widerstandslos und durchaus bereitwillig an die neuen
Gegebenheiten anpasste.
Ausgerichtet auf die Erfassung des "ganzen" Menschen,
sollte dem einzelnen möglichst wenig individueller Spielraum gegeben werden. Persönliche
Entscheidungen über Sinnbezüge des eigenen Lebens und Einsicht in
gesamtgesellschaftlich-politische Zusammenhänge durften gar nicht aufkommen. Trotz der
scheinbaren Zuwendung zu den Kindern war diese staatlich verordnete Pädagogik durch eine
menschenverachtende Erniedrigungsideologie bestimmt, die im Rassenantisemitismus, der
Doktrin vom "lebensunwerten" Leben und der Abwertung von allem Fremden zum
Ausdruck kam. Kameradschaftliches Handeln im Sinne der Solidarität mit den Schwächeren
hatte in diesem Erziehungssystem keinen Platz. An seine Stelle traten
gegenseitige Überwachung und Disziplinierung zur bedenkenlosen
Ausführung von "oben" gegebener Befehle.
Zentrale Leitlinie der
nationalsozialistischen Politik im Kulturbereich war die Ausgrenzung jüdischer
Künstlerinnen und Künstler, die in Deutschland seit 1933 durch eine Reihe von
bürokratischen Maßnahmen vorgezeichnet war: Zwangsmitgliedschaft in den entsprechenden
Fachkammern der Reichskulturkammer als unbedingte Berufsvoraussetzung, bei gleichzeitiger
Ablehnung von "Nicht-Ariern"; totale politische Supervision des Sprech- und
Musiktheaters, aber auch des Literatur- und Verlagsbetriebes sowie der
Filmproduktion durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und
Propaganda unter der Leitung von Joseph Goebbels.
Politisch "Unzuverlässige und
Ungeeignete" wie Kommunisten, Sozialisten, anti-nationalsozialistisch eingestellte
Konservative, religiöse Aktivisten und Homosexuelle wurden ebenfalls "als Parasiten
der Kultur" ausgeschaltet. Gleichzeitig sollte der Hochkulturbetrieb für die Herrschaftsstablisierung instrumentalisiert werden, wobei letztlich keine neue
"ur-deutsche" ("Blut- und Boden"-)Kulturbewegung
geschaffen, sondern die bürgerliche Klassikerpflege (unter Ausschluss
des Erbes toter und lebender jüdischer Künstlerinnen und Künstler)
forciert wurde. Es genügte den Regimegrößen, nach innen und im Ausland
zu dokumentieren, dass das scheinbar revolutionäre NS-Regime in der
Nachfolge bürgerlicher und monarchistischer Herrschaftsträger stand.
Noch intensiver gestaltete sich das NS-Engagement in der
Unterhaltungsindustrie, vor allem im Film, in dem die "Wien-Film" mit
Produktionen voll von platter Operettenseligkeit weiter reüssierte.
Unterhaltung war ein psychologisch geschickt inszenierter Versuch, von
politischer Repression und der massiven rassistischen Verfolgung
abzulenken. Künstlerinnen und Künstler ordneten sich - mit wenigen
Ausnahmen des Widerstandes - vorerst rasch in das neue politische System
ein, teilweise auch deswegen, weil die Arbeits- und
Produktionsbedingungen vorerst aufgrund erhöhter staatlicher Ausgaben
wesentlich besser waren als in den Zeiten hoher Arbeitslosigkeit.
Politischer
Vereinnahmung wurde meistens nur im privaten Bereich und vereinzelt Hilfeleistung für verfolgte KollegInnen
entgegengestellt. Der nationalsozialistische Staat bemühte sich sofort
nach dem "Anschluss", auch die Frauen für sich zu gewinnen. Die
Propaganda rückte vor allem die Mütter in den Mittelpunkt. Diese
vorgegebene Hochachtung der Mutterschaft sollte dazu dienen, die Frauen
zur Geburt möglichst vieler "rassisch wertvoller" Kinder anzuregen, um
dem durch sinkende Kinderzahlen angeblich drohenden Abstieg des
deutschen Volkes entgegenzuwirken.
Ein
symbolträchtiges Plakat.
Die Männer sind an der Front;
die Frauen erzeugen Waffen.
Titelblatt des
Ausstellungskatalogs zur
Ausstellung
"Entartete Musik".
Die Frauen sollten möglichst auf den Haushalt
oder Sozialberufe beschränkt bleiben. Im Laufe des Krieges
kam es jedoch zu einem empfindlichen Mangel an Arbeitskräften,
so dass auch Mütter als Arbeiterinnen in die Rüstungsindustrie
gezwungen wurden. Die Erziehung der Mädchen zielte eindeutig
auf Haushalt und Mutterschaft ab. Im "Pflichtjahr" mussten
junge Mädchen unbezahlt in der Landwirtschaft, bei kinderreichen
Familien oder in den Haushalten hochrangiger Nationalsozialisten
arbeiten. Auf diese Weise sollten sie ihre zukünftige Tätigkeit als
Hausfrau und Mutter einüben.
In politischer Hinsicht waren die Frauen
allerdings von jeder Mitwirkung ausgeschlossen, die nationalsozialistische
Frauenorganisation war auf allen Ebenen männlichen Funktionsträgern unterstellt. Viele
Frauen fanden es trotzdem reizvoll, nunmehr propagandistisch umworben zu sein, und passten
sich den nationalsozialistischen Normen an. Frauen beteiligten sich auch an
Verfolgungshandlungen und wurden so zu Mitbeteiligten an den nationalsozialistischen
Gewaltverbrechen. Die Wertschätzung galt aber nur angepassten und den rassistischen
Maßstäben entsprechenden Frauen. Jene, die sich dem Regime widersetzten, wurden ebenso
rücksichtslos verfolgt wie Frauen, die mit Juden, Kriegsgefangenen oder Fremdarbeitern
Beziehungen aufnahmen. Trotz der drohenden Verfolgung leisteten zahlreiche Frauen
Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie wurden in Gefängnissen oder
Konzentrationslagern inhaftiert; selbst junge Mütter wurden hingerichtet. Aus Osteuropa
als Zwangsarbeiterinnen ins Deutsche Reich gebrachte Frauen waren völlig rechtlos; ihnen
war es sogar verboten, Kinder zu bekommen, und bei ihnen wurden zwangsweise Abtreibungen vorgenommen, falls sie trotzdem schwanger
wurden. In der nationalsozialistischen Propaganda standen die
"nationalen" Motive des "Anschlusses" im Vordergrund.
Doch der wirkliche Grund des Einmarsches in
Österreich war ein anderer: 1938 stieß die deutsche Rüstungswirtschaft an die Grenze
ihrer Leistungsfähigkeit. Die Fortsetzung der Aufrüstung schien in Frage gestellt. Denn
es mangelte an Rohstoffen, Arbeitskräften, freien Industriekapazitäten
und - nicht zuletzt - an Devisen zum Import rüstungswichtiger Güter.
Nicht der Autobahnbau oder andere Arbeitsbeschaffungs- Maßnahmen hatten
im Deutschen Reich seit 1933 die Arbeitslosigkeit reduziert, sondern die
Vorbereitung eines neuen Krieges.
Das "Blitzkrieg"-Konzept sollte
Deutschland in die Lage versetzen, ein Land nach dem anderen seinem
Einflussbereich einzuverleiben und mit dem so gewonnen Zuwachs an
Wirtschaftskraft den jeweils nächsten Gegner auszuschalten. Im Rahmen
des 2. Vierjahresplans, der 1936 unter der Federführung Hermann Görings
ausgearbeitet worden war, hatte neben der Entwicklung von Ersatzstoffen
(etwa für Gummi und Erdöl) die Sicherung des Zugangs zu
nicht-substituierbaren Gütern (wie dem Eisenerz aus dem steirischen
Erzberg) oberste Priorität.
Es ist daher kein Zufall, dass Österreich
und die sogenannten sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei
mit ihren reichen ökonomischen Ressourcen schon vor 1938 im Blickfeld
des Nationalsozialismus lagen und dass diese Länder als erste "angeschlossen"
wurden. An Österreich interessierten neben dem Erzberg die ungenutzten
Wasserkräfte, die Erdölvorkommen im Marchfeld, die Schwerindustrie,
der Maschinenbau und die Gold- und Devisenreserven der Oesterreichischen
Nationalbank, die jene der Deutschen Reichsbank 1938 um ein Vielfaches
übertrafen.
Text auszugsweise aus
DÖW - Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes