| Arbeiterbewegung |
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| Eine Arbeiterversammlung in Wien.
Xylographie 1868 |
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Arbeiterbewegung: Gleichzeitig mit der bürgerlichen Gesellschaft
entstand beim Übergang von der Manufaktur- zur Fabriksproduktion am Beginn des 19.
Jahrhunderts eine neue verarmte Unterschicht, die man als "arbeitende Classe"
bezeichnete und die aus Taglöhnern, Handlangern usw. bestand. Die Konzentration der
Erzeugung in Fabriken entzog vielen ländlichen Heimarbeitern den Lebensunterhalt und
zwang sie, in Industrieorte zu übersiedeln. Dadurch wurden dort die Löhne gedrückt,
große Armut entstand. Diese Verarmung führte zum Widerstand der Betroffenen, der
einerseits in Unruhen, andererseits in Solidaritätsaktionen zum Ausdruck kam. So
entstanden Hilfskassen aus der Tradition von Gesellenladen (zum Beispiel 1842 in Linz),
aus denen später Kranken- und Arbeitslosenunterstützung sowie Konsum- und
Vorschussvereine hervorgingen. Zur ersten Organisation der Arbeiter kam es während der
Revolution 1848, als sich in Wien ein "Arbeiterkomitee" bildete, das den
10-stündigen Arbeitstag und Lohnerhöhungen durchsetzte. Am 24. 6. 1848 wurde vom
Schustergesellen F. Sander der "Erste Österreichische Arbeiterverein"
vorwiegend aus Gesellen des Kleingewerbes gegründet, später entstand ein "Radikaler
liberaler Verein". Am 23. 8. 1848 kam es auf der Jägerzeile (heute Praterstraße)
zum Zusammenstoß von Arbeitern mit der Nationalgarde. Nach 1848 verbot die Regierung alle
derartigen Vereine, als einzige Form gestattete man die katholischen Gesellenvereine nach
dem Muster von A. Kolping, die ab 1852 eingerichtet wurden (Gesellenbetreuung).
Im Neoabsolutismus nahmen Industrialisierung und Verstädterung zu, so dass immer mehr
Arbeiter in Großbetrieben beschäftigt waren, wo die Organisierung der Arbeiterschaft und
vor allem die Kampfform des Streiks leichter und wirkungsvoller einzusetzen waren.
Gleichzeitig erfolgte der Zusammenschluss in Fachvereinen, wobei nicht nur höhere Löhne,
sondern auch das Berufsethos der Qualifikation eine Rolle spielten. Daher waren die
Fachvereine etwa bei den Buchdruckern besonders stark.
Ab 1861 wurden neue Arbeitervereine, meist auf zünftischer Basis nach Bruderladenvorbild,
gegründet. Branchenübergreifend war der 1867 gegründete Wiener Arbeiterverein. Weiters
entstanden in Wien wie auch in kleineren Städten Arbeiterbildungsvereine. 1872 gab es 59
Arbeiterbildungsvereine und 78 Gewerkschaftsvereine mit zusammen 80.000 Mitgliedern. Der
Arbeiterbildungsverein von Wien hatte 1879 35.000 Mitglieder. Ideologisch orientierten
sich diese Vereine an den deutschen Sozialdemokraten, sympathisierten mit der 1.
Arbeiterinternationale von 1864 und boten so den Behörden den Vorwand zum Verbot. 1870
wurde gegen Exponenten des Wiener Vereins ein Hochverratsprozess angestrengt, was zu
stürmischen Straßenkundgebungen führte. Im gleichen Jahr beschloss der Reichsrat jedoch
ein Koalitionsgesetz, das den Arbeitern die Bildung von politischen Vereinen ermöglichte.
Seither ist die Arbeiterbewegung weitgehend an die Sozialdemokratische Partei gebunden. In
den Jahren 1871-88 gab es interne Kämpfe zwischen Gemäßigten (H. Oberwinder) und
Radikalen (A. Scheu). Als Folge des Sozialistengesetzes von 1886 wurde der Ausnahmezustand
über verschiedene Regionen verhängt, es fanden 13 Prozesse statt, 379 Personen wurden
ausgewiesen. In diesen Jahren trat V. Adler hervor, der sich als Gewerbeinspektor für die
Verbesserung der Lage der Wienerberger Ziegelarbeiter einsetzte und 1886 die Zeitung
"Gleichheit" gründete. Auf dem Hainfelder Parteitag konnte er 1888/89 die
verschiedenen Gruppen einigen und die Sozialdemokratische Partei (Sozialdemokratische
Partei Österreichs) gründen. Am 12. 7. 1889 erschien die erste Arbeiterzeitung. In der
Folge kam es zur Gründung einer Organisation und ab 1890 zu den ersten Mai-Kundgebungen
(Erster Mai) in der ganzen Monarchie. Bald setzte eine neue Vereinsgründungswelle ein mit
dem Ziel, das Wahlrecht zu erkämpfen. Die Sozialdemokraten konnten sich in bestimmten
Berufsgruppen, wie den Fabriksarbeitern oder den Eisenbahnern, besonders stark
durchsetzen; unter dem Eindruck dieser Bewegung wurden auch weittragende Sozialgesetze
erlassen (Gewerbeinspektorate, 1883; Unfallversicherung, 1887; Krankenversicherung, 1888),
die dem Arbeiterschutz dienten. Dabei gewannen die Gewerkschaften als 2. Säule der
Arbeiterbewegung steigende Bedeutung.
Durch die Sozialenzyklika "Rerum novarum" Papst Leos XIII. von 1891 wurde auch
eine christliche Arbeiterbewegung (christlichsoziale Bewegung) angeregt. In der Folge
entstanden christliche Arbeitervereine, die sich 1902 zu einem "Reichsverband der
nichtpolitischen Vereinigungen christlicher Arbeiter Österreichs" zusammenschlossen;
Organisator war L. Kunschak. 1907 hielten sie in Wien ihre 1. Konferenz ab, waren aber
wesentlich schwächer als die sozialdemokratischen Organisationen.
Einen wichtigen politischen Erfolg erzielte die sozialdemokratische Arbeiterbewegung nach
großen Demonstrationen mit dem allgemeinen Wahlrecht (der Männer); nach diesem wurde
1907 erstmals das Abgeordnetenhaus gewählt, und die Sozialdemokraten erlangten 87 von 516
Mandaten. Machtvolle Demonstrationen fanden 1911 wegen der Teuerung der Lebensmittel
statt.
In den letzten Jahren des 1. Weltkriegs formierte sich die Arbeiterbewegung neu, im
Jänner 1918 kam es zu ausgedehnten Streiks, den Arbeitern wurden Vertrauenspersonen zur
Sicherung der Versorgung zugestanden. Im Oktober/November 1918 spielte die
sozialdemokratische Arbeiterbewegung bei der Gründung der Ersten Republik eine besondere
Rolle, nahm bis 1920 an der Regierung teil und konnte bedeutende Gesetze im Sozial- und im
Schulwesen durchsetzen. Nach dem Austritt aus der Regierung setzten die Sozialdemokraten
das Programm der Arbeiterbewegung besonders in Wien und in einigen anderen Städten, in
denen sie die politische Mehrheit innehatten, um. Besondere Bedeutung kam dabei den
"freien Gewerkschaften" zu. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung erhielt
allerdings in der aufkommenden Kommunistischen Partei (Kommunistische Partei Österreichs)
eine Konkurrenz, die aber in Österreich keine wesentliche Rolle spielte. Während der 1.
Republik stand die sozialdemokratische Arbeiterbewegung völlig im Zeichen des
Austromarxismus, versuchte neue Kultur- und Lebensformen (der "Neue Mensch")
aufzubauen, förderte Sport, Wohnkultur und Bildung, allerdings streng getrennt von den
bürgerlichen Gruppierungen. Einen sportlichen Höhepunkt bildete die Arbeiterolympiade
von 1931 in Wien. Im Verhältnis dazu blieb die christliche Arbeiterbewegung, die sich auf
die christlichen Gewerkschaften stützte, schwach. Erst mit dem Verbot der
sozialdemokratischen Organisationen im Ständestaat erhielten christliche Gewerkschafter
Führungspositionen. Ziel war die Schaffung eines einheitlichen Gewerkschaftsbundes, was
aber zu keiner Aussöhnung mit den Sozialdemokraten führte. Ebenso versuchte der
Nationalsozialismus auf die Arbeiterbewegung Einfluss zu nehmen; es wurden einige
weitreichende Sozialgesetze geschaffen, die "Deutsche Arbeitsfront" und die
"Kraft durch Freude"-Bewegung wurden errichtet.
Nach 1945 entstand die Arbeiterbewegung, dem sozialen Wandel entsprechend, in veränderter
Form. Die überwiegende Mehrheit entschied sich für demokratische Formen, alle Diktaturen
(Faschismus, Kommunismus) wurden abgelehnt. Alle politischen Parteien versuchten nun, die
Arbeitnehmer zu organisieren (Arbeiter- und Angestelltenbund), doch wurde der
Österreichische Gewerkschaftsbund als eine gemeinsame überparteiliche Institution
gegründet. Durch den sozialen Aufstieg der Arbeiterschaft erlangte die Arbeiterbewegung
eine veränderte Position, zumal die sozialen Rechte durch eine Fülle von Gesetzen
gesichert und ausgebaut wurden. Eine soziale Besserstellung war nun leichter möglich,
sozialer Abstieg als Gruppenerscheinung selten. Innerhalb der Arbeitnehmer nahmen die
Arbeiter gegenüber den Angestellten zahlenmäßig ab. Neue soziale Probleme entstanden
seit den 60er Jahren durch den Zustrom ausländischer Arbeitskräfte
(Ausländerbeschäftigung) sowie durch konjunkturbedingte Arbeitslosigkeit, wenn auch die
Arbeitslosigkeit insgesamt in Österreich im Unterschied zu vielen anderen europäischen
Ländern relativ niedrig blieb.
Der seit 1959 bestehende "Verein zur Geschichte der Arbeiterbewegung" führt
regelmäßig Tagungen durch und gibt Publikationen heraus.
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