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| BABY AN BORD |
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| MIT DEM KINDERWAGEN DURCH DAS 20. JAHRHUNDERT |
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| Mit dem Kinderwagen lassen sich viele Geschichten
erzählen: Geschichten vom Bedürfnis nach Mobilität und sich ändernden
Geschlechterrollen. Von technischen Neuerungen und modischem Design, von
Wohlstand und Armut, vom Wandel der städtischen Infrastruktur und dem
Siegeszug der Konsumkultur. |
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Bild: Bürgerliche
Hausfrau mit Kind
und Dienstpersonal, um 1905
Foto: Pikal-Reiffenstein
© Wien Museum |
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Bild: Fischverkäuferin, um 1930
Foto: Reproduktion
© Verein für Geschichte der
Arbeiterbewegung, Bildarchiv, Wien |
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Um 1870 tauchten vermehrt Kinderwägen im Wiener Stadtbild auf -
handgefertigte "Luxuskarossen", die fürs Promenieren im Park gedacht
waren. Aufstieg des Bürgertums, Industrialisierung und die Pflasterung
der Straßen ermöglichten erst die großräumigere Nutzung des
Kinderwagens. In ärmeren Kreisen blieb hingegen noch lange das Tragen
die vorherrschende Form des Säuglingstransportes. Eine Alternative dazu
waren "Leiterwagerln" oder Körbe mit Holzrädern. Erst in den 1920ern
sollte der Kinderwagen langsam auch in weniger begüterte Schichten
Eingang finden. |
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| Vom Leiterwagerl zum
Straßenkreuzer |
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Bild: Rotarmisten in Bad Vöslau,
August 1955
Foto: Reproduktion
© Pressebildagentur Votava, Wien |
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Der Kinderwagen war von Anfang an auch ein
Lifestyle-Objekt. Mit der gestiegenen Reiselust des Bürgertums waren
schon um die Jahrhundertwende zusammenlegbare Modelle, so genannte
Sport- oder Wochenendwagen, en vogue. In den 1950er-Jahren erinnerten
stromlinienförmige Wägen an amerikanische Straßenkreuzer. Ende der
1960er-Jahre revolutionierte der Buggy die Kinderwagenmode hinsichtlich
Gewicht und Mobilität und heute sind schnittige Designermodelle
allgegenwärtig. Die Frage, wer schiebt, ist bis heute mit
geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen und traditionellen
Familienbildern verknüpft. Erst seit den 1970er-Jahren begannen auch
Väter einen Teil des Schiebens zu übernehmen, wenngleich der Alltag mit
Kindern und Kinderwagen nach wie vor eine Frauendomäne geblieben ist.
Manche bauliche Hürden für
Kinderwägen in der Stadt sind heute beseitigt, verschwunden sind aber
auch die Hersteller für Kinderwagen, die es einst in Wien gab. |
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| Hier kommt der Perambulator! |
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Eine Art "Urkinderwagen" gibt es nicht, zu den
Vorläufern zählen Stubenwägen, Fahr- und Krankenstühle, Schubkarren,
Leiterwägen sowie kleine Kutschen, die vor allem als Luxus-Spielzeug
benutzt wurden. Als Herkunftsland des Kinderwagens gilt England, wo der
neue "Perambulator" ab den 1840er Jahren auf den Straßen zu sehen war.
In Österreich begann die serienmäßige Produktion in den 1870er Jahren.
Als wichtiger Impuls fungierte die Wiener Weltausstellung 1873, auf der
etliche Kinderwagenmodelle gezeigt wurden. Um 1900 produzierten etwa 80
Wiener Korbmacherbetriebe Kinderwägen. Neben dem ansteigenden
Mobilitätsbedürfnis waren es auch medizinische Gründe, die die Nachfrage
nach dem Kinderwagen ansteigen ließen: Mit "Licht, Luft und Sonne"
sollte auch der hohen Säuglingssterblichkeitsrate (Tuberkulose und
Rachitis) Einhalt geboten werden. Das Urteil eines Zeitgenossen: "In der
That ist dieses Kindermöbel nunmehr bei allen civilisierten Völkern als
nothwendiges Requisit der Kinderpflege in Gebrauch."
Besonders geeignet für die Ausfahrt mit dem Kinderwagen waren die neu
geschaffenen Parkanlagen, die im 19. Jahrhundert den
Repräsentationsbedürfnissen des aufstrebenden Bürgertums entsprachen.
Das "Kindermöbel" war lange Zeit ein Statussymbol der Reichen, das je
nach Saison Verzierungen, Muster und neue Formen aufwies. In einem
Katalog der deutschen Firma Naether heißt es etwa: "Ganz besonderen
anhaltenden Beifalles erfreuten sich die `Kinderwagenkörbe mit
Zierkugeln und Säulchen`". Aber nicht nur das Oberflächendesign, auch
die Funktionalität änderte sich rasant. Fußstützen, verstellbare
Rückenlehnen, abnehmbare Räder oder zusammenklappbare Reisemodelle
wurden angepriesen. |
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| Blechbüchsen auf Rädern |
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Bild: Werbeplakat der
Kinderwagenfirma Herbert Fritsche
Wien 1923 - Lithografie
© ÖNB, Flugblätter-, Plakate- und Exlibris-Sammlung, Wien |
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Dass sich in der Zwischenkriegszeit auch Ärmere einen
Kinderwagen leisten konnten, war nicht zuletzt Folge eines neuen
Metallpressverfahrens, das die industrielle Fertigung deutlich
verbilligte. Für die verhältnismäßig günstigen "Blechbüchsen auf Rädern"
waren in den Gemeindebauten des "Roten Wien" bereits eigene
Abstellflächen vorgesehen. Auch das Freizeitverhalten der Arbeiterschaft
änderte sich: Für den Wochenend-Ausflug erwies sich der fahrbare
Untersatz für den Nachwuchs als besonders begehrt - notfalls auch in der
Gebrauchtwagen-Variante. Beim Design dominierte zunächst Art Déco mit
tiefliegenden, in schwarz oder weiß lackierten Wagenkästen. In den 1930er
Jahren kamen bereits erste stromlinienförmige Wägen auf, die zudem
besser durchlüftet waren als die "ausgeplachten Panzerwägen".
Unter den vielen Klein- und Mittelbetrieben, die sich in Wien dem
Kinderwagenbau widmeten, befanden sich etliche jüdische Handwerker, die
nach 1918 aus verschiedenen Kronländern nach Wien geflohen waren. Viele
stammten aus klassischen Korbmachergegenden und gründeten in Wien
Betriebe in denen auch Kinderwagen hergestellt wurden. Zahlreiche
eingewanderte jüdischen Kinderwagenhersteller waren 1938 erneut zur
Flucht gezwungen, ihre Betriebe wurden vielfach "arisiert." Als Beispiel
dafür wird in der Ausstellung die Firmengeschichte der lange Zeit
bedeutendsten Wiener Kinderwagenerzeugung, der Firma "Lumag",
aufgerollt, die in der Halbgasse in Wien-Neubau ansässig war.
Im Zuge des Krieges ging die Herstellung von Kinderwägen im gesamten
"Deutschen Reich" zugunsten der Produktion von Kriegsgütern immer mehr
zurück. Ab 1943 sahen die Pläne der Nationalsozialisten überhaupt nur
noch die Produktion des "Deutschen Einheitskinderwagens" vor. Es
handelte sich dabei um ein Billigprodukt, das leicht kippte, ästhetisch
anspruchslos war und nur zehn Kilo wog: "Die Gewichtserleichterung
bringt nicht nur Materialersparnis, sondern bedeutet beim Tragen über
Treppen, insbesondere bei Luftgefahr, einen Vorteil für die Mütter.
Allerdings verbietet diese Leichtbauweise, dass er zum
Kartoffeltransport benutzt wird", so das zeitgenössische "Marketing". |
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| Capri-Träume und
Panoramakinderwägen |
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| Immer wieder wurden Kinderwägen zweckentfremdet: Nach
1945 zum Beispiel für "Hamsterfahrten" und den Abtransport von Schutt.
Wer sich bereits in den 1950er Jahren einen Kinderwagen leisten konnte,
der nutzte ihn hauptsächlich für kleinere Ausfahrten in der Umgebung. An
eine Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel mit den sperrigen,
schweren Modellen war jedenfalls nicht zu denken. Als Revolution erwies
sich seit 1969 der zusammenfaltbare, drei Kilo leichte "Buggy". In den
zusammenklappbaren und kofferraumtauglichen "Sportwagerln" mit Namen wie
"Capri", "Grado" oder "Nizza" spiegelte sich gleichermaßen der Traum vom
Urlaub an der Adria. |
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Bild: Joggerin mit dreirädrigem
Kinderwagen, Wien 2007
Foto: Didi Sattmann
© Wien Museum |
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| Die Fitnesswelle brachte "Jogger-taugliche"-Modelle, heute sind
Designerprodukte à la "Bugaboo" Statussymbole. Dem steigenden
Mobilitätsbedürfnis wurde immer mehr auch von städtischer Seite
entsprochen, sei es durch abgeflachte Gehsteigkanten,
Niederflur-Straßenbahnen oder den nachträglichen Einbau von Aufzügen bei
den U-Bahn-Stationen. |
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