Wiener Bahnhöfe
Leporello Nordbahn -  © Wienmuseum
Bild: Leporello Nordbahn, um 1840
Der erste Wiener Bahnhof (Nordbahnhof) in einer Darstellung von 1840. Der "Stazions-Punkt" der Franz Ferdinands-Nordbahn befand sich im Bereich des Pratersterns und lag damals weit außerhalb der Stadt in einem unverbauten Gebiet.
© Wienmuseum
Wie in allen Großstädten hatten und haben auch in Wien die großen Bahnhöfe prägende Bedeutung für die Stadt und deren Bewohner. Im späten 19. Jahrhundert wurden die Großbahnhöfe zu monumentalen Zeichen großstädtischer Dynamik, doch keiner der imposanten Gründerzeit-Bauten hat in Wien überlebt. Heutzutage kaum bewusst ist, dass Wien einst sechs Fernbahnhöfe hatte: Nordbahnhof, Südbahnhof, Ostbahnhof, Westbahnhof, Nordwestbahnhof und Kaiser-Franz-Josef-Bahnhof. Allesamt waren Kopfbahnhöfe, was die Bedeutung und das Selbstverständnis der Hauptstadt als Zentrum der Monarchie und Mitteleuropas unterstreicht.
Zweckbauten hinter Prunkfassaden
Südbahnhof - © Wienmuseum
Bild: Kassenhalle des 1873 eröffneten zweiten Südbahnhofs,
einem Prachtbau im neoklassizistischen Ringstraßenstil.
© Wienmuseum
Wie in London oder Paris waren auch in Wien die Fernbahnhöfe ausschließlich Kopfbahnhöfe, die in alle Himmelsrichtungen wiesen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie als Monumentalbauten errichtet, architektonische Symbole für Technikgläubigkeit, Wohlstand und Internationalisierung. Sämtliche Bahnhöfe der Gründerzeit sind im 20. Jahrhundert aus dem Stadtbild verschwunden, wie die Ausstellung zeigt. So etwa auch der prunkvolle Nordbahnhof, ein Historismusmix aus Ritterburg und Byzanz, der erst Anfang der sechziger Jahre abgerissen wurde. Er war kriegsbeschädigt und angesichts der dichten Grenzen zum „Ostblock“ hin zu groß dimensioniert.
Mit der Weitläufigkeit und dem Prunk der alten Bahnhöfe verschwand auch ihr Image als Orte des mondänen Reisens. Diesen Part übernahmen nach 1945 die Flughäfen. Heute werden Wiens Bahnhöfe meist als Zweckbauten ohne besonderen Charme wahrgenommen.
Südbahnflair und Westbahn-Sommerfrische
Die Fernbahnhöfe standen stets auch für zeittypische Reise- und Ausflugziele. Via Nordbahnhof gelangte man nach Böhmen auf Kur, die Südbahn führte den Ausflügler an den Semmering und den mondänen Urlauber an die Riviera. Mit der Weststrecke verband man die Sommerfrische im Salzkammergut. Ferne Städte wurden zu Nachbarn, die Bahnhöfe beschleunigten das Leben und veränderten den Rhythmus des städtischen Lebens. Und es entstanden „mental maps“, die sich im Lauf der Zeit stark verändern konnten, so zum Beispiel nach 1945, als Österreich vom Osten plötzlich abgeschnitten war.
Wie stark die Errichtung von Bahnhöfen die Entwicklung der Stadt beeinflusst hat, zeigen die Bezirke Favoriten und Leopoldstadt. Favoriten wuchs erst mit der Bahn zu einem Arbeiter- und Industriebezirk. Den zweiten Bezirk prägte die Zuwanderung aus den nordöstlichen Teilen der Monarchie und die Etablierung von Unterhaltungsangeboten rund um den Nordbahnhof. Bahnhöfe wurden auch Verkehrsknotenpunkte für den innerstädtischen Verkehr, man erreichte sie einst mit Fiaker, später dann mit Taxi oder Tram. Nicht immer war der Weg zum Bahnhof ein einfacher, wie ein Karl Kraus-Zitat beweist: „Nach Ägypten wär´s nicht so weit. Aber bis man zum Südbahnhof kommt...“

Auch politische Geschichte spiegelt sich in der Geschichte von Wiens Bahnhöfen. 1848 fanden Kämpfe in und rund um die Bahnhöfe statt, der Bahn kam bei der Niederschlagung schließlich große Bedeutung zu. Ein tragisches Kapitel aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts sind die Deportationen von Opfern des NS-Terrors, die vor allem vom Aspanger Bahnhof aus in die Vernichtungslager gebracht wurden. Nach 1945 waren es Bilder der Heimkehrer aus der russischen Kriegsgefangenschaft, die den Bahnhof als Schauplatz menschlicher Schicksale zeigten.
Ein Mikrokosmos der Menschen
Ansichtskarte mit Nordbahnhof  © Wienmuseum
Bild: Ansichtskarte mit Nordbahnhof  © Wienmuseum
Der Fokus auf den „Menschen am Bahnhof“ zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Nicht nur Reisende spielen hier eine Rolle. Dienstmänner, Gleisarbeiter, Kellner im Bahnhofsrestaurant oder Verkäuferinnen an den Fahrkartenschalter gehören ebenso dazu. Pendler erleben den Ort der täglichen Ankunft und Abfahrt anders als der Rucksacktourist, der zum ersten Mal in Wien angekommen ist. Soziale Randgruppen – Obdachlose, Prostituierte – prägten und prägen die Gegend um den Bahnhof. Sie alle machen den „Mikrokosmos Bahnhof“ aus, einen emotional höchst aufgeladenen Brennpunkt städtischen Lebens.
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