| Das Wiener Biedermeier |
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Bild: "Bey den Wirthshäusern" im
Prater. Kolorierter Stich, T. Mollo. 1825
© Verlag Christian Brandstätterer |
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| Kaum eine Epoche ist so verklärt worden
wie das Biedermeier. Man denkt an Blümchenmuster, Landschaftsbilder,
Walzer und Hausmusik. Doch läßt der idyllische Blick gern beiseite, daß
es zugleich die Zeit des Vormärz war: Nach dem Sieg über Napoleon (1815)
saßen die alten Mächte wieder fest im Sattel. Das Volk lebte in Armut.
Das mit der Industrialisierung erstarkte Bürgertum war unter der
eisernen Faust des Staatskanzlers Fürst Metternich politisch machtlos.
Kleinlich überwacht, von der Welt abgeschirmt und in der
wirtschaftlichen Entwicklung behindert, entdeckte der Bürger das
Vergnügen: Er wendete sich dem Kulturleben und der geselligen Gestaltung
der Privatsphäre zu und drückte auf diese Weise seiner Zeit den Stempel
auf. Zwar war das Biedermeier ein europäisches Phänomen, doch gerade in
Wien entwickelte sich eine besonders umfassende, alle Lebensbereiche
durchdringende kulturelle Blüte, an der erstmals breite Schichten der
Bevölkerung teilhatten. Dazu kamen Bälle und Feste, überfüllte Theater
und Promenaden; Vergnügungsetablissements schossen aus dem Boden, und in
den Vororten reihte sich Heuriger an Heuriger. Man traf sich im
Kaffeehaus oder in einem der eleganten Salons. Man entdeckte die Natur,
Landpartien und die Sommerfrische. Und man legte Wert auf ein
gemütliches, liebevoll ausgeschmücktes Heim. Kunst und Kunsthandwerk
kamen zu hoher Blüte. Der Hang zu Zweckmäßigkeit, Schlichtheit und
Intimität, die Liebe zum Detail und Kleinformatigen charakterisierten
die biedermeierlichen Kunstformen. Wiener Spezialitäten waren u.a.
kunstvolle Glasbecher. Die Bemalungen der Wiener Porzellanmanufaktur
wurden zu begehrten Exportartikeln. Die berühmten Biedermeiermöbel sind
heute im Museum für angewandte Kunst, im ehem. k. u. k. Hofmobilien- und
Materialdepot, im Dorotheum, in Antiquitätenläden und in so manchem Heim
zu bewundern. |
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Bild: Strauß-Konzert auf einer
Soirée im Volksgarten.
Kolorierte Lithographie von A. Zampis, um 1845
© Verlag Christian Brandstätter - Manfred Horvath |
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Lieblingskind des Biedermeiers war
unzweifelhaft die Malerei: Sitten- und Genrebilder, intime Landschaften
und Wiener Veduten, Porträts und Miniaturen waren die bevorzugten
Gattungen. Meister wie Ferdinand Georg Waldmüller, Friedrich Gauermann,
Peter Fendi und Rudolf von Alt erlangten europäische Geltung. Für das
Theater schrieben – neben Franz Grillparzer – Johann Nestroy und
Ferdinand Raimund, die auch als Schauspieler überaus beliebt waren.
Allem voran aber erreichte das Musikleben im Biedermeier einen
Höhepunkt. Prominente Künstler wurden, wie Ludwig van Beethoven, von
Mäzenen unterstützt. Franz Schubert allerdings konnte nur mit Mühe sein
Dasein sichern. Neben großen Meistern, großen Konzerten und der Wiener
Opernleidenschaft gab es unzählige andere Musikformen:
Liebhaberquartette, Gesangsvereine, Hausmusik, Werkelmänner, das
Wienerlied. Die Gesellschaft der Musikfreunde entstand, das
Konservatorium, die Wiener Philharmoniker. Alle Gesellschaftsschichten
aber wurden gleichermaßen vom Wiener Walzer erfaßt, der im Biedermeier
entstand. Josef Lanner und Johann Strauß (Vater zunächst, dann Sohn)
waren die Stars des allgemeinen Walzerfiebers.
So hatte das Wiener Biedermeier zwischen Resignation und „Rekreazion“
seine Ausdrucksweise gefunden, die jedoch inmitten der Vergnügungslust
und gepflegten Häuslichkeit, idyllischer Selbstdarstellung und
nachträglichen Klischees die ersten Anzeichen der kommenden
Märzrevolution 1848 sichtbar werden läßt. Ein „bisserl
Revolutionsschauen“ hatte es Nestroy zynisch in seiner Parodie „Freiheit
in Krähwinkel“ genannt. Das Resultat war weniger harmlos: Der Aufstand
wurde aufs blutigste unterdrückt, 2000 tote Wienerinnen und Wiener
zählte man. Eine Epoche war zu Ende. |
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| auszugsweise aus |
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| Käthe Springer; Wien City Guide |
Top Tips
Top Secrets
Top Infos
Photographien von Manfred Horvath
Verlag Christian Brandstätter - Wien |
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mit freundlicher Genehmigung |
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| Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen
und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
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| Kultur und Lebensgefühl im
Biedermeier |
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Bild: Straßenszene auf einer
Geschäftsanzeige der "k. k. priv. Hut-Fabriks
Niederlage" von Franz May in der Rotenturmstraße. Farblithografie. Um
1845
© Verlag Christian Brandstätter |
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| Die Ideen der josefinischen Aufklärung sind noch
lebendig, und eben erst war der Staat noch gezwungen, die Bürger im
Kampf gegen Napoleon in Volksheeren und Bürgermilizen einzubeziehen – da
setzt mit dem Wiener Kongress eine gegenläufige Bewegung ein. Der Staat
regiert unter Ausschluss der Gesellschaft. Das mit der industriellen
Entwicklung erstarkende Bürgertum findet keine Möglichkeit der
politischen Artikulationen vor. In dieser Lage entdeckt der Bürger das
Vergnügen. Kleinlich überwacht, peinlich von der Welt abgeschirmt und in
der wirtschaftlichen Entwicklung behindert, wendet er sich dem
Kulturleben und der geselligen Gestaltung der Privatsphäre zu und drückt
auf diese Weise seiner Zeit den bürgerlichen Stempel auf. Gerade in
Wien, wo der Druck des Polizeistaates am größten und die ökonomische
Stagnation nach der Kongresszeit am stärksten ist, entwickelt sich eine
umfassende, alle Lebensbereiche durchdringende kulturelle Blüte, an der
erstmals breite Schichten der Bevölkerung teilhaben. |
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Bild: Ein Schubert-Abend bei Joseph
von Spaun. Ölskizze v. M. Schwind. 1868
© Verlag Christian Brandstätter |
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| Der gesellige Lebensstil grenzt an einen
Vergnügungstaumel: Bälle und Feste, überfüllte Theater und Promenaden;
in der Stadt und in den Vorstädten schießen Vergnügungsetablissements
aus dem Boden; in Neulerchenfeldreiht sich Heuriger an Heuriger; man
entdeckt die Natur, macht Landpartien, wer es sich leisten kann, fährt
zur Kur nach Baden oder schickt seine Familie auf Sommerfrische nach
Hietzing oder Döbling. Man legt Wert auf ein gemütliches, liebevoll
ausgeschmücktes Zuhause. Kunst und Kunsthandwerk kommen zu hoher Blüte.
Der Hang zu Zweckmäßigkeit, Schlichtheit und Intimität, die Liebe zum
Detail und Kleinformatigen charakterisieren die biedermeierlichen
Kunstformen, die trotz ihrer Verwurzelung in Romantik und Klassizismus
unverwechselbare Stilelemente hervorbringen. So hat das Biedermeier
zwischen Resignationen und „Rekreazion“ seine Ausdrucksweise gefunden,
die trotz Vergnügungslust und Häuslichkeit, idyllischer
Selbstdarstellung und nachträglichem Klischee die ersten Anzeichen eines
kommenden Umsturzes sichtbar werden lässt. |
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| Text auszugsweise aus |
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| Stadtchronik Wien |
Dr. Christian Brandstätter, Dr. Günter
Treffer
2000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern
Von den Anfängen bis zur Gegenwart |
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mit freundlicher Genehmigung |
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| Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H. |
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Biedermeier / Geschichte |
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