 |
 |
|
 |
 |
| Schau mich an |
 |
| Wiener Porträts |
 |
| Christian Brandstätter Verlag |
|
|
|
Schau mich an erzählt eine Geschichte Wiens anhand der
Gesichter der Stadt. Dabei geht es um mehr als um Porträts als ästhetische
Erinnerungsstücke an Menschen. Bildnisse aus mehreren Jahrhunderten werden vielmehr als
Zeugen gesellschaftlicher Entwicklung präsentiert, die viel über soziale Rangordnung,
inszenierte Macht, Schönheitsideale und moralische Werte verraten. Wer ließ sich
überhaupt porträtieren und zu welchem Zweck? Von welchen Menschen haben wir heute keine
Bildzeugnisse und warum? Worin unterscheiden sich Porträts unterschiedlicher
Gesellschaftsschichten?
Schau mich an zeigt über 300 Porträts aus vier Jahrhunderten. Zu den
Highlights zählen u.a. Bilder von Ferdinand Georg Waldmüller, Friedrich von Amerling,
Hans Makart, Carl Moll, Max Oppenheimer, Richard Gerstl und Trude Fleischmann. Porträts
Unbekannter werden ebenso gezeigt wie Fahndungsfotos und Werbebilder für
Prater-Schausteller, Totenmasken berühmter Künstler, Wachsfiguren, Marmorbüsten und
Nippes ein aufschlussreiches Kaleidoskop der Wiener Gesellschaft im Wandel der
Zeit. |
 |
 |
 |
Bild: Blick in einen Totenmaskenschrank des Wien Museums,
Fotografie von Ernst Logar,
2006,
Wien Museum |
|
|
|
 |
| Michaela Lindinger |
 |
| Ewigkeitsmaschinen |
 |
| Das Depot der Unsterblichen |
 |
Bertha Zuckerkandl bemerkte 1908 folgendes zum Thema Denkmäler:
Die Flucht vor dem Tod ist nachgerade epidemisch geworden. [
] Die aus dem
Urempfinden der Menschheit quellende Sehnsucht nach Verlängerung des Daseins durch das
Angedenken, durch das Haften der Verschwindenden im Gedächtnis der Kommenden hatte ihren
höchsten Ausdruck in der Ehrung gefunden, welche die Menschen ihren Großen gaben
[
].
Man könnte sagen, im 19. Jahrhundert lösten die Museen die Kirchen als jene Orte ab, an
denen zahlreiche Mitglieder einer Gemeinschaft in der Feier desselben Kults kommunizieren.
Im Museum huldigt die Gesellschaft sich selbst, indem sie an ihre Vergangenheit erinnert
und diese unter allen möglichen Aspekten feiert. Wie Bertha Zuckerkandl meinte, sind es
die großen Persönlichkeiten, denen gehuldigt wird, die bleibende Werke auf
verschiedensten Gebieten hinterlassen haben. Als besonders verehrungswürdig galten in
Wien Künstlerinnen und Künstler, um die sich schon zu Lebzeiten oder knapp nach ihrem
Tod ein gewisser Geniekult entwickelt hatte. Paradebeispiele sind Ludwig van Beethoven und
Franz Schubert. Das Totenporträt Beethovens stammt von Josef Danhauser, die Haare des
Komponisten wurden abgeschnitten und in Medaillons gefasst verehrt. Die
Totenmaske, ebenfalls abgenommen von Danhauser, befindet sich heute im Wien Museum.
Obwohl die Abnahme von Totenmasken bereits im 15. und 16. Jahrhundert verbreitet war,
erhielten sie ihre genuine Bedeutung als Sammlungsobjekte erst gegen Ende des 18.
Jahrhunderts.
Totenmasken gehören zur Familie der Crustazeen. Sie täuschen den Abdruck
entwichenen Lebens vor, verhärtete Schale, und doch, von außen gesehen, ganz wie
lebendig noch [
] als wäre der Tod in Wirklichkeit kein Einschnitt [
] und
Lebendigkeit bloß dessen Maske. Nicht umsonst bedeutet das lateinische Wort
larva nicht nur die Schauspielermaske, sondern auch Totengeist.
Und im Salzburg des 18. Jahrhunderts erhielt man kein christliches Begräbnis, wenn man in
einer Perchtenlarve den Tod gefunden hatte so stark verbreitet war noch
das Erleben der Maske als Verkörperung einer jenseitigen Gestalt.
Im säkularen Zeitalter von Rationalität und Aufklärung wurden Totenmasken von der
Familie und von Freunden in Auftrag gegeben, bei öffentlichen Würdenträgern mit
Rücksicht auf deren moralische Vorbildwirkung auch von amtlichen Stellen. Eine Totenmaske
so die Auffassung in der Epoche der neuen, sehr populären Physiognomik
konserviert den letzten authentischen Ausdruck einer Person. Das Abnehmen einer Totenmaske
war allerdings nicht nur erlernbares Handwerk; es forderte auch den Willen zu
künstlerischer Gestaltung. Fast alle überlieferten Totenmasken sind von den jeweiligen
Bildhauern geschönt worden, das heißt die Spuren des Todesprozesses wurden
getilgt.
Die über Jahrzehnte gewachsene Totenmasken-Sammlung des Wien Museums versammelt
herausragende Wiener Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts. Als
Autoren weisen die Masken in vielen Fällten bekannte Künstler wie Viktor
Tilgner oder Caspar von Zumbusch auf. Neben der des Schiller-Nationalmuseums in Marbach
zählt die Wiener Sammlung zu den bedeutendsten in Europa. Wie die Erinnerungsgegenstände
sind auch die Totenmasken der Abteilung Biografische Sammlungen zugeordnet.
Sie erfüllen dort eine überwiegend dokumentarische Funktion. Von den ca. 280 vorhandenen
Masken sind etwa 100 Erstabgüsse, das heißt hier sind die Abdrücke von Haaren, Bart
oder Augenbrauen sehr gut erkennbar.
Das Depot der Unsterblichen ersetzt gewissermaßen ein Wiener Pantheon, eine
exklusive Künstlergemeinschaft im Zeitalter der bürgerlichen Salons und des
künstlerischen Mäzenatentums, scheinbar unangetastet von modernen
Errungenschaften wie Presse oder Parlament.
Um auf den kulturellen Gebrauchswert dieser Porträts zurückzukommen, muss zum
wiederholten Mal erwähnt werden, dass die Gründung des Wiener Stadtmuseums in die
Blütezeit einer sentimental-restaurativen Bewegung fiel, die als Alt Wien
bezeichnet wurde. Der rasanten Entwicklung zur Großstadt und Metropole wurde ein
historisierendes Stadtbild entgegengehalten, das die Begriffe geruhsam und
genussvoll in Anspruch nahm. Die Feuilletonisten des Alt Wien
erfanden eine Tradition, in der popularisierte Musiker und Dichter die fiktive Einheit von
Kunst und Volk symbolisierten. Um bei Körperbildern zu bleiben: Der Schriftsteller Ludwig
Speidel beispielsweise verherrlichte den in Gips gegossenen Fuß der Tänzerin Fanny
Elßler.
Nicht Heilige wurden also verehrt, sondern so genannte edle Menschen. Während die
Porträtplastiken von Aristokraten auf Panoptiken-Niveau sanken, eroberten die
Künstlermasken ihren Platz in den Museen, den neuen europäischen Erinnerungstempeln. Als
Schlüsselfigur dieser Entwicklung ist Ludwig van Beethoven bereits genannt worden. Seine
Totenmaske kam aus dem Nachlass von Franz Liszt an das Wien Museum. Die Legende berichtet,
dass der Maler Matthias Ranftl dem toten Beethoven den Bart abgenommen haben soll, weil
sich kein Barbier gefunden habe, der diese Tätigkeit für unter einen Dukaten ausführen
wollte. Nach der Umbettung Beethovens in ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof kam
der für diese Zeit typische Reliquienhandel in Schwung. Mit notarieller
Echtheitsbeglaubigung versehen, wurden dem Historischen Museum Knöchelchen, Sargsplitter,
Haarreste und dergleichen gewidmet und verkauft, die im Depotraum für
Erinnerungsgegenstände und Totenmasken ein wohlbehütetes musée sentimantal
ergeben.
Die Totenmasken fanden auf verschiedenen Wegen Eingang in das Museum: als Schenkungen der
Witwen, als Widmung von Freunden, Verehrern oder Schülern, oft auch vom Gießer der
Gipsmasken selbst. Josef Hoffmann übergab dem Museum 1923 die Gipsmasken Gustav Klimts
und Josef Maria Olbrichs. Die letzte Totenmaske, die offiziell in Auftrag gegeben wurde,
war die des Wiener Altbürgermeisters Karl Seitz (1950).
Sind Totenmasken nun tatsächlich eine Repräsentation des Individuellen und dessen
physischer Substanz? Karl Jaspers verneint die Anwesenheit von Wahrhaftigkeit in einer
Totenmaske, die jedoch ein zentrales Motiv der bürgerlichen Erinnerungskultur bildete:
[
] in ihr [der Totenmaske, Anm. M.L.] gar ein ewiges Antlitz zu
erblicken, das ist Phantastik. |
 |
| Bilder für die Ewigkeit |
 |
Das Bild überdauert die Zeit, es wird zum Symbol für die Ewigkeit.
Roland Barthes stellt die Beziehung zum Museum her: Die Photographie hat das Subjekt
zum Objekt gemacht, und sogar, wenn man so sagen kann, zum Museumsobjekt.
Im Mittelalter hatte die Reliquienverehrung einen Mobilitätsstrom ausgelöst. Menschen
wallfahrteten oft monate- oder jahrelang, um heilige Stätten, tote Heilige oder deren
wächserne répresentations in ihren gläsernen Schreinen aufzusuchen. Heute
führen die Touristenströme zu den Museen, den Tempeln der Erinnerung, die in Form von
Bildern von den Toten erzählen. Zu den meistbesichtigten Kunstwerken der Welt gehören
Porträts: Nofretete, Mona Lisa oder die von Gustav Klimt porträtierte Emilie Flöge
das wertvollste Stück im Wien Museum. An die Stelle der Heiligenschreine trat die
meist mit Panzerglas gesicherte Museumsvitrine.
Um am Ende auf Sigmund Freud zurückzukommen: Reliquien sind diejenigen Dinge, die
von den Verstorbenen aufbewahrt werden, damit sie im Namen der Realität dafür
garantieren, daß die Toten nicht wiederkehren., bemerkte er in Totem und
Tabu. Beobachten Sie doch einmal ganz bewusst die Leute beim Betrachten der
Nofretete. Vor einem Porträt in einem Museum ist die Allmacht der Verschwundenen oft
durchaus gegenwärtig und spürbar. Denn die Toten sind mächtige Herrscher. |
 |
| Elke Doppler |
 |
| Sich malen lassen! |
 |
| Wie sehe ich aus? Ähnlichkeit und
Schönheit |
 |
| Ausgangspunkt eines Porträtauftrags war vielfach der grundlegende und
nahe liegende Wunsch, im Bildnis gut und eindeutig wieder erkennbar zu sein. Eine
naturalistische, auf die Wiedergabe charakteristischer Merkmale konzentrierte
Porträtmalerei nahm daher einen wichtigen Stellenwert in der westlichen Kunst des frühen
14. bis späten 19. Jahrhunderts ein. Das Porträt sollte ähnlich sein.
Dieser Faktor der Ähnlichkeit stellte innerhalb der Porträtmalerei stets eine viel
diskutierte Kategorie dar, da sie sowohl für die Porträtdefinition als auch
rezeption essenziell war. Zwar bleibt ein Porträt immer die Repräsentation eines
Menschen, sodass sich sein Wert als Annäherung an den Menschen nicht allein dadurch
bestimmt, wie sehr es ihm in allen Details exakt gleicht die charakteristische
Ähnlichkeit einer Person mit ihrem Porträt ist also unabhängig von der Exaktheit der
physiognomischen Wiedergabe entscheidend ist aber, wie sehr die Wahrnehmung des
Künstlers und die des Betrachters in Bezug auf das Modell übereinstimmen. Dennoch:
Naturalismus ist überzeugend. Und das besonders dann, wenn wir als heutige
Betrachterinnen und Betrachter die porträtierte Person nicht mehr persönlich kennen und
uns fragen, ob ihr Erscheinungsbild tatsächlich so ausgesehen haben könnte. |
 |
 |
 |
| Bild: Franz Adam Neuhauser d. Ä., Die Familie des Juweliers Franz
Mack, 1772, Deckfarben auf Pergament, Wien Museum |
 |
| Wer bin ich? Porträt und soziale Stellung |
 |
| Neben dem Bedürfnis nach Individualität steht häufig auch der Wunsch
nach der sichtbaren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschafts-, Interessens-, oder
Berufsgruppe. Porträts können dabei helfen oder darauf zielen, Personen an den jeweils
richtigen Platz innerhalb eines sozialen Gefüges zu setzen. Dies erfordert,
so Brilliant, ein hohes Maß an Übereinkünften unter den Beteiligten, was die
Repräsentation des sozialen Selbst der Person betrifft. Mitglieder einer
Gesellschaft werden durch Bildnisse in Rollen fixiert, durch die sie darstellbar und
erkennbar sind: als Künstler, Herrscher, Familienmitglied, Schönheitskönigin oder
Wissenschafter. Sie können sich aber auch durch die Übernahme eines bestimmten
Porträttypus einem ersehnten Status annähern. Das Spielen einer bestimmten Rolle gehört
hier zum Dazugehörenwollen zu einem bestimmten sozialen Milieu. In dem Porträt stecken
also auch allgemeine, überindividuelle Informationen zur tatsächlichen oder erwünschten
sozialen Position einer Person. |
 |
| Christina Natlacen |
 |
| Physiognomien außerhalb der Norm |
 |
| Schattenbilder |
 |
| Im Jahr 1786 entstand eine Silhouette, die aufgrund des aktuellen
Interesses an der dargestellten Person als Flugblatt Verbreitung fand. Sie zeigt den
Mörder Franz Zahlheim, der am 10. März 1786 am Hohen Markt in Wien öffentlich
hingerichtet wurde. Der dem Druck zugrunde liegende Holzschnitt wird Hieronymus
Löschenkohl, Begründer einer Silhouettenfabrik, zugeschrieben. Mit dem Flugblatt nahm
Löschenkohl auf ein Ereignis Bezug, das wegen des barbarischen Strafvollzugs des Räderns
im josephinischen Wien viel Aufsehen erregt hatte. Das silhouettierte Porträt hatte
nicht, wie man annehmen könnte, die Funktion eines Fahndungsplakats, sonders stellt ein
Beispiel für |
 |
 |
öffentliche Nachrichtenvermittlung im Zeitalter vor der illustrierten
Tagespresse dar. Das allgemeine Interesse an diesem Kriminalfall führte dazu, dass
Löschenkohl für ein Verbrecherbild ein Porträtformat wählte, das sonst der Darstellung
historisch bedeutender Persönlichkeiten und Vertretern des Bürgertums vorbehalten war.
Bild: Anonym nach Hieronymus Löschenkohl, Franz Zahlheim, 1786, Holzschnitt, Wien Museum |
|
 |
Die Veröffentlichung der Silhouette eines Verbrechers im späten 18.
Jahrhundert steht im Kontext der damaligen Hochkonjunktur der noch jungen Wissenschaft der
Physiognomik. Diese wurde vom Schweizer Pastoraltheologen Johann Caspar Lavater
begründet, der 1775 mit der Publikation des Traktats Physiognomische Fragmente zur
Beförderung der Menschenkenntnis und Menschliebe eine wahre physiognomische
Raserei ins Leben rief. Sein Untersuchungsgegenstand waren die knöchernen,
unveränderlichen Teile des Gesichts, die seiner Meinung nach den Charakter einer Person
zum Ausdruck brachten. Lavaters theoretische Grundannahme war genauso einfach wie
problematisch. Verkürzt auf die Formel Je moralisch besser; desto schöner. Je
moralisch schlimmer; desto häßlicher führte Lavater ein System ein, das der
pauschalen Verurteilung eines Menschen aufgrund seines Äußeren Vorschub leistete. Um
seine physiognomische Deutungspraxis anschaulich darlegen zu können, benötigte Lavater
vor allem geeignetes Bildmaterial. Die Silhouette bot ihm dabei alle wichtigen
Voraussetzungen für ein wissenschaftliches Porträtformat: Sie lässt im Profil die
charakteristischen Gesichtslinien besonders deutlich hervortreten, sie bürgt für
Authentizität, da ihr der Schatten einer Person zugrunde liegt, und sie zeichnet sich in
ihrer abstrahierenden Schwarz-Weiß-Zeichnung durch höchstmögliche Klarheit aus. So
beizeichnete auch Lavater die Silhouette als das wahreste und getreueste Bild, das
man von einem Menschen haben kann. Mit ihrer Qualität des Indexikalischen
der Schatten als physische Spur seines Referenten stellt die Silhouette eine
Vorstufe zur Fotografie dar, denn auch diese liefert ein Abbild nach der Natur, indem sich
die Lichtstrahlen auf der fotografischen Platte einschreiben. Das Schattenbild eines
Mörders nützte diesen direkten Bezug zur Realität, um mit der Faszination des Bösen zu
spielen: Die Person ist unterschwellig in ihrem Porträt anwesend zu einem
Zeitpunkt, als Franz Zahlheim selbst nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Das Silhouettenschneiden galt seit seinem ersten Höhepunkt im letzten Drittel des 18.
Jahrhunderts als populäre Porträtkunst, die oft auch von Laien ausgeübt wurde. Nicht
zuletzt wegen ihres Status als Kunststück und wegen ihrer Kommerzialisierung überlebte
die Silhouette im Kontext des Jahrmarkts. Der Jahrmarkt galt schon immer als Ort
physiognomischer Besonderheiten und Spielereien. Seine Ausrichtung auf Unterhaltung und
Vergnügen ging mit dem Phänomen der Schaulust einher, das im öffentlichen Spektakel
seine stärkste Ausprägung fand. Bevor Lavater die Physiognomik zu einer anerkannten
anthropologischen Disziplin nobilitierte, hatte sie den Stand einer Populärwissenschaft.
Im späten 19. Jahrhundert fand eine neuerliche Konjunktur der Physiognomik sowohl in der
Wissenschaft als auch im Populären statt. Tom Gunning sieht als Ursprung dieser zwei
unterschiedlichen Diskurse die curiositas, die Faszination für das
Ungewöhnliche. Sichtbar wird diese Schnittstelle zwischen der wissenschaftlichen
Forschung und der Neugier der Populärkultur in der Repräsentation des menschlichen
Gesichts. Im Folgenden wird zwei besonders prägnanten Ausformungen dieser Faszination
für das Ungewöhnliche nachgegangen, und zwar den Darstellungen von Verbrechern und von
Menschen mit physischen Abnormitäten. Scheinen auf den ersten Blick Verbrecherbilder
ausschließlich dem Feld der Wissenschaft und Porträts von Freaks dem Jahrmarkt
zugeordnet, so werden ausgewählte Beispiele diese Ordnungen aufbrechen. Als Bildmedium
dieser zwei Traditionen steht die Fotografie im Mittelpunkt, die Ende des 19. Jahrhunderts
in beiden Bereichen eine grundlegende Rolle spielte. |
 |
| Verbrecherfotos |
 |
Fast exakt hundert Jahre nach der Silhouette des Mörders Zahlheim,
nämlich 1888, wurde vom österreichischen Justizministerium angeordnet, jeden Verbrecher
in einer Strafanstalt zu fotografieren. Es sollten sowohl zum Zeitpunkt der Inhaftierung
als auch der Entlassung Porträtaufnahmen angefertigt werden, welche die Identität des
Straffälligen bezeugen. Dieser Erlass ist als Reaktion auf einen kriminologischen Diskurs
zu begreifen, der den Glauben an die Sichtbarkeit des Bösen zum obersten Prinzip erhob.
Dabei kam die Fotografie den Wissenschaftern überaus gelegen, um der Physiognomik zu
neuer Popularität zu verhelfen. Geistiger Vater dieser im Visuellen begründeten
Verbrecher-Physiognomik war Cesare Lombroso, der 1876 sein äußerst einflussreiches Buch
LUomo delinquente veröffentliche. Lombroso trat mit seiner Ansicht,
dass sich am Äußeren eines Menschen seine moralische Verfassung ablesen lasse, die
Nachfolge Lavaters an, widmete sich aber ausschließlich den Außenseitern der
Gesellschaft. Auf der Suche nach einem Typus des Kriminellen, der sich grundlegend vom
Normalen unterscheide, begann Lombroso, Körper zu vermessen, Schädelformen
zu klassifizieren und Fotografien zu interpretieren. Dem Blick kam bei diesem Vorgehen
entscheidende Bedeutung zu. Hans Kurella, Anhänger Lombrosos und Übersetzer seiner
Schriften ins Deutsche, hob seinen ausserordentlich scharfen Blick für das
Wesentliche und Charakteristische eines Individuums hervor und positionierte damit
Lombrosos Vorgehensweise in die Nähe einer Bildwissenschaft.
Lombrosos sezierender und manipulierender Blick richtete sich vorzugsweise auf
fotografische Porträts von Straffälligen, um anhand dieser vermeintlich objektiven
Quellen eine ganz besondere und eine fast jeder Form von Verbrechen eingenthümliche
Physiognomie festzustellen.
Heute kann Lombrosos Lehre als Teil des wissenschaftsgeschichtlichen
Kuriositätenkabinetts bezeichnet werden, doch Ende des 19. Jahrhunderts wurden
seine Theorien mit Ernsthaftigkeit rezipiert. Der unreflektierte Glaube an die Wahrheit
des Mediums Fotografie leistete einer Bildpraxis Vorschub, die Kriminelle den herrschenden
Kontroll-, Macht-, und Wissensmechanismen unterwarf. Die angeordnete fotografische
Aufnahme von Gefängnisinsassen ging nicht immer ohne Gewaltanwendung vor sich.
Unfreiwillig wurden Verbrecher zu Objekten gemacht, um das Böse ins Bild zu
zwingen. Das Objektiv der Kamera richtete sich primär auf das Gesicht; gleichzeitig
dienten aber auch die Hände als Identifizierungsmerkmal. In der charakteristischen
Handhaltung wurde zudem eine Unterwerfungspose erzwungen, die dem
Fotografierten jeden Handlungsspielraum absprach. Um ein Maximum an physiognomischer
Information zu erhalten, suchte man bald nach Möglichkeiten, Profil- und Vorderansicht zu
kombinieren. Die Konstruktion eines in einem bestimmten Winkel zur frontal vor der Kamera
positionierten Person aufgestellten Spiegels erlaubte ein Doppelporträt ohne am Apparat
selber technische Eingriffe vornehmen zu müssen. Die konkave Schneidung des Spiegels im
Bereich der Schulter zeugt von einem ersten systematischen Einsatz erkennungsdienstlicher
Fotografie. Mit den Fotografien von Straffälligen wurden oft so genannte Verbrecheralben
angelegt, die eine Bildkartei einer Strafanstalt darstellten. In zwei Reihen wurden die
Aufnahmen vom Zeitpunkt der Inhaftierung und der Entlassung angeordnet, sodass die
Möglichkeit zum direkten Vergleich der physiognomischen Veränderung während der im
Gefängnis verbrachten Zeit gegeben war.
Alphonse Bertillon, ab 1882 Leiter des polizeilichen Erkennungsdienstes in Paris,
begründete in Folge eine standardisierte Methode der Verbrecheridentifizierung. Der
Fotografie schrieb er dabei herausragende Bedeutung zu, indem er sich auf ihren
Beweischarakter berief. Bertillons System umfasste die Vermessung bestimmter Körperteile,
eine genaue Gesichtsbeschreibung, das Festhalten besonderer personaler Kennzeichen und die
Fotografie. Im Zentrum seiner umfassenden Datenerhebung stand der menschliche Körper, an
dessen äußeren sichtbaren Merkmalen sich seiner Ansicht nach Identität ablesen ließ.
Das Foto war ihm letztlich Zeugnis für die wissenschaftliche Wahrheit der sprachlichen
Beschreibung, die ohne das Bild doch nur Zahlen und leere Worte bedeutet hätte.
Im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts interessierte sich Josef Maria Eder,
Fototheoretiker und Gründer der k. u. k. Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, für die
Entwicklungen in Paris. Er entsandte 1897 Franz Eichberg zu Bertillon, damit dieser
Kenntnisse über die neuesten Anwendungen der Polizeifotografie erwerbe. In Folge
initiierte Eichberg die Errichtung eines Fotoateliers zu erkennungsdienstlichen Zwecken in
Wien. Wichtige Bestandteile dieser Einrichtung waren ein Aufnahmestuhl mit Kopfstütze,
eine adaptierte Plattenkamera und eine angeschlossene Dunkelkammer. Emil Wrbata, ab 1900
Leiter dieses fotografischen Ateliers der Wiener Polizeidirektion, unterstrich in einem
Vortrag die besondere ästhetische und inhaltliche Zielsetzung der erkennungsdienstlichen
Porträtfotografie: [
] man darf jedoch keine künstlerischen und keine
technisch schönen Fotografien erwarten, da der Polizeiphotograph in erster Linie nur ein
den Tatsachen vollkommen entsprechendes Bild anzufertigen hat. Dieses
standardisierte wissenschaftliche Format bestand aus einer Profil- und einer
En-Face-Aufnahme mit einheitlichem Verkleinerungsmaßstab. 1902, als der wegen brutalen
Mordes an einer Trafikantin beschuldigte Anton Schenkel überführt wurde, hatte diese
Form der identifizierenden Porträtaufnahme in Wien bereits regulär Eingang in die
Polizeiarbeit gefunden. Im Lauf der Jahre nahm die Zahl erkennungsdienstlich
dokumentierter Gesichter gewaltig zu. Die Masse an polizeilichen Zwangsporträts glich
einem Schattenarchiv, das parallel zur öffentlichen Atelierfotografie
entstand. So sehr sich die staatliche und private Bildproduktion auch voneinander
unterschieden, so gab es doch auch ähnliche Merkmale. In beiden Bereichen dominierten
stereotype Gesichter ohne Ausdruck, in der Flut an fotografischen Porträtaufnahmen
verflüchtigte sich das Individuelle und übrig blieben millionenfache Gesichter, die sich
alle glichen. |
 |
 |
 |
Bild links: Anonym, Rosalia Schneider, Dienstmädchenmörderin, 1891,
Fotografie, Wiener Kriminalmuseum
Bild rechts: Anonym, Anton Schenekl (auch enekl), Raubmörder, 1902, Fotografie,
Wiener Kriminalmuseum |
|
 |
Verbrecher, Freaks und Vorstadtpromis
Bilder aus der Gegengesellschaft |
 |
Mit der Erfindung der Fotografie erweiterte sich ab der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts der Kreis der Porträtierten. Während über viele Jahrhunderte
hinweg lediglich Personen aus der besseren Gesellschaft in Bildnissen
dargestellt wurden, entwickelte sich nun parallel zur bürgerlichen Atelierfotografie und
außerhalb der offiziellen Ästhetik eine andere Bildproduktion. Fotografien
wurden eingesetzt, um auch Repräsentanten einer Gegengesellschaft abzubilden.
Viele Porträts entstanden unfreiwillig, etwa jene von Dieben, Mördern und anderen
Verbrechern, die in den Gefängnissen oft unter Anwendung von Gewalt zustande kamen. Mit
technisch genormten Aufnahmebedingungen wurden mithilfe der Wissenschaft die Gesichter und
Körper der Verbrecher fotografiert, vermessen und klassifiziert, um dem
Bösen auf die Spur zu kommen. Der typische Verbrecher sollte an
seinen äußeren Merkmalen erkennbar sein.
Auch die Populärkultur trug zur Verbreitung von Porträtbildnissen bei. Kommerziell
vertrieben wurden Fotos von leicht bekleideten Varietékünstlerinnen, die primär von
männlichen Sammlern gekauft wurden. Ebenfalls beliebt waren Abbildungen von halbnackten
Männern im Leopardenfell beim Ringen und Keulenschwingen. Solche Bilder warben oft für
Attraktionen auf Jahrmärkten und im Prater. Dort konnte man auch Show Freaks
bei ihren Vorführungen bestaunen. Seit vielen Jahrhunderten gibt es ein voyeuristisches
Interesse an der Darstellung des physisch Abnormen. Menschen mit körperlichen
Missbildungen wurden zum Gaudium öffentlich vorgeführt. Im späten 19. Jahrhundert waren
etwa Fotografien von Haarmenschen, Bartfrauen, kleinwüchsigen Menschen, Riesen oder
Frauen ohne Unterleib willkommene Themen für sensationslüsterne
Bild-Journale. Auch als Sammelobjekte fanden solche Bilder regen Absatz. |
|
|
 |
|
|
|
|
 |
|
 |
 |
| auszugsweise aus |
 |
| Wien Museum; Schau mich an |
| Wiener Porträts |
 |
 |
| Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
|
|
|
|
|
 |
| mehr zum Verlag |
 |
|
|
|
|
 |
|
|
 |
 |
|