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| Hannes Etzlstorfer (Hrsg.) |
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| Küchenkunst & Tafelkultur |
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Culinaria von der Antike
bis zur Gegenwart |
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| Christian Brandstätter Verlag |
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| Das Küchenerbe der Donaumonarchie |
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| Bild: Österreichisch-Ungarische Länderwappen.
Farblithografie. In: Meyers Konservations-Lexikon. 5. Auflage. 17. Band. Leipzig
Wien (Bibliographisches Institut), 1896. Sign. 683270-C. Neu Mag |
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Wie Buchteln, Dalken, Gulasch und Risotto eingemeindet wurden

schieb an und ab ein Gollasch ein,
(kann freilich auch ein Bruckfleisch sein)
ein Schweinspörkelt, ein Rehragout,
Omletts mit Champignon dazu

Josef Weinheber (1892-1945)
In Geschichten und Anekdoten wird die Genese der Wiener Küche gerne als Produkt einer
Multikulti-Kochkunst darzustellen versucht in der Tat birgt sie die
unterschiedlichsten Einflüsse aus den einzelnen Kronländern, die sich seit dem 17.
Jahrhundert nachweisen lassen. Dieses Phänomen ist letztlich auch als Resultat
gewanderter Rezepte zu verstehen, wie wir dies schon seit den Anfängen der
mittelalterlichen Kochrezeptliteratur innerhalb des europäischen Kulturraumes beobachten
können; ungarische und böhmische Einflüsse dominieren dabei besonders. Kein Wunder,
dass sich in der Wiener Küche Lehngut aus Ungarn genauso findet wie aus den slawischen
Ländern oder aus Italien. Viele dieser Speisen erhielten im Zuge der Amalgamierung dann
jene typische wienerische bzw. österreichische Note, die sich vor allem in der Dämpfung
ursprünglicher geschmacklicher Extreme niederschlug und diese kulinarische Eingemeindung
über Jahrzehnte zum Abschluss bringen sollte. |
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| Kalorienreduzierte Adaptionen dieser altösterreichischen Spezialitäten aus den
ehemaligen Kronländern haben ihnen trotz Beteuerungen seitens einiger
ambitionierter Berufsköche viel von ihrer ursprünglichen Aura genommen. |
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Bild links: Häferl mit Namenszug. Ende 19. Jahrhundert. Lasberg,
Sammlung Punkenhof
Bild unten: Volkstrachten der Donaumonarchie. Farblithografie. In: Meyers
Konversations-Lexikon. 5. Auflage. 17. Band. Leipzig Wien (Bibliographisches
Institut), 1896. Sign. 683270-C. Neu Mag |
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| Stellen wir Ungarn an die Spitze: Schon der wahrscheinlich aus der
Walachei stammende Marx Rumpolt (Ein new Kochbuch, 1581) notierte als eine
kulinarische Konstante der ungarischen (wie auch der polnischen) Küche, dass die Magyaren
das meiste mit Zwiebeln kochen würden, tadelte aber zugleich, dass sie beispielsweise
gern Ingwer zum sauer eingekochten Geißfleisch nähmen, wodurch es schließlich einen
bitteren Geschmack bekomme. Bereits im Libro de cucina des 14. Jahrhunderts
findet sich ein Rezept für eine Ungarische Torte; Messisbugo erwähnt zudem
eine Forelle in Wein nach ungarischer Art. Die als Küchenkonstante genannte
Zwiebel spielt beim Inbegriff ungarischer Kost, dem Gulasch (Gulyás = Hirte),
eine große Rolle. Es bezeichnete ursprünglich ein Rinderhirtensuppengericht
(Gulyás hus), das im 18. Jahrhundert im Zuge von Viehtransporten von
ungarischen Rinderhirten nach Wien durchsickerte. Sie brachten auch das Rezept für das
Paprikafleisch (Pörkelt) nach Wien mit. Bereits 1819 erschien im
Kochbuch der Wirtschaftlichen Prager Köchin erstmals ein deutschsprachiges
Gulaschrezept, das Anna Dorn für ihr Großes Wiener Kochbuch übernahm und
als Zwischenmahlzeit und wichtigstes Gabelfrühstück einführte. Die Prato lieferte in
der Folge neben einem Rezept für eine Gulyas-Suppe auch
Gulyas-Rezepte für die unterschiedlichsten Fleischsorten: Kalb-, Lamm-,
Pferde-, Rind-, Schöpsen- und Schweinefleisch; sie führt überdies ein deutsches Gulyas
an, das mit Mehl gestaubt und mit etwas Essig, Thymian und Lorbeerlaub aufgekocht wird.
Als Wiener Saftgulasch erhielt es schließlich durch Zugabe einer Brotscheibe, die mit
Zwiebeln, Paprika und Fleisch verkocht wurde, seine typische Konsistenz. Mit Spiegelei,
Frankfurter Würstchen und Essiggurkerl wird dieses zum Fiakergulasch. |
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Bild links: Buchteln. In: Haas Rezepte. Kochbuch der
Fa. Haas, um 1970. Wien, Erika Krause
Bild rechts: Segediner Golasch. Kochbuchmanuskript. Wien, um 1920. Gutenstein, Daniel
Bernard. Sorgfältige Schrift und die Verwendung von Tinte bestätigen die Absicht, diese
Aufzeichnungen als kulinarisches Vermächtnis an Generationen von Köchinnen
weiterzugeben. Schweinefleisch und Sauerkraut sind die Pfeiler dieses beliebten Gerichts,
das auch in handschriftlichen Kochbüchern nicht fehlen durfte. Titelgeber des Rezepts ist
eine der sonnenreichsten Städte Ungarns: das von den Römern gegründete und von König
Béla IV. 1247 zur Stadt erhobene Szeged. |
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| Ob nun als Wiener oder als ungarisches Gulasch beide verdanken
im Grunde Amerika ihre Entstehung, da Paprika aus Amerika eingeführt wurde und erst im
17. Jahrhundert Ungarn als spanischer Pfeffer erreichte, wo er bei
Fleischeintöpfen Verwendung fand. Paprika benötigen auch das ungarische Kesselgulasch
(Bográcsgulyás), das aus der Küche der Zigeuner stammende Letscho
(lescó, Paprikagemüse mit Zwiebeln und Paradeisern), die als pikante
Würstel bekannten und nach der Stadt Debrecen benannten Debreziner (geräuchert auch als
Kabernossi), die Debreziner Krautwickel (Debreceni töltött káposzta), die
pikanten Paprikawürste (Kölbász, auch Klobasse genannt), die
Korhely Suppe (Gulaschsuppe mit Sauerkraut), das Birkaporkölt
(Lammgulasch) oder auch die Hortobágyer Palatschinken aufgrund ihrer auf dem
Gulasch basierenden Füllung (benannt nach Hortobágy, einer ungarischen
Grassteppe). Unentbehrlich ist Paprika auch bei Halászle (ungarische
Fischsuppe), Tarhonya (eine Art Teigreis), Langos (Germ- bzw.
Hefeteig mit Knoblauch), Fogosch (Zander) und den Pogatschen
(Pogácsa, kleine Bachwaren mit Grammeln, Schmalz, Bohnen, Kraut, Topfen oder
Kartoffeln). Einem der bedeutendsten ungarischen Adelsgeschlechter erweist der
Esterházy-Rostbraten kulinarische Referenz. Bei diesem laut Pratos
Süddeutscher Küche mit Speck, Sardellen, Limonenschalen, Kapern und Zwiebeln
zuzubereitendem Essen handelt es sich im Grunde um eine Variante der Fleisch-Roulade. Als
Esterházy-Rostbraten erscheint diese Roulade schon im 1860 in Wien
erschienenen Kochbuch Die praktische Wiener Vorstadt-Köchin als Meisterin in der
Kochkunst der Klosterneuburger Stiftsköchin Clara Fuchs. Die engen Beziehungen der
Stifte über Grenzen hinweg dokumentierte die Stiftsköchin des an der Donau gelegenen
Augustiner Chorherrenstiftes in Rezepten für ein Ungarisches Repphuhn (Nr.
64), für Forellen in Tokayerwein (Nr. 145) oder auch für einen
Böhmischen Fisch (Nr. 49). Der genannte Tokayer ist ein ungarischer
Dessertwein, der uns zu den Mehlspeisen wie der nach der Budapester Zuckerbäckerei
Dobos benannte Dobostorte, der nach der Budapester Konditorei Gundel benannte
Gundelpalatschinken oder den Schomlauer Nockerl (Somlói galuska,
drei verschiedene Bisquitsorten mit Rum, Creme, Schlagobers und Schokoguss garniert und
benannt nach dem Ort Somló) führt. Sie runden dieses Porträt der
ungarischen Küche ab, die vor allem bei den Fleischspeisen nachhaltig auf die Wiener
Küche wirken sollte. |
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| Bild: Ansicht von Prag. Kupferstich von Josef Gregory
nach einer Zeichnung von Ludwig Kohl, 1792. Sign. E 15.579 |
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| Die Entwicklung der ebenfalls der ungarischen Küche zugerechneten
Palatschinken wurzelt jedoch nicht in Ungarn, sondern reicht bei genauer Betrachtung bis
in die Antike zurück, wo man Kuchen als placenta bezeichnete (diese
Bezeichnung wurde in der deutschen Wissenschaftssprache seit dem 17. Jahrhundert für
Mutterkuchen herangezogen). Im Rumänischen, einer Tochtersprache des Lateinischen, wurde
in der Folge aus dem placenta das Wort placinta, das ein aus Mehl,
Milch und Eiern zubereitetes Fladenbrot bezeichnete und von den Ungarn in
palacsinta umbenannt wurde; im Böhmischen wandelte sich das Wort in
palatcinka. Böhmische Köchinnen dürften sich schließlich im 18.
Jahrhundert in die Wiener Küche eingebürgert haben, wo sie jedoch erst im 19.
Jahrhundert als Palatschinken (früher Eier- oder Pfannkuchen) in den Wiener
Kochbüchern auftauchten und man darunter anfänglich eine Suppeneinlage (die Frittate)
verstand. Unter den slawischen Kocheinflüssen kommt der böhmischen Küche zweifellos die
größte Bedeutung zu. Typisch für sie sind vor allem die Mehlspeisen, aber auch die
deftigen Fleischspeisen, während Salat und Gemüse eine untergeordnete Rolle spielen. Die
Bandbreite reicht von den Skubanki (skubánky, Zupfnudeln) bis zu den Dalken
(vdolky, von vdolek = kleine Mulde, die auf die notwendige Mulden-
bzw. Dalkenpfanne hinweist). Unter den böhmischen Mehlspeisen sind noch Buchteln
(Wuchteln), Liwanzen (livance, eine Art Palatschinke mit Germ) und Golatschen
bzw. Kolatschen (kolác, Kuchen) hervorzuheben, die im Powidl einen
Verbündeten gefunden haben. Auch in den kulinarischen Nachrichten des Biedermeier sind
diese Köstlichkeiten präsent. Im Jahre 1836 schwärmt zum Beispiel der Berliner
Adolph-Georg-Theodor Glaßbrenner in seinem Buch Bilder und Träume aus Wien
von Junggansl, Rostbraten, Esterházy-Lungenbraten und
vor allem von Böhmischen Dalken. Katharina Pratos berühmtes und in der
ganzen Monarchie verkauftes Kochbuch Die süddeutsche Küche versieht noch in
der 38. Ausgabe von 1905 sechs Rezepte mit dem Beinamen Böhmisch: Dalken,
Dalken von Hefeteig, Erbsen, Karpfen, Kolatschen und Mehlknödel. Während heute
Gemüsegerichte kaum mit der böhmischen Küche in Verbindung gebracht werden, lässt sich
Pratos Rezept für böhmische Erbsen beispielsweise bis ins Spätmittelalter
zurückverfolgen, wie die Erwähnung eines Rezepts von Böhmischen Erbsen (Nr.
73) im Kochbuch des Wiener Dorotheerklosters aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts
belegt. |
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| Bild: Prager Kaufrufe. Kolorierte Lithografien, Anfang
19. Jahrhundert. Sign. 33889 |
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| Einen guten Ruf genoss schon damals die polnische Küche, zu deren
Akzeptanz nicht nur die vom Polenkönig Jan Sobieski 1683 siegreich beendete
Entsatzschlacht um Wien beigetragen haben dürfte, sondern auch die temporäre Ausdehnung
des Habsburgerreiches in heutige Gebiete Polens und der Ukraine. Daran erinnert die
Kabanossi: Sie bezeichnet eine Art Jagdwurst aus der polnisch-ukrainischen Küche. Die
kulinarische Reputation Polens belegen seit dem 16. Jahrhundert in Deutsch erschienene
Rezepte wie Hecht auf polnisch, vereinzelt auch Lämmlein, Rehwildbret, Hühner und
Kapaune auf polnisch. Rothes Wildprät in einer pohlnischen Äpfel-Brühe
steuert auch Hagger in seinem Saltzburgischen Kochbuch von 1718 bei . Bei
Gemüsegerichten nach polnischer Art, die sich nach 1900 vermehrt auch auf heimischen
Speisekarten finden, wird das zumeist völlig durchgegarte Gemüse mit einer Mischung aus
zerlassener Butter und gebräunten Semmelbröseln übergossen. Barszez ist die
polnische Bezeichnung der typischen Rote Rübensuppe und findet sich auch unter der
Bezeichnung Polnische Suppe in Pratos Kochbuchklassiker wieder (38. Auflage,
1905, S. 94), wo auch Rezepte für polnischen Hering-Salat (S. 185), polnischen Salat (S.
372) und polnischen Kuchen (mit Mandeln, Eierschnee und mit Marillenmarmelade bestrichen,
S. 539) tradiert werden. Bigos steht für ein Eintopfgericht aus Sauerkraut
und Weißkohl mit Fleisch oder Pilzen, verfeinert mit Pfeffer und Tomatenmark. Hierzulande
dürften auch die Pierogi ein Begriff sein, bei denen es sich um gekochte oder
angebratene Teigtaschen handelt, gefüllt mit Sauerkraut, Fleisch, Pilzen oder Obst und
Früchten. Auch einige der südlichen und südöstlichen Nachbarvölker, die einst
ebenfalls über geraume Zeit unter dem Einfluss des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn
standen, haben ihre kulinarischen Visitenkarten hinterlassen, etwa die Serben mit
Cevapcici. Von der dalmatinischen Küste kamen hingegen zahlreiche
Fischgerichte. Aus der rumänischen Küche ragen am ehesten Supa de Pui cu
Galuste (Hühnersuppe mit Grießklößchen), Gogosari Elena (eingelegte
rote Paprikaschoten) oder Salate de vinete (Auberginenpaste) heraus. |
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Bild links: Pasteten in Reifform. Xylografie. In:
Katharina Prato: Die süddeutsche Küche. 38. Auflage. Graz (Styria), 1905. Wien, Erika
Krause. Pasteten, in verschiedenste kunstvolle Formen gegossen, bildeten früher den
glanzvollen Höhepunkt eines jeden Festessens.
Bild rechts: Speisekarte: Gasthaus zur Stadt Paris, Gaudenzdorf. Wien, um 1840. Wien,
Christian Brandstätter |
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| Besondere Bedeutung gebührt schließlich dem Einfluss der
italienischen Küche, der in älteren Kochbüchern in der Zusatzbezeichnung nach
welscher Art zum Ausdruck kommt; schon die Küchenmeisterei (erstmals
1485 erschienen) nennt Pasteten nach welschen Sitten. Er ist nicht nur in
einzelnen übernommenen Gerichten nachweisbar, sondern äußert sich auch in den jeweils
gewählten Zutaten: u. a. Risipisi (Reis mit Erbsen), Frittaten (frittata,
ursprünglich eine Art Eierkuchen), Panadelsuppe (Panata, Brotsuppe), Pafesen
(pavese, aus Pavia), Fisolen (phaseolus), Marillen
(Armellino), Ribisel (ribes). Bekanntlich führen auch die
verschlungenen Wege der österreichischen Leib- und Festspeise, die schlechthin als
Inbegriff österreichischer kulinarischer Identität gilt, nach Italien zum Wiener
Schnitzel. Gastrosophen vermuten den Ursprung des Schnitzelrezepts in Byzanz, von wo es
durch Händler nach Westeuropa gelangte. In Venedig war es im 15. Jahrhundert in illustren
Kreisen Mode geworden, Speisen mit Blattgold zu belegen, was ihnen aber der Rat von
Venedig 1514 aus Sparsamkeitsgründen verboten hatte. So wich der venezianische Adel in
eine andere Technik aus und vergoldete die Speisen in der Folge mit den
weniger kostspieligen Bröseln. Nachdem Feldmarschall Radetzky die Aufständischen 1848 in
Mailand besiegte, entdeckte er die cotoletta alla milanese, die er nach Wien
brachte und hier als die berühmten Wiener Schnitzel gefeiert werden sollten. Aus Mailand
bzw. aus der lombardischen Küche wanderten auch viele andere Rezepte über die Alpen in
Richtung Norden: diverse Gerichte à la Mode Lombarde, Lampardische
Sülze, Mailänder Reis und Mailänder Schnitten. Katharina
Prato nennt in ihrem Buch bereits einige jener italienischen Teigwarengerichte, die vor
allem heute unsere Vorstellungen kulinarischer Italianità prägen:
Makkaroni-Variationen mit Butter, Bratenresten, Käse, Fleisch, Paradiesäpfeln, mit Saft
(al sugo), Sardellenbutter, Schinken, Schwämmen, Pasteten
(Timbale) oder Pastetchen sowie Makkaronisuppe Spaghetti fehlen
hingegen in der 1905 erschienenen Auflage von Pratos Kochbuch; dafür erwähnt sie
Minestra und einen welschen Salat. |
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Bild links: Speisekarte: Colosseum in der
Brigitten-Aue. Wien, 1837. Wien, Christian Brandstätter. Die beliebten Geflügelgerichte
führen gemeinsam mit der kompliziert zuzubereitenden Oliosuppe und den Rindfleisch diese
typische Speisekarte des Biedermeier an. Heute wieder aktuell, damals vor allem aus
feuerpolizeilichen Gründen in Restaurant untersagt: das Rauchen.
Bild rechts: Geflügel- und Wildrezepte. In: J.M. Hauer: Kleines Pesther Kochbuch
enthaltend die bewährtesten Anweisungen. Pest (Heckenast), 1841. Sign. 224462-A. Alt Mag |
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| Da einst Teil eines riesigen Habsburgerimperiums, kam dem Einfluss der
spanischen Küche auf die österreichischen Kochbücher bis ins frühe 18. Jahrhundert
Bedeutung zu. Hier finden wir neben dem spanischen Reis, der spanischen Sauce, den
spanischen Semmeln und den Winden, der spanischen Windtorte und der am Wiener Hof hoch
geschätzten Oliosuppe auch das Gericht Hollapotrida erwähnt (in Pratos
Süddeutscher Küche: Olla Potrida). Marx Rumpolt nennt ebenfalls
dieses spanische Gericht, für dessen Zubereitung in der höfischen Luxusfassung er noch
90 (!) Zutaten benötigte. Olla Potrida bedeutet fauler Topf, was
besagen soll, dass dieses Eintopfgericht selbst ein Fauler zustande brächte. Es galt
einst als Nationalspeise des spanischen Mittelstandes. Für den Transfer in den
deutschsprachigen Rezeptschatz dürften die erwähnten engen politischen Bindungen
zwischen österreichischen und spanischen Habsburgern eine erhebliche Rolle gespielt
haben. Die seit dem Mittelalter ins ferne spanische Santiago de Compostela aufgebrochenen
Jakobspilger und die gewaltsame Vertreibung der sephardischen Juden aus Spanien sind wohl
für die gesamteuropäische Verbreitung der Olla Potrida in Betracht zu
ziehen. Als Speise wie auch als Synonym für Vermischtes taucht Olla Potrida
bei Jean Paul genauso auf wie bei Miguel de Vercantes, dessen Titelheld Don Quijote (1604)
sich daran erfreut: Die große Schüssel, die dort dampft, scheint mir eine olla
potrida zu sein, und da sich eine so große Mannigfaltigkeit von Essbarem in derlei olla
potrida findet, so kanns mir ja nicht fehlen, daß ich irgend etwas darin finde, das
mir schmeckt und zuträglich ist. Durch die Wanderung dieses Rezepts wurde der
ursprüngliche Name des Gerichts auch manchmal gänzlich missverstanden, wie die
Erwähnung im Kochbuch der Eleonora Rosalie zu Lichtenstein aus dem Jahre 1696 erahnen
lässt, wo es als Alla Potrida oder Patriepastete auftaucht, in
den Speisezetteln des Stiftes Mondsee als allapatarita (21. Dezember 1730;
vgl. Kaltenberger 1998, S. 63) oder in de Rontziers Kochbuch, bei dem es als
En alle Patryden aufscheint und offensichtlich einen Zusammenhang zum
französischen patrie (Vaterland) konstruiert. Viele der genannten Speisen aus
den österreichischen Kronländern finden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt
Eingang in die Kochbücher der Donaumonarchie sie dienten dem kulinarischen
Wissenstransfer, durch sie wurden viele böhmische und ungarische Gerichte auch breiteren
Kreisen in der Residenzstadt Wien bekannt, wo zudem viele Köchinnen aus den Kronländern
tätig waren. In der heimischen Hausmannskost sollten sich über diese beiden Wege bald
die unterschiedlichsten Köstlichkeiten aus den genannten Regionen widerspiegeln. Mit
einer Verzögerung finden sich ausgewählte Speisen Ungarns, Böhmens, Serbiens oder
Italiens dann auch vereinzelt auf den Speisekarten von Hotelrestaurants und Gasthöfen
Wiens. Bei Durchsicht alter Menükarten und Speisezettel aus der Sammlung von Christian
Brandstätter entstand der Eindruck, dass sich hier lediglich pikante Gerichte durchsetzen
konnten, während die variationsreiche Mehlspeisenküche selten angeboten wurde. In einer
Anzeige des Gasthaus-Lokals zur Stadt Paris, in Gaudenzdorf, Hauptstraße, aus
der Zeit um 1834 wird in der Auswahl der schon in Preßburg und Pesth beliebten
Speisen zu 4 kr etwa ein Echt ungarisches Gollasch und
Preßburger-Zwieback angeboten. Dem Preßburger- oder
Damen-Zwieback begegnen wir dann 1837 auf der Speisekarte des Colosseums in
der Brigitten-Aue, wo sich zudem Veroneser Salami findet, die unter anderen auch
Daums Wein- und Delicatessen-Handlung am Petersplatz in Wien um 1850 im
Sortiment führt. Der Pressburger Zwieback und das ungarische Gulasch sollten sich schon
früh auf den österreichischen, vor allem aber den Wiener Speisekarten behaupten. Beim
Gulasch schienen alle sozialen Barrieren zu fallen, wie ein kurzer Blick in die
unterschiedlichsten Menükarten von damals belegt: Laut Speisekarte vom 30. August 1870
aus dem vornehmen Karlsbader Hotel zum Erzherzog Carl befanden sich zwar
Spezialitäten aus anderen Kronländern in der Minderheit, waren aber mit
Goulasch und Linzer Torte prominent vertreten. Der Grund liegt
vermutlich in der Internationalität der Klientel, der man mit einer internationalen Karte
zu entsprechen suchte (z. B. mit Englischem Rinderbraten,
Beefsteak, Risotto oder Kalbsprise à la Neapolitain).
Dies gilt wohl auch für eine um 1900 zu datierende Speisekarte des Hotels Goldener
Engel in der Prager Zeltnergasse, wo sich zwar Wiener Schnitzel und Kaiserschmarren
auf der Karte finden, aber keine einzige als böhmisch ausgewiesene Spezialität. Etwa zur
gleichen Zeit servierte der bodenständige Restaurateur Karl Rinkes in der Wiener
Grundsteingasse Nr. 16 beim Frühschoppen anlässlich des 45. Bestandsjubiläums des
Neulerchenfelder Männer-Gesangsvereins zum Pilsner Bier Schöpsen-Pörkelt
mit Nockerln und Ungarisches Gulyas mit Erdäpfeln. |
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Bild links: János Kotányi: Kochbuch der beliebtesten
ungarischen Nationalspeisen. 14. Auflage. Szeged Wien, 1890. Sign. 1,614.422-B. Neu
Bild rechts: Titelblatt. Farblithografie. In: Zsuzsanna Nemeth: A legujabb es megprobalt
magyar szakacs könyv. 5. böv. Kiad (Das neueste und bewährteste ungarische Kochbuch. 5.
Auflage). Pest (Heckenast), 1858. Sign. 12249-B. Neu Mag |
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Als kulinarische Hinterlassenschaft der Donaumonarchie überstanden
diese vielfach assimilierten Gerichte unbeschadet die folgenden historischen Wirrnisse und
bilden bis heute unverzichtbare Stütze der österreichischen Küche, auch wenn diese
einstigen regionalen Gerichte in Wien modifiziert wurden dies konnte eine
Verfeinerung des Rustikalen genauso bedeuten wie eine Überfeinerung des Bodenständigen,
Groben oder Überpikanten.
Dieses spätbiedermeierliche Kochbuch, das in jenem Verlag erschien, der heute vor allem
mit der Edition von Adalbert Stifters Werken in Verbindung gebracht wird, rubriziert neben
Gerichten aus der ungarischen Nationalküche Ungarische Gulyáshús (S.
33), Husarenbraten (S. 30), Gebratene Ente (S. 112) auch
österreichische Mehlspeisen wie die in drei Rezepten vorliegende Linzertorte
(S. 133f.), eine Kaisertorte (S. 139) und Wienerzelten (S. 157)
sowie internationale Rezepte, etwa für eine Augsburgertorte, eine
Französische Blättertorte oder Spanische Windtorte.

Ungarische Gulyáshús: Schneide zwei Pfund Saftfleisch in kleine
viereckige Stückchen, indessen lasse in eine Kasserole ein Stückchen Speck, würflich
geschnitten, zergehen und zwei feingeschnittene Zwiebeln darin gelb werden, nun gieb das
Fleisch mit einer Kanne Wasser, Salz und etwas Kümmel dazu und lasse es vier Stunden
fortwährend kochen; sollte die Brühe zu stark eingekocht sein, so gieße Wasser nach.
Dann gieb es mit abgekochten Kartoffeln zur Tafel.
Husarenbraten: Häute ein Stück Rindfleisch ab, klopfe und reibe es mit
Salz ein und so lasse es eine halbe Stunde liegen. Jetzt gieb in eine Kasserole reines
Abschöpffett, lege das Fleisch darein, mache unten ein gelindes Kohlenfeuer, wende das
Fleisch öfters um und schmore es hübsch weich und bräunlich. Indessen reibe ein Stück
Hausbrod zu Krumen, hacke eine Zwiebel fein, mische beides zusammen, verrühre es in einem
Asch mit einem Stückchen Butter, gieb auch gestoßenen Pfeffer, Gewürznelken,
Zitronenschalen und Neugewürtz hinzu. Mache in den Braten tiefe Einschnitte, streiche
diese Fasch in dieselben, gieße jetzt den Saft wieder daran und lasse es schmoren, bis
die Zwiebel nicht mehr roh schmeckt.
Kaisertorte: Nimm ein halb Pfund gestoßenen Zucker, ein halb Pfund
Butter samt fünf hart gesottenen Eyerdottern, gieb dies mit etwas Zimmt, Gewürznelken
und Zitronenschalen in einen Asch, rühre es gut ab, gieb noch eine Hand voll Mehl dazu,
fülle es in eine Form und backe es.

Kotányis Kochbuch ist ein frühes Beispiel für die zahlreichen Produkt-Kochbücher, die
von Firmen zum Mittel der Eigenwerbung herausgegeben werden und wo das so vorgestellte
Produkt stets ein wesentlicher Bestandteil des Rezeptes ist. Der in Szeged 1858 geborene
János Kotányi, der sich hier am Titelblatt bereits stolz als Besitzer von Paprikamühlen
in Szeged und Wien präsentiert, kam als 14-Jähriger zu Fuß nach Wien, wo er sein
kaufmännisches Talent rasch entfalten konnte. Bereits 1881 geht in seinem Heimatort die
erste Paprikamühle in Betrieb, wobei er den Paprika auf eigenen Feldern erntete. Schon
drei Jahre später gründete er in Wien-Döbling seine erste Filiale. Es folgte die
Errichtung einer Spedition und eines Handelsgeschäftes für Paprika in der Wiener
Billrothstraße, wo er auch Cognac, Slibowitz, Weinessig und Pflaumen vertrieb. Er zählte
bald zum Kreis der k. u. k. Hoflieferanten. |
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| Bild : Menükarte: Hotel Königsvilla. Franzensbad
Böhmen. J. F. Kopp, Eigenthümer. Lithografie, 4. Juni 1897. Wien, Christian
Brandstätter. Dieses prominente Hotel dient heute als Kurhaus Isis den Gästen und liegt
im östlichen Teil des Kurviertels von Frantiskovy Lázne (Franzensbad). Kaiser Franz I.
hat per Dekret von 1793 den Ort zur Stadt erhoben (Kaiser Franzensdorf), die 1807
schließlich in Kaiser Franzensbad umbenannt wurde. |
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Der rasche Wirtschaftsaufschwung in den 20er Jahren ermöglichte dem
Unternehmen Kotányi die Expansion, die sich in Filialen in Budapest, Berlin, München,
Boston und New York niederschlug. Hans Kotányi führte dann ab 1925 die Firma durch die
schwierige Zeit der Rezession und konnte in Paris bei der internationalen Kochausstellung
wiederum Preise erringen. Mit insgesamt 17 Auszeichnungen wartet auch dieses bereits in
der 14. Auflage erschienene Kochbuch der beliebtesten ungarischen Nationalspeisen auf, aus
dem wir eine Puszta-Pörkölt und das Székely-Gulyás vorstellen
möchten:
Puszta-Pörkölt: Verschiedene Stücke Rindfleisch werden gleichmäßig
und klein geschnitten und ausgewaschen. Dann läßt man in einer Kasserole Zwiebel in Fett
rösten, mengt Kotányi-Paprika hinein, gibt das Fleisch dazu, salzt es und läßt es
zugedeckt kochen. Später erst gibt man Wasser darauf und läßt es drei Stunden kochen.
Wenn es weich wird, läßt man es bis ans Fett rösten, mengt einige geschälte und
geschnittene Kartoffeln hinein und läßt diese mitkochen, bis sie weich sind.
Székely-Gulyás: Man macht vorerst aus Rind-, Schweine-, und Kalbfleisch
ein Gulyás. Gleichzeitig wird Sauerkraut als Gemüse gekocht und wenn es weich wird, gibt
man Kotányi-Paprika und ein wenig Paradeis dazu, vermischt es sodann mit dem
weichgedünsteten Gulyásfleisch und serviert es.
Der Variationsreichtum der böhmischen Küche und hier vor allem der
Mehlspeisküche -, die schließlich von der Wiener Küche usurpiert werden sollte, bildet
seitdem eine kulinarische Reminiszenz an die ehemaligen Kronländer. Aus diesem Grund
werden bis heute die Namen böhmischer Gerichte wie Golatschen, Buchteln oder Liwanzen als
slawisches Lehngut in der Wiener Küche weitertradiert. Dazu zählen auch die
Böhmischen Dalkerln, deren Bezeichnung sich vom tschechischen Wort
vdolky (= kleine Mulde) ableitet, womit hier die besondere Pfannenform mit den
muldenartigen Ausnehmungen zum Backen der Dalken gemeint ist.
Böhmische Dalkerln: Man gibt 3 Seidel Mehl aufgeschüttelt in ein
Häferl, einen Löffel voll Schmalz in ein großes Seidel Obers, etwas von dem Obers
behält man zurück, gibt in das Obers mit Schmalz 3 ganze Eier und 2 Dotter, sprudelt es
gut, und schlägt damit den Teig ab, so daß er wie ein dicker Schmarnteig wird, deckt ihn
mit einem warmen Tuch zu, und läßt ihn auf dem Herd gehen; setzt die Dalkerln rein auf
die Glut, gibt in jede Form einen halben Eßlöffel voll Schmalz, und wenn es heiß ist,
einen Löffel voll Teig hinein; läßt sie auf beiden Seiten schön gelbraun werden, und
legt sie auf eine warme Schüssel.
Ohne Erwähnung bleibt hier jedoch noch die für ihr Geschmacksbild und ihre
Erscheinungsform typische Nachbearbeitung der Dalken mit Marmeladen, vor allem
mit der wohlschmeckenden Dreifruchtmarmelade aus Himbeeren, Ribiseln und Stachelbeeren.
Man setzt zwei und zwei Dalken mit Marmelade zusammen, bestreut sie letztlich mit Zucker
und serviert sie warm. |
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| auszugsweise aus |
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| Hannes Etzlstorfer (Hrsg.); Küchenkunst & Tafelkultur |
| Culinaria von der Antike bis zur Gegenwart |
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| Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
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