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Alltag

Dringende Frage:
Werden Migrantinnen etwa „weiter“ bevorzugt?

(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Sie waren noch nie Zielgruppe arbeitsmarktpolitischer Interventionen, obwohl sie in gut gemeinter sozialwirtschaftlicher Integrationsrethorik „gleich zu behandeln“ wären.

Von Zoraida Nieto

Ein Besuch im abzwien - Verein zur Förderung von Arbeit, Bildung und Zukunft von Frauen - bestätigte uns leider, wie frauenspezifische Ideen und Projekte aufgrund der forcierten Vereinheitlichung innerhalb des Arbeitsmarktservices gekürzt oder gestrichen werden können. „Die Chinesin, die Frau Rosenmeyer, kriegt heute Deutschtraining. Die Frauen werden nachhaltig für Jobs qualifiziert, damit sie nicht gleich wieder herausfallen“, erzählt Irene Besenböck, engagierte Mitarbeiterin des abzwien. Rund ein Drittel der Frauen, die hier neueste Technologien lernen und Aufträge von Firmen wie Siemens oder Take One ausführen, sind Migrantinnen. Hundert Mitarbeiterinnen gibt es in acht Standorten, von denen sechzig langfristig und vierzig als „Transitkräfte“ für ein Jahr angestellt sind. Das abzwien wurde schon 1992 am Schöpfwerk mit feministischen Ansprüchen gegründet. Damals sollte es als Projekt österreichischen Frauen nach langen Karenzpausen und Arbeitslosigkeit wieder Einstiege ins Berufsleben ermöglichen. Bessere Qualifikationen sollte bei starker Konkurrenz helfen, welche EDVmäßig alles versäumt hatte, wieder EDVfit gemacht werden - auch mit Dolmetsch. Mitgründerin Manuela Vollmann ist heute Geschäftsführerin. Nach einer kurzen Entwicklung wurden auch Migrantinnen im Rahmen einer Unzahl von Projekten als Zielgruppe angesehen.

Das abzwien mit seinen „Chancen für Frauen - Chancen der Wirtschaft“ ist eine arbeitsmarktpolitische Nonprofit-Organisation und für mehrere Kurse wie dem für „personal placement“ und „office management center“ am Schöpfwerk, dem TMC („techno media center“), dem „women web“, dem „Women come to technology“, zwei Beratungsstellen und weiteren Maßnahmen-Stellen, die für karenzierte Frauen geschaffen wurden, verantwortlich. Die Öffentlichkeitsarbeit gestalten die abzwien Frauen selbst. Eine eben begrenzte Anzahl Frauen von über Hundert Bewerberinnen werden innerhalb der unterschiedliche Ausbildungsprogramme durch aktive Beteiligung an der Organisation durch wichtige Erfahrungen bereichert. Als Aufnahmekriterium gilt die eigenständige Kontaktaufnahme mit dem Arbeitsmarktservice, Bewerbungsunterlagen und entsprechende Vorkenntnisse der Materie im eigenen Land. Es gilt aus Eigeninitiative nicht nur um Aufnahme zu bitten und zu warten, sondern Pläne und Ziele durchzusetzen. An dieser Stelle taucht natürlich die Frage nach der Information auf, denn mangelnde Infomöglichkeiten oder Desinformation zeigen sich für Migrantinnen als Falle. Unabhängig von den Kompetenzen, die sie erfüllen könnten. Auch bei anderen Projekten, die nicht unter den Rahmenbedingungen des AMS stattfinden, wie Gratiskursen, war die Situation ähnlich: zwischen einem Drittel und fünfzig Prozent Migrantinnen nahmen teil. In „Women and @ Web“ nahmen im vergangenen Jahr Frauen mit bis zu dreißig Muttersprachen teil.

Zurück zu den Ausbildungsprogrammen: Wo mir persönlich die Damen von zuviel Computerpower begeistert sind - manche von uns sind schließlich völlig im Rückstand, besonders im Feld „Business-man of the future“ - gibt es ausreichende Angebote, die nach neuen Entwicklungen ständig variieren. Das abzwien bemüht sich im EDVbereich immer aktuell und am Stand der Dinge zu bleiben. Um Frau nachhaltige Jobmöglichkeiten in den verschiedenen Bereichen des Groß- und Kleinbetriebes zu sichern.

Auf eigenen Füßen stehen die Netzwerk-Administratorinnen, Datenbank-Entwicklerinnen, Programmiererinnen, Trainerinnen und Technikerinnen des virtuellen Zukunftsalltags durch intensive Kurse und viel Praxis in Form von Arbeitsaufträgen, Deutschtraining und nach acht Wochen Praktikum in realer Berufskonkurrenz. Der Prozeß der Arbeitssuche wird begleitet. Bewerbungstraining, Feedback zu den Lebensläufen, Jobfinding - das abzwien ist für die achtzigprozentige Vermittlungsquote mitverantwortlich - anschließend werden die Frauen auf ihre Selbstverantwortung freigelassen!

Der wichtigste Beitrag liegt an der Organisation und den Mitarbeiterinnen selbst, die ab April dieses Jahres mit Schwierigkeiten konfrontiert sein werden. Was als Errungenschaft positiv zu bewerten wäre, muß nun die Konsequenzen sogenannter „Umstrukturierungen“ tragen.

Kein Interesse mehr?

„Dass die Frauen über das Arbeitsmarktservice kommen, wird sich in Zukunft ändern,“ meint Irene Besenböck. „Wegen den Einsparungen werden die einjährigen Anstellungen in Zukunft nicht mehr möglich sein. Wir galten als eine teure Qualifikation, obwohl wir eine Vermittlungsquote von achtzig Prozent vorweisen können.“ Sie wüßte gerne, welche Kompetenzen die Frauenabteilungen im AMS eigentlich besitzen, und ob die Frauenbeauftragten der verschiedenen Ebenen sich auch für Migrantinnen zuständig fühlen. „Bei den Frauen aus den Ländern Osteuropas gibt es viele mit abgeschlossenen Studium im Technikbereich. Für Migrantinnen ist der IT-Bereich besonders wichtig, da es nur wenig Deutschkenntnisse braucht und man sich mit Englisch durchschlagen kann“, denkt Frau Besenböck, die gerade vorher offen zugegeben hat, sich das noch nie „durch die Migrantinnenbrille angeschaut zu haben.“ Das AMS tendiere momentan eher zu Gleichförmigkeit. „Wir haben in kein Schema gepaßt und spezielle Förderungen werden gestrichen.“ Dabei ist genau für Migrantinnen ein ganzheitlicher Ansatz sehr wichtig, da sie eben nicht über selbstverständliche Privilegien der gebürtigen Österreicherinnen verfügen. Ansonsten verläuft alles weiter in Richtung Mensch-Mobil. In den folgenden Lebensbeschreibungen der Bosnierin Vesna und der Slowakin Katharina kann man ebenfalls die Notwendigkeit eines integrierten Beratungsansatzes erkennen. Die beiden erzählten uns, wie sie zum abzwien kamen, von ihren großteils positiven Eindrücken von Österreich und aus ihrem Leben.

„Ich habe keine Angst vor der Zukunft mehr“

Vesna: Beschloss ihr Fachhochschulstudium der Lederverarbeitung in Belgrad. Sie sieht Österreich als „Land der Zukunft“, weil es hier möglich ist, ohne Ärger in einer ethnisch „gemischten“ Ehe zu leben. „Ich wußte, dass ich schnell Deutsch lernen muss, wenn ich mich integrieren möchte.“ Schnell wurde ihr klar, dass die Lederbranche in Österreich wirtschaftlich zu keinem einschlägigen Sektor gehört. „In Bosnien gibt es auch keine Fabrik mehr nach dem Krieg.“ Der Weg zum Arbeitsmarktservice führte zur erfolgreichen Prüfung in einem europäischen Computerführerschein. Wissen über das abzwien fand sie durch einen Folder. So ergab es sich auch, dass sie aus Eigeninitiative (diesen Begriff wiederholte sie sehr oft) sich bemühte, in eines der Ausbildungsprogramme aufgenommen zu werden. Sie überwand Argumente, wie dass sie zum Beispiel nicht alle Voraussetzungen erfülle, da sie weder karenziert und noch vierzig Jahre alt ist. Sie ließ sich nicht entmutigen. „Du hast Montag schon gearbeitete, als sie mich anriefen, weil noch ein Platz frei war“, sagt sie zu Katarina. Sie kann vom abz nur begeistert sein. Vesna legt großen Wert auf Prioritäten und bildet sich als Datenbank-Administratorin. Die Kurse seien intensiv, es gibt viel Praxis, ein achtwöchtiges Praktikum steht noch bevor. Alle können selber Trainerinnen werden. Vesna betont, jetzt keine Angst vor der Zukunft mehr zu haben oder davor, auf der Strecke zu bleiben. „Es kann nichts mehr schief gehen.“ Arbeiten wird sie in dem Bereich, den sie sich wünscht. Und was ihre Qualifikationen und Erwartungen betrifft, so seien diese in die Breite gegangen. Erfolg steht ihr zu. „Sogar, der Gedanke gegen ihren Willen nach Hause zurück zu fahren, sei da gewesen“

Katarina: Sie studierte „theoretische Kibernetik“ in der Slowakei. Der Beruf war im Forschungsbereich angesiedelt und verlangte fundierte theoretische Kenntnisse. Ihr waren viele Programmiersprachen bekannt. Den in Österreich aktuellen Stand, der sich ständig ändert, beherrschte sie aber nicht. Unterschiede zwischen den ost- und westeuropäischen Ländern bereiten den Boden für ungleiche Umstände. Ihr Lebensgefährte ist Österreicher, sie hat eine Tochter. Seit 1999 in Österreich lebend, ging sie in Karenz und verbrachte in großer Unsicherheit drei Jahre zu Hause. Wie sollte ihr ein Wiedereinstieg in das Berufsleben noch möglich sei? Eine beunruhigende offene Frage. Aufgrund ihrer Deutschkenntnisse, wegen ihrer Qualifikation. Sogar, der Gedanke gegen ihren Willen nach Hause zurück zu fahren, sei da gewesen. Katarina wollte aber den Stand einer Programmiererin erreichen. So absolvierte sie ihr Leben vor dem Computer, obwohl sie „kein Computerkind haben möchte“. In einem Kurs der Arbeiterkammer im November 2000, erfuhr sie von „abzwien.technologies“. Katarina wußte, wohin sie wollte. Wie für Vesna waren für sie Durchsetzungsfähigkeit und „Eigeninitiative“ die wesentlichsten Punkte, sie kämpfte mit Unsicherheit und wenig Selbstvertrauen. Doch Katarina wurde aufgenommen und wird als Programmiererin ausgebildet. Deutsch ist völlig nebensächlich geworden! Ihr Erwartungen haben sich herauskristallisiert. Sie kann heute nicht nur von einem breit gestalteten Programm sprechen, sondern steht über dem durchschnittlichem Qualifikationsniveau. Von Anfang an fand sie die Arbeit nur mit Frauen sehr angenehm. Eine ganz neue Situation, für sie ungewöhnlich, weil sie früher nur mit Männern gearbeitet hat. Diese Frauensituation ist für die Zukunft, für ihr Berufsleben, nicht ganz real. Es sind Männerberufe.

Und wie schaut es aus mit dem Computer-Zuhause? Ausschalten.
 
 
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