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Feuilleton

Die Barrikade oder das Geschäft mit
Freiheit und Gleichheit

Von Di-Tutu Bukasa
(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)

Die Ausstellung „Die Gewalt ist der Rand aller Dinge“ im Land des gewaltlosen Widerstandes zeigt Zusammenhänge zwischen Kunst und politischer Militanz.
Politische Kunst zum Thema Gewalt wäre unsere Bezeichnung für diese Ausstellung. Wir, der Verein „Die Bunten“, waren aufgrund des berühmten Satzes von Klausewitz „Der Krieg ist die Mutter aller Dinge“ von vornherein interessiert zu wissen, wie sich einerseits die Kunst mit den Gewaltinhalten in der heutigen Zeit auseinandersetzt und andererseits, wie dies mit unseren Kampagnen („Österreich für Alle Gleich“) und der Streitkultur eines gewaltlosen Widerstands zu vereinbaren ist?
Das KuratorInnenteam Andreas Siekmann und Alice Creischer (Foto) sorgen mit der Ausstellung dafür, die Kultur des Widerstandes seit der französischen Revolution mit einem Akzent auf Gewalt als Quelle und einem auf Gesetzlichkeit, auf der demokratische Freiheit beruht, zu rehabilitieren. Wir wissen, dass es zur Gesetzlichkeit der „Weltherrschaft“ als Hausaufgabe europäischer Politik, heute Globalisierung genannt, immer eine Parallele gab, nämlich die Gesetzlichkeit des Widerstands. In diesem Kontext denkt man als erstes an Eroberer - an Caesar, Karl der Große, Napoleon, Hitler. Doch ihre Imperien zerfielen, ständig änderte sich die Geographie - einmal endete Europa in den germanischen Wäldern, ein anderes Mal am Ural. Europa hatte keine natürlichen Grenzen, nicht einmal im Westen. Noch heute heißt es bei den Briten, „Wir fahren nach Europa“, wenn sie mit dem Auto nach Frankreich übersetzen. Man will wissen und wissen lassen, dass Europa tatsächlich eine Geisteshaltung ist. Es begann als Mythos, mit der Entführung Europas, der Tochter von Agenor, dem König von Tyros, und entwickelte sich zu einem Lebensstil, der aus dem Gefühl entstand, einer gemeinsamen Zivilisation anzugehören. Diese kollektive Mentalität entstand, aber all dies vollzog sich nicht friedlich, sondern war von unzähligen blutigen Kriegen begleitet . . .
Diese gemeinsame Kultur zerbrach im 19. Jahrhundert, als Europa in Nationalstaaten zerfiel. Ihre Prinzipien jedoch überdauerten. Philosophen von Immanuel Kant in Königsberg bis Gaetano Filangieri in Neapel hatten sie formuliert, 1789 wurde sie in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte angerufen: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es ... Diese Rechte sind die Freiheit, das Eigentum, die Sicherheit und der WIDERSTAND gegen die Unterdrückung.“ Sie wurden im Dezember 1948 von den Vereinten Nationen durch die allgemeine Erklärung der Menschenrechte besiegelt.
Zunächst stellen wir fest, dass der zuvor erwähnte Prozess der „Weltherrschaft“ während und durch den „Kalten Krieg“ unterbrochen wurde. Zweitens macht Europa durch die Denationalisierungsprozesse einen unausweichlichen politischen Schritt im Kontext von Täter und Opfer, die sich zwar suchen, aber ihr jeweiliges Rendez-Vous noch nicht festgelegt haben. Deswegen, weil im Anspruch auf Macht zwei „verträgliche“ Globalisierungen einen Gleichgewichtszustand der Macht bedingen - zwischen der jetzt herrschenden USamerikanischen und der „kommenden europäischen“. Drittens kann man vielleicht nur nach dem Rendez-Vous (der Krise) die materiellen Ressourcen des nächsten Widerstands erkennen (weil die herrschende Gleichheit im Kontext des Nationalstaates von der Globalisierungs“gleichheit“ abgelöst wird) - nämlich die Ära der citizens und non-citizens in Gestaltung des Geschäfts von Freiheit und Gleichheit. Bis jetzt hat sich der Mensch, citizen, zumindest verfassungsmäßig mehr oder weniger von der Obrigkeit befreit. Da die Gesetzesentstehung und Herrschaft nur Sache der citizens ist, ist es demzufolge auch nicht falsch, dies aus Sicht der non-citizens als ein Diktat zu betrachten.
Wir, die BZ, haben die Ausstellung besucht und mit den beiden KünstlerInnen stundenlang gesprochen. Wir sind dabei zu folgenden Vorstellungen gekommen: Ja, die PolitkünstlerInnen sind tatsächlich BerlinerInnen. Sie kochen über vor Ideen (und nicht nur mit Wasser) und sind dabei lebendig in der Darstellung der politischen Motivation ihrer Kunstwerke. Sie wurden z.B. von Hans Hacke beeinflußt, der im Bundestagsgebäude, dem ehemaligen Reichstagsgebäude, eine Aussstellung gemacht hat. Die heißt: Der Bevölkerung. Während über dem Parlament immer noch die Widmung steht: „Dem deutschen Volke“. Das löste eine Polemik unter den rechten Politikern aus, gerade was die Migrationspolitik anbelangt. „Der Bevölkerung“ heißt, dass man nicht nur für die deutsche Bevölkerung, sondern auch für alle anderen handelt. Man hat pyramidal die wunderbaren bundesdeutschen Stammbürger, die nützlichen ArbeitsmigrantInnen, und man hat die total unnützen AsylwerberInnen, die man gern weit weg expedieren möchte. Es gibt dabei nur eine Kontroverse: Man möchte sie nicht abschieben, weil wenn man alle abschiebt, kann man diese Repression nicht aufrechterhalten. Die Frage der Bürgerrechte und der Gleichheit wird immer dringlicher, weil diese als eine Art Legitimation für Kriege in anderen Ländern verwendet werden. Auf der anderen Seite werden Menschenrechte selektiv betrachtet - nur für klassenkonsumfähige Personen. Sie sind also nur eine moralische Legitimation, um Subjekte in ihren Migrationsströmen auch für den Kapitalismus einzurichten. Die Kunstwerke selbst sind eine Mischung aus Faszination des Widerstandes seit der „Pariser Kommune“, insbesondere des Frauenwiderstands, und der Visualisierung der Ursächlichkeit von Konflikten und Krisen durch Klassenunterschiede. Die Ausstellung ist ein multimedialer und multivisueller, künstlerisch gewagter Komplex, dessen Besichtigung und Erfahrung jeder/m sehr empfohlen wird. Wir sehen darin die Möglichkeit, diesen komplexen Diskurs nach eigener Perzeption zu erweitern.
 
 
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