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Feuilleton

Es regnet Menschen mit Hüten vom Himmel

(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
„Meine Wahrheit könnte deine Wahrheit nicht werden“ - Gedanken eines freien Denkers. Zusammenfassung einer Kunstbeschreibung des Choreografen und Videokünstlers Marcos Rondon (Venezuela)

Mich fasziniert die Magie, die ein Spiegel verbirgt, dieses Gegenüber mit der Gestalt von einem Selbst, das alle unsere Gesten und Bewegungen seitenverkehrt wiederholt. Es gibt goldene Spiegel, blaue, graue und auch schwarze, aber der tägliche Spiegel ist ohne Zweifel der Silberne. Es gibt Geschichten von Menschen, die durch Zauberei in und hinter einem Spiegel gefangen geblieben sind - andere benutzen ihn, um Seelen oder Phantome anzuflehen. Andere brauchen den ganzen Tag, um sich selbst, wie Narzisse, anzuschauen. Na gut, in Wirklichkeit sehen sie sich nicht selbst, weil sie dafür die Augen zumachen müßten. Was sie sehen, ist der Körper. Sie sehen sich selbst schön, als die schönsten auf der ganzen Welt, wie die Königin im Märchen von Aschenbrödel. Und eines Tages sagt der Spiegel die Wahrheit und mit Sicherheit erzählt er ihr nicht von ihrem oberflächlichen, sondern vom inneren Aussehen. Mit dem Spiegel haben wir die Möglichkeit das schnellste Selbstporträt zu fotografieren, man schaut hin und Klick! Fertig. Für so etwas ist auch ein Aluminiumblatt oder ein ruhiger See nützlich. Aber wer sich wirklich in einem ruhigen See widerspiegelt, ist der Mond. Der See als Spiegel ist nur für den Mond geschaffen und besser, wenn der Mond voll ist. Für uns Sterbliche ist der Spiegel aus Glas zuständig.
Lucas Samaras, der große konzeptuelle Künstler, verwirklichte eine Installation, in der er Tisch und Sessel mit Spiegeln verkleidete und diese in einem leeren Raum, mit Spiegeln verdecktem Boden, Wänden und Decke, liegen ließ, so daß die Bilder sich gegeneinander tausende Male widerspiegelten und ein Gefühl der Unendlichkeit wiedergaben. So wunderbar es damals war, Samaras Spiegelraum zu betreten, so erstaunlich wäre es, den Raum zwischen zwei Spiegeln zu durchqueren. Als Lewis Carol „Alice im Wunderland“ schrieb, dachte er ohne Zweifel an diese Dinge, wie an eine Verlängerung seiner Kreativität und Neugier. Vor allem, weil er wußte, wie gefährlich es ist, besessen weiße Kaninchen zu jagen und die Zeit auf der Uhr anzuschauen. Aber wie viele von uns leben wie Kaninchen oder SklavInnen der Uhr?

Regen von flüchtigen Sternen

Geschriebene Schilder sieht man in einem Spiegel umgekehrt, wenn wir schreiben, werden wir es immer umgekehrt lesen. Diese Weisheit übernahm ein Genie namens Leonardo Da Vinci, er schrieb in dieser Form ganze Buchbänder, so rettete er sein eigenes Leben, sein Manuskript und seine Mysterien vor der „Inquisition“.
Es sind aber nicht nur Spiegel, die mich faszinieren, wie eine Elster oder eine Krähe, die leuchtende Gegenstände suchen, behalte ich die Augen offen für metallisch glänzende Dinge. Es ist sicher, dass ich mir vor Spannung auf die Lippen beiße, wenn ich in einem „Mercado Popular“ (Volksmarkt), Flohmarkt, Spielwarenladen, Werkzeugladen, Eisenwarengeschäft bin, dort wo es keine orthodoxen Materialien gibt, um Kunst zu machen. Ich liebe die Messer, die Scheren und die flüchtigen Sterne. Mir gefällt es, Gegenstände zu sehen, die sich immer wiederholen. Ein schönes Bild ist durch acht hüllenlose alte geschliffene Schwerter gestaltet, Seite an Seite gereiht, die von martialischen Händen gehalten aus dem Himmel hängen. Eine Schere, die vom Himmel fällt, ist nur eine Schere, die herunter fällt, hundert Scheren, die fallen, sind ein Regen von Scheren - diese Vorstellung finde ich besser. Der große surrealistische Maler Magritte malte ein Bild, in dem es Hunderte von Männern, mit dunklen Anzügen, Hüten und Krawatten regnete, sie fielen auf die Straßen einer sehr typischen Pariser Stadt. Ich stelle mir vor, so einen unüblichen Regen zu beobachten, ich weiß, dass sie existieren, die Wissenschaftler sammeln schon Beweise. „Ein Regen von seltsamen Gegenständen“: Spiegel oder Zylinder aus Marmor fallen zu sehen, genau dort zu sein, wenn diese Dinge passieren, wenn Kröten, Adler, Fische, Kügelchen, Münzen, Mana, Kühe, Blut, Haare herunter fallen. Einmal in Wirklichkeit einen Regen von flüchtigen Sternen zu sehen, ist eine der schönsten Vorstellungen, die man träumen kann...Aber genau darunter zu stehen ist gefährlich, weil ein Regen von flüchtigen Sternen nichts anderes ist als ein Regen von Meteoriten oder ein Regen von Steinen, die Spiegel und Knochen zerbrechen. Auf der anderen Seite, einen Gegenstand unabhängig von seinem Gebrauch zu sehen, bedeutet für jede(n) etwas anderes. So zum Beispiel wird für Maria Magdalena der Stein nur von denen geworfen, die frei von Sünden sind. Für den Apostel Petrus bedeutet er zu wissen, daß er über ihn eine Kirche bauen muß. Für David ist er die Munition, mit der er Goliath umbringen wird (der kleine Fisch ißt den großen). Für Joseph Beuys ist er die Markierung, die er braucht, um einen Ahorn zu pflanzen, für meine Mutter ist er ein Gegenstand, um Knoblauch platt zu drücken. Für viele ist er ein guter Stellvertreter des Hammers - andere machen Spaß und malen mit schlechtem Geschmack Landschaften auf die Steine. Außer, dass wir dem Stein seine wesentliche Würde geben, entdecken wir das Substantielle, das ewige Falten und Auseinanderfalten von uns selbst als Gegenstand. Eine Hand wird zur Faust, wie ein Stein, sie ist eine Waffe, eine Faust zerbricht ähnlich einem Stein Spiegel und Knochen. Eine Waffe wie die Verlängerung der Absichten eines martialischen Künstlers. Aber martialische KünstlerInnen brauchen keine Waffe, sie sind eine „Waffe“. Waffen, um zu siegen, bevor ein Zusammenstoß passiert. Das ist in Wirklichkeit die richtige Einstellung, bevor man einen Kampf beginnt. „Siegen“, ohne einen Finger zu bewegen, bevor man Strukturen durchbricht.
Spanische Übersetzung: Edgar Lliuya
 
 
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