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Feuilleton

Dialogräume in der Innenwelt (mit Übernachtung)

(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Wer ist Europa? Das Wiener „Theater des Augenblicks“ nimmt „Europa“ als Inhalt, Rahmen und Ziel für eine Auseinandersetzung auf künstlerischer Ebene.
Von Erika Doucette

Das Konzept „kontext : europa“ wurde geboren, um die Theater-traditionen „Osteuropas“ - speziell jene Polens und der Tschechischen Republik, die vielfältig und in Österreich großteils unbeachtet sind, nach Wien zu bringen. Einerseits erforderte die Einladung tschechischer und polnischer KünstlerInnen eine Auseinandersetzung mit neuen Methoden, Themen oder Formen der theatralischen Arbeit. Andererseits eine Begegnung mit den sogenannten Nachbarn, die so dicht bei Österreich leben und als MigrantInnen eine Geschichte in Österreich besitzen, aber durch Politik und Medien wie eine von Österreich abgetrennte Welt erscheinen... Diese paradoxe Situation inspirierte die künstlerische Leiterin des Theater des Augenblicks, Gül Gürses (Foto), zu einer Kontextualisierung, die auch Österreich beinhalten könnte - für 2002 sind das „Impulse aus dem Balkan“.
Dieses Programm vom 9. bis 27. Oktober stellt das Theater mit der Expertise und Assistenz diverser Personen in und aus dem „Balkan“ zusammen, die sich mit der Kunst in Albanien, Mazedonien, Kroatien, Ex-Jugoslawien, Türkei, Griechenland, Rumänien, Bulgarien u.a. auseinandersetzen. Das Konzept weitet sich auf Kunstbereiche außerhalb der „Bühnenkunst“ aus. Ein Beispiel ist das Roma Theater Pralipe, das in Wien (und voraussichtlich in Oberwart) an öffentlichen Plätzen theatralische Interventionen inszenieren wird. Es werden ebenso Videoinstallationen und öffentliche Diskussionen entlang des Gürtels in Wien - also einer Grenze zwischen den „Innen-“ und „Außenbezirken“ - veranstaltet.

KünstlerInnen aus dem „Balkan“ stehen in Beziehung zu Wien. Einerseits gibt es eine lange Tradition von Migration aus dem Umfeld „Balkan“ ins heutige Österreich, die Wien auch heute nachhaltig beeinflusst. Andererseits wird die Diversität der Kunst im geographischen Raum des Balkans nur teilweise anerkannt. Nur wenige Projekte präsentieren immer wieder einen Eindruck (Ausnahme ist die kontinuierliche Arbeit von „KulturKontakt Austria“), wobei Kultur und Kunst sowie die Bilder sicherlich nicht als Einheit verstanden werden können.

Living library
Zur Problematik des Begriffes „Balkan“ als „kontext : europa“ wird im Rahmen des Programms reichlich diskutiert werden. Gül Gürses verweist explizit darauf, dass den „Balkan“ festlegen oder definieren zu wollen, auch eine Falle sein kann. Eine Definition zu finden, würde die Möglichkeiten und Vielfalt einschränken, vor allem wenn dies durch Fremdbestimmung - aus österreichischer Sicht - gemacht wird. In diesem Sinne ist der Prozess und die Auseinandersetzung des Teams zur Vorbereitung ausschlaggebend. Aus den kleinen Vorbereitungskreisen werden größere Diskussionsforen. Beim Festival gehen diese an die Öffentlichkeit und mischen sich mit den Erfahrung des Publikums. Ein Teil des Festivals basiert darauf Dialogräume zu schaffen und weiter zu eröffnen. Ein Teil der Umsetzung dieser Dialogräume werden „Round Tables“ an öffentlichen Plätzen werden. Für die Dauer des Programms wird im Theater des Augenblicks eine Innenwelt geschaffen, das speziell von KünstlerInnen aus dem Balkan für die Zwecke des Aufenthaltes und Austausches umgebaut wird. Es werden Gemeinschafts- und Schlafräume entstehen, in denen nicht nur eingeladene KünstlerInnen übernachten können, sondern auch interessierte Menschen (Anmeldung erforderlich). In der Innenwelt wird eine „living library“ als Präsenzbibliothek zur Verfügung stehen, die aus Büchern von TeilnehmerInnen und Publikum bestehen wird. Jede/r ist hiermit eingeladen ein Buch zum Thema „Balkan“ in egal welcher Sprache für das Programm zu verleihen. Die Interventionen und Diskussionen im öffentlichen Raum werden live in die Innenwelt übertragen.

Fiktion Europa
Der Titel „Kontext Europa“ enthält auch migrationspolitische Relevanz. Wo fängt Europa in den Vorstellungen seiner BewohnerInnen an? Viele der oben genannten Länder, die zum „Balkan“ gezählt werden könnten, sind genauso gut mit dem Etikett Europa zu versehen. Europa wird auch in der Definition komplexer - durch die politische Einheit der Europäischen Union Die EU sagt einerseits den Mitgliedstaaten aus dem „Balkan“ in naher Zukunft „gute Chancen“ auf einen Beitritt voraus, reguliert aber andererseits systematisch und streng den Zugang anderer Länder. Nicht nur aus politischen Gründen ist eine Definition von Europa schwierig. Theaterdirektorin Gül Gürses sieht Europa aus ihrer Perspektive heraus als eine Fiktion an. Als einen erfundenen Terminus, der immer wieder (nicht nur) durch Bilder (der Medien) hergestellt wird. Fiktion soll hier eine bewusste Systematisierung der Rekonstruktion der Realität sein. So kann Europa ein unbedeutender Fleck auf der Weltkarte sein, eine Weltmacht oder ein Verein, in den manche gerne eintreten würden . . . Aber auch ein Diskussionsstoff für künstlerische Auseinandersetzungen. Das Spannungsfeld „Europa“ beinhaltet den Kontext Balkan - allein das gibt Anlass zur Diskussion.
 
 
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