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Feuilleton

Mondscheinweib
(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Es war mal eine Frau. Eine sehr alte. Derart alt, dass ihr schon die Härchen aus den Ohren schossen. Von Gott verlassen und von der ganzen Welt vergessen, lebte sie in einer Hütte am Rande eines Waldes.

Im Sommer saß sie draußen, rauchte ihre Pfeife und träumte von den schönen Zeiten, als sie noch am Daumen und an Zitzen saugte. Im Winter jedoch, als die Hütte vom Schnee gefangen war, hockte sie nachts vor dem Fenster und schaute hinauf zum Mond: Auch dieser da oben schien ihr herzbeklemmend einsam zu sein. In einer solchen Winternacht bekam die Alte plötzlich Lust auf Schreiben, einfach so und fast wie aus heiterem Himmel: „Ich schreibe, ich schreib’ ein Märchen, ein Märchen für mich und über mich . . .“ Die Vorfreude ist des Menschen größte Freude: Die Alte kratzte sich vergnügt am Po, und ihr Gesicht bekam wieder eine gesunde Farbe. Prompt fand sie Papier, machte es sich im Mondschein recht schön bequem und schrieb:

„Es war mal eine Frau. Eine sehr alte. Derart alt, dass ihr schon die Härchen aus den Ohren schossen. Von Gott verlassen und von der ganzen Welt vergessen, lebte sie in einer Hütte am Rande eines Waldes. Im Sommer saß sie draußen, rauchte ihre Pfeife und träumte von den schönen Zeiten, als sie noch am Daumen und Zitzen saugte. Im Winter jedoch, als die Hütte vom Schnee gefangen war, hockte sie nachts vor dem Fenster und schaute hinauf zum Mond: Auch dieser da oben schien ihr herzbeklemmend einsam zu sein. In einer solchen Winternacht bekam die Alte plötzlich Lust auf Schreiben, einfach so und fast wie aus heiterem Himmel: „Ich schreibe, ich schreib’ ein Märchen, ein Märchen für mich und über mich . . .“ Die Vorfreude ist des Menschen größte Freude: Die Alte kratzte sich vergnügt am Po, und ihr Gesicht bekam wieder eine gesunde Farbe. Prompt fand sie Papier, machte es sich im Mondschein recht schön bequem und schrieb:

„Es war mal eine Frau. Eine sehr alte. Der-art alt, dass ihr schon die Härchen aus den Ohren schossen. Von Gott verlassen und von der ganzen Welt vergessen lebte sie in einer Hütte am Rande eines Waldes. . .“

So schrieb die Alte Nacht um Nacht, Jahr ums Jahr, bis sie starb, vor dem Fenster hockend, in ihrer schäbigen Hütte, inmitten eines Berges Papier.

Märchen und Zeichnung: Volodja Brodzinskyi
 
 
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