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Feuilleton

Zeigen, was wenige sehen wollen

(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Theater auf der Universität - eine Erfahrung
Von Edgar Lliuya

Es war am Anfang der achtziger Jahre, als die StudentInnen noch sehr lange auf der Uni waren und über genug Zeit verfügten, um fertig zu studieren. Ich inskribierte in dieser Zeit - natürlich als außerordentlicher Hörer. Ich war einfach froh, auf der Universität zu sein, das war für mich eine Ehre. Ich erinnere mich, ich war so stolz, einen Studentenausweis zu besitzen, das ich meine Familie sofort verständigte. Auch als ich nach Hause nach Peru fuhr, nahm ich den Ausweis mit und zeigte ihn allen meinen Verwandten, sie waren alle stolz auf mich. Ich erklärte den Unterschied zwischen ordentlichem Hörer und außerordentlichem Hörer, auch das ich noch ein Paar Prüfungen bestehen muss, um ein ordentlicher Student zu werden - aber meine Familie war einfach so glücklich, das diese Erklärung sich erübrigte.
Meine ersten FreundInnen auf der Salzburger Universität waren AusländerInnen aus Amerika, Südafrika, Armenien, Spanien. Von meiner Schule her war ich gewöhnt mit Menschen verschiedener Hautfarbe zusammen zu lernen.
Wie jeder andere Ausländer wollte ich mich über meine Situation als Student informieren, deshalb besucht ich das AusländerInnenreferat. Der Referent erklärte mir genau, was ich sowieso schon immer wußte - ich fand dort nur interessant, dass da auch andere ausländische StudentInnen waren. Sie erzählten von verschiedenen Aktivitäten, die die Situation der ausländischen StudentInnen zeigten und fragten, ob ich Interesse hätte mitzumachen oder vorbeizukommen? Ich war überrascht, denn Österreich war für mich bis dahin ein „Super“ Land - alles funktionierte, der Bus kam pünktlich, die Straßen waren geputzt, die Toiletten sauber, Obdachlose erhielten Sozialhilfe. Wie könnte es auf der Universität Probleme mit den ausländischen StudentInnen geben? Doch ich ging zu diesen Aktivitäten, dort fühlte ich mich wohl, zum ersten Mal verstand ich, dass ich ein echter Ausländer war - nicht so wie die Deutschen, SüdtirolerInnen oder AmerikanerInnen aus den Vereinigten Staaten, sondern wie die aus der sogenannten „Dritte Welt“. Mein Schulabschluss reichte nicht, um „ordentlich“ zu studieren. Ich beschloss daher nur Deutsch zu lernen, immerhin musste man damals nur den ÖH-Erlagschein bezahlen. Aber ich traf mich öfters mit meinen ausländischen FreundInnen und trat einer Organisation namens „Vertretung Ausländischer Studenten“ bei und engagierte mich für unsere Rechte.

Das Publikum lachte
Wir brauchten viele Ideen, um auf uns aufmerksam zu machen, organisierten uns, machten Informationstische, verteilten Flugblätter, organisierten Feste und Theater. Es war so wie bei mir zu Hause, als ich Schauspielen lernte, wir zeigten dort, was wir in unserem Bezirk erlebten. In Salzburg zeigten wir Situationen des Alltags auf der Universität über den Umgang mit uns. An zwei Szenen erinnere ich mich ganz besonders. Die erste war „Die Mensa“. Auf der Bühne stand ein Tisch mit vier Sesseln. In einem saß ein Afrikaner, nach dem Essen wartete er alleine auf etwas. Ein Student kam direkt zu ihm und fragte, ob ein Sessel frei wäre, der Afrikaner deutete „ja“ mit dem Kopf, eine Studentin kam schüchtern zu ihm und fragte, ob sie einen Sessel mitnehmen darf, er lächelte und antwortete mit „ja“, der dritte kam schnell zum Tisch und der Afrikaner sah mit großen Augen wie der Student, ohne zu fragen den dritten Sessel wegnahm. Das Publikum lachte wie im Kabarett. Die zweite Szene begann mit einem Solo, die Bühne war leer, die Spannung stieg, es war plötzlich alles still. Langsam kam, Schritt für Schritt, ein ausländischer Student auf die Bühne. Er war wie verloren, ängstlich, er schaute in die Ferne, alles war fremd für ihn. Er sah Gebäude, Straßen, Häuser, mit Leuten konnte er sich aber nicht verständigen. Er sagte zu sich selbst, was ist das, hallo! Das Publikum lachte wieder. Das Volksheim in Salzburg war voll, unsere Veranstaltung ein Erfolg. Andere DarstellerInnen reihten sich zu einem Tisch, dort saß der Beamte und überprüfte die Dokumente für die Nostrifikation. Ich spielte gerne solche Stücke. Wir wußten zwar, dass sich damit unsere Situation nicht änderte, aber wir erreichten Aufmerksamkeit, wir hatten Hoffnung und wir waren kreativ. Theater zu machen war ein Erlebnis, ohne Anspruch auf Berühmtheit. Die „Vertretung ausländischer Studenten“ war eine politische Organisation, ich übernahm die Realität unserer Problematik und spielte, was ich war. Meine Rolle diente einem Ziel: zeigen, was wenige sehen wollen. Die Thematik behandelte nicht nur die Universität, sondern auch, wie die Gesellschaft mit uns umging. Unser Publikum aber war die StudentInnenschaft.
Später lernte ich StudentInnen vom Romanistik-Institut kennen. Sie suchten SchauspielerInnen für ihr spanisches Theater. Ich meldete mich sofort. Wir spielten mehrere selbstinszenierte Stücke von Autoren wie Julio Cortazar oder Jorge Luis Borges. Interessant war, dass die Thematik sowie die Biografie der AutorInnen in dem Studium integriert waren, das heißt, dass alle Mitglieder der Gruppe auch eine Note für ihr Engagement bekamen. Wir arbeiteten beinahe professionell, obwohl mir dieses Wort nicht gefällt, wir hatten regelmäßige Proben, eine Klausur und traten im Kleinen Theater in der Schallmoserhaupstraße auf. Die Vorstellungen waren ausverkauft. Hier diente die Theaterarbeit auch einem Ziel: Die StudentInnen zu motivieren, eine Sprache auf eine kreative Art zu lernen. Beide Varianten des Theaters waren eine unvergessliche Erfahrung.
 
 
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