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Feuilleton

Und plötzlich fand ich meine „Heimat“. . .

(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Dimitré Dinev’s Erzählband „die inschrift“ ist soeben in der edition exil erschienen.
Von Grace M. Latigo

Migration und Fremdheit zählen zu den wichtigsten Themen, mit denen sich junge AutorInnen heute auseinandersetzen. Der Verein Exil mit seinem Buchverlag edition exil bietet ihnen eine Plattform und ermöglicht ihnen, ihre literarischen Werke zu publizieren.
Als ich das Buch „Die Inschrift“ des aus Bulgarien stammenden Autors Dimitré Dinev bekam, brauchte ich drei Tage bis ich wagte, es zu öffnen. Ich hatte Angst es zu lesen, da ich wusste, dass der Autor Migrant ist und verschiedene politische Systeme erlebt hat. Ich vermutete eine menschliche Tragödie zwischen Buchdeckeln. Vielleicht hatte ich aber auch nur Angst, an ein tragisches Schicksal erinnert zu werden, das mir aus nächster Nähe sehr wohl bekannt ist.
Doch das alles erwies sich als falsch. Schon die erste Geschichte packte mich. In „Spas schläft“, einer von fünf in dem Band veröffentlichten Erzählungen, schreibt Dinev über die Höhen und Tiefen einer langjährigen Freundschaft. Ilja und Spas, zwei bulgarische Studenten, versuchen hier gemeinsam, sich unter menschenunwürdigen Bedingungen in Wien eine gemeinsame Existenz aufzubauen. „Arbeit war das erste Wort, das Spas auf Deutsch gelernt hatte. Es war weder das Wort Liebe noch das Wort Hoffnung, geschweige denn Glaube. Denn ohne Arbeit gab es nichts als Angst.“ Mit Tempo und Wissen um die Lebensumstände von Flüchtlingen beschreibt Dinev das Schicksal von Spas und Ilja, eine Geschichte, die, trotz aller Widrigkeiten nicht als Tragödie endet.
Die Geschichten, die Dinev erzählt, sind gewaltige Geschichten von Liebe, Armut und Reichtum, von Gewalttätigkeit und der List der Bauern in den Dörfern der Rhodopen, von Hirten und Schmieden, denen Ungewöhnliches widerfährt, von Popen und WunderheilerInnen von WoiwodInnen, Heiducken und von den Velikovs und ihrem Schicksal durch drei Jahrhunderte Fremdherrschaft, Monarchie, Faschismus, Kommunismus und Demokratie in Bulgarien. Daneben aber stehen Geschichten von Flüchtlingen und MigrantInnen, die den Weg in den Westen wagen, Geschichten vom Sichzurechtfinden in einer neuen Welt, die MigrantInnen nicht mit offenen Armen empfängt. Dinev erzählt, und er kann erzählen. Und er hat etwas zu erzählen! Geschichten voll Spannung und starker Gefühle.
Zwanzig Jahre lang verdrängte ich die Tatsache, dass ich in einer Sprache lese, die nicht die meine ist. Da kam mir Tolstoj in den Sinn, an den mich Dinevs Texte manchmal erinnern. Meine Angst wandelte sich in Sehnsucht. Die Einfachheit und Schönheit von Dinevs Geschichten wirkten wie ein Balsam auf mich. Ich fühlte mich in diesem Buch zu Hause. Es erinnerte mich an die Bedeutung von Freundschaft und Menschlichkeit im Leben und mir wurde klar, dass sich für mich in Dimitré Dinevs Texten die slawische Seele spiegelt. Im Gegensatz zu vielen kühlen, cool-trockenen und oft sensationsgeilen AutorInnen des Westens, zeigt Dinev nämlich Mut zur Schönheit, Mut zu Gefühlen. Endlich ein Buch, das menschlich ist und intelligent zugleich - voll Witz, Spannung, Ironie und Tiefgang.

Grace M. Latigo: Sängerin, Menschenrechtsaktivistin, PR-Arbeit, geb. in der Slowakei, Vater aus Uganda, lebt und arbeitet seit zwanzig Jahren in Wien
 
 
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