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Feuilleton

Schwarze Katze in einem dunklen Zimmer

(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)

Eine gewisse Scheinheiligkeit ist im Zusammenhang mit Entwicklungspolitik des öfteren zu beobachten.

Von Obiora C-Ik Ofoedu

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich das beeindruckende Schauspiel, das ich neulich in Salzburg gesehen habe, jemals vergessen werde. Es hatte Entwicklungspolitik in den sogenannten sich entwickelnden oder unterentwickelten Gesellschaften zum Thema und bezog sich speziell auf Guatemala. Obwohl ich nicht wenige Theatervorstellungen gesehen habe, übte diese eine, die in einem Hörsaal der Universität ohne ein besonderes Bühnenbild aufgeführt wurde, eine starke Wirkung auf mich aus. Nicht nur, weil die Vorstellung in einem akademischenBildungszentrum stattfand, sondern auch, weil sie im Rahmen einer Konferenz gezeigt wurde, die viele NGO’s, Gelehrte, StudentInnenen, Intellektuelle und interessierte Einzelpersonen angezogen hatte - darunter auch solche mit wenig Vorliebe für das Theater. Sie vermittelte außerdem eine aussagekräftige Botschaft über Entwicklungspolitik, Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Bevor das Schauspiel begann, dachte ich, die TagungsteilnehmerInnen würden nach zwei Tagen Konferenzen, Workshops, Diskussionen, Gesprächen und Vorträgen zu müde sein, um aufmerksam zuzusehen. Aber genau das Gegenteil geschah. Die TeilnehmerInnen betrachteten die Aufführung als ein Mittel zur Erholung. Für mich jedoch war sie eher ein weiterer Lernprozess.

Kaffee und Kuchen
Das Schauspiel begann mit drei ärmlich gekleideten Frauen, vermutlich Arbeiterinnen auf einer Kaffeeplantage, die mit ihren Geräten erschöpft ihre Arbeit verrichteten. Man konnte sehen, dass sie ein kümmerliches Dasein führen und wahrscheinlich mit wenig Geld auskommen müssen. Stumm gingen sie über die Bühne, ließen sich in einer Ecke nieder. Sie waren müde und enttäuscht, da der Preis für Rohkaffee beachtlich gefallen war; sie selbst hätten sich das teure fertige Produkt niemals leisten können. Bald darauf traten hochgestellte Regierungsbeamte mit einem großen Kuchen, der ein ganzes Tablett füllte, auf und schnitten ein winziges Stück ab, das unter den Sozialarbeitern, die für Entwicklungshilfe zuständig waren, ausgeteilt werden sollte. Der größere Teil des Kuchens wurde zugedeckt und weggetragen. Als ein warmherziger Beamter dagegen protestierte, dass der Kuchen, der für die Sozialarbeiter bestimmt war, nicht ausreichen würde, antwortete einer mit höherem Rang überheblich, die Sozialarbeiter würden verstehen, dass die Zeiten hart seien. Die Sozialarbeiter, die zu NGO’s gehörten, die für verschiedene Projekte in den „Entwicklungsgebieten“ verantwortlich waren, versuchten nun, einen guten Platz auf der Bühne zu ergattern, um darauf Einfluss nehmen zu können, wieviel man ihnen für ihre Projekte gab. Die Folge waren Auseinandersetzungen, die schließlich in einen widerwärtigen Interessenskonflikt mündeten. Der Konflikt nahm noch zu, als die Beamten zurückkehrten und ihnen das Kuchenstück überreichten. Sie machten große Augen und waren peinlich berührt, als sie sahen, wie klein der Kuchen war. Einige von ihnen wollten das ganze Stück für die Bildung - was undenkbar war - und sagten, dass Bildung das Wichtigste sei . . . sie führe zu kritischer Selbstreflexion und Veränderung. Andere wollten zweifellos das ganze Stück für ein unbekanntes Projekt, durch das, wie sie argumentierten, in dem Gebiet, in dem das Projekt realisiert würde, die Präsenz ihrer Regierung spürbar zunehmen werde. Mit einer wirkungsvollen Medienkampagne würde ihrem Land ein wichtiger politischer Meilenstein gesetzt werden. Doch das Kuchenstück reichte nicht für alle. Es in kleinen Bröckchen zu verteilen, würde die Sache noch schlimmer machen.

Keine Partnerschaft
Als das Schauspiel zu Ende war, gingen mein Freund und ich ins Foyer, um eine Erfrischung zu uns zu nehmen. Er entschied sich für eine Tasse Kaffee und fragte mich, ob ich auch einen wolle. Ich protestierte. Ich sagte, dass dies für mich ein Zeichen der Solidarität mit denen sei, die auf den Kaffeeplantagen als billige Arbeitskräfte wie moderne SklavInnen arbeiten müssten. Sie seien Opfer der freien Marktwirtschaft und neoliberalen Globalisierung. Außerdem, meinte ich, sei Kaffee nicht gesund. Und in den Anbaugebieten würde die Umwelt zerstört. Mein Freund wollte wissen, ob ich den Unterschied zwischen Entwicklungspolitik, Entwicklungsshilfe und Entwicklungszusammenarbeit kenne. Ich zögerte, hielt meine Zunge im Zaum. Später sagte ich zu ihm, dass die Unterschiede nur auf semantischer Ebene bestünden. Die Termini seien jedenfalls ineinander verflochten. Er amüsierte mich mit seiner witzigen Definition, die ungefähr so lautete: Entwicklungspolitik bedeutet, dass jemand in einem dunklen Zimmer, in dem mit Sicherheit keine Katze ist, nach einer schwarzen Katze sucht und dann behauptet, eine gefunden zu haben . . . Entwicklungshilfe bedeutet, dass jemand in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze sucht . . . und Entwicklungszusammenarbeit bedeutet, dass jemand in einem dunklen Zimmer, in dem keine Katze ist, nach einer schwarzen Katze sucht. Gelächter. Interessant. Mein Freund sagte nichts mehr. Stille. Aber die oben genannten Kategorien können verfälscht werden, so dass man zu einer anderen Terminologie mit derselben Bedeutung kommt. Das Problematische an der Entwicklungshilfe ist jedenfalls, dass es keine Partnerschaft gibt. Entscheidungen werden an der Spitze getroffen. Während die NGO's und Bevollmächtigten als VermittlerInnen betrachtet werden, die die fraglichen Projekte durchführen. Nach der Meinung der Betroffenen wird nicht gefragt. Es gibt keinen Dialog zwischen den unmittelbar Beteiligten und den GeldgeberInnen.

Müllhalde „Dritte Welt“
Die meisten Länder, die Gelder erhalten, sind so korrupt, dass das für Entwicklungsprojekte zur Verfügung gestellte Kapital für andere Zwecke verwendet wird. Doch da die Hände der Geberländer durch bilaterale wirtschaftliche und politische Abkommen gebunden sind, fühlt frau/man sich auch nicht moralisch dazu verpflichtet, die betrügerischen Länder zu kritisieren.
Die Frage ist nun, wer sich in einem neoliberalen System entwickelt, wenn die Strategie der nördlichen Hemisphäre in der Reziprozität jeder Hilfeleistung besteht, die des Südens aber im Empfangen und Zurückgeben? Unbefriedigende Grundsätze. Zahlreiche Beispiele beweisen, dass unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe Waffen gegen Rohmaterialien oder andere Güter getauscht wurden. Oder dass Ausschusswaren aus der industrialisierten Welt in die sogenannte Dritte Welt - eine Müllhalde - exportiert wurden.Es ist unvorstellbar, dass Konflikte, die zur Unterentwicklung des Südens führten, oft von denselben nördlichen Geberländern angeheizt wurden, die häufig tyrannische und autoritäre Regime, die bei ihnen gut angeschrieben sind, unterstützen, finanziell oder auf andere Weise. Warum ist der Süden seit Jahrzehnten der „empfangende“ Teil, während der Norden weiterhin „gibt“? Wer in unserer demokratischen Gesellschaft schuf diese Zweiteilung zwischen Norden und Süden? Eine Aufteilung in Klassen, die durch Diskriminierung charakterisiert wird? Warum muss der Norden immer dominieren? Wer hat den Süden in die Situation der Unterwerfung gebracht? Es war zweifellos der Norden - durch seinen SklavInnenenhandel, durch Imperialismus und Kolonisation. Mit Sicherheit möchte aber niemand sein Leben lang ein/e BettlerIn oder ein Kind bleiben. Eltern, die fortfahren, ein Kind zu füttern, das nicht erwachsen werden will, müssen die Verantwortung dafür übernehmen, dass es keine Visionen hat.

Respekt für den Süden
Es wäre weise, ein horizontales Fließbandsystem einzurichten, das Entwicklungsprojekte ausführt. Dies würde eine direkte Verbindung zwischen GeberInnen undBetroffenen herstellen. Einer vertikalen Art des Fließens, das heißt, von der Spitze nach unten, wie sie so oft vorkommt, fehlt die Struktur und sie hat keinen Mittelpunkt. Sie ist auch nicht koordiniert. Und löst das wirkliche Problem nicht. Dies trifft zu im Fall von Projekten, die auf Ausbeutung und Krediten beruhen. Die Zusammenarbeit von Staat und NGO’s, die Garantie für die vollständige Repräsentation und Partizipation aller BürgerInnen und die den unterstützten Ländern gewährte Freiheit, selbst zu entscheiden, was wichtig für sie ist, sind dringend nötig.
Seit Entwicklungspolitik und Integrationspolitik Seite an Seite gehen, ist es gut für den Süden, in die neue Weltordnung integriert zu werden, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Dies wird den BürgerInnen des Südens Respekt verschaffen. Offene Märkte sind notwendig für die Produkte aus der sogenannten Dritten Welt. Fairer Handel muss gefördert werden. Die Errichtung „Dritter Welt“-Banken in den „entwickelten“ Nationen werden die Wirtschaft der „unterentwickelten“ Nationen verbessern. Hilfe nur auf Kurzzeitlösungen zu konzentrieren ist eine falsche Strategie, die die Hauptprobleme der Entwicklung ungelöst lässt. Ebenso falsch ist es, die Infrastruktur durch organisierte staatliche Gewalt oder Konflikte zu beschädigen oder zu zerstören, und sie dann durch Hilfeleistungen wieder aufzubauen. Auf solche Weise wohltätig zu sein nützt dem Staat, während die Massen leiden, besonders im Fall von „bad politics“, wenn verantwortungslose FührerInnen ihrem Land unvorstellbaren Schaden zufügen. Der Konflikt zwischen Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe muss gelöst werden. Dies kann durch interkulturelles Lernen, Wissenschaft undTechnologie geschehen. Durch den Export westlicher Fachkenntnis in den Süden. Durch (Aus)Bildung für die EmpfängerInnen von Hilfeleistungen. Durch die Verbesserung des landwirtschaftlichen Sektors. Durch die Ermutigung des Südens, die eigenen Rohmaterialien zu verarbeiten und in den Westen zu exportieren. Dies wird den Süden aus seiner Hilflosigkeit befreien und ihm Selbstvertrauen geben. Was der Süden braucht, sind großzügige Entwicklungsprojekte, die kontrolliert und evaluiert werden. Nicht Projekte, die den EmpfängerInnen Pflichten aufbürden.
 
 
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