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Feuilleton

ANGST VOR DEM SCHWARZEN GESICHT

(Ausgagbe Nr.2 - Juni/Juli 2002)
Der UNHCR veranstaltete einen poetry slam, einen Literaturwettbewerb für (ehemalige) Flüchtlinge und AsylwerberInnen im Schikaneder in Wien. Alpha Amadou Diallo wurde vom Publikum zum Gewinner von „be a speaker" gekürt und erhielt den Hauptpreis. Der 30-jährige Alpha Amadou Diallo kommt aus Guineain Westafrika, studierte dort Soziologie und lebt seit Oktober 2000 als Asylwerber in Österreich.


Meine Mama erklärte mir immer, ich müsse vor alten Menschen Respekt haben und ihnen helfen, wenn sie Hilfe brauchen. Sie sagte: „Wenn du einem Alten hilfst, dann ist Gott immer bei dir! Denk immer daran, dass auch du einmal alt wirst und Hilfe brauchst!" Sie wiederholte das oft und oft und legte großen Wert darauf, dass ich sie ernst nehme.Seit einigen Monaten bin ich weit, weit weg von meiner Mama, ich befinde mich in einer anderen Kultur, ich lebe in einer anderen Weit. Ich bin ganz allein auf mich gestellt. Als Flüchtling bin ich in Wien, darf nicht arbeiten und muß mit wenig Geld zum Leben auskommen. Ich habe oft Hunger. Auch heute. Ich gehe in eine Telefonzelle und rufe Bekannte an und frage, ob sie mir Geld leihen können. Wie gut dass ich Bekannte habe! Als ich die Türe der Telefonzelle aufmache und im Begriff bin, hinauszugehen, sehe ich in etwa 100 Meter Entfernung eine alte Dame. Sie kommt mir langsam entgegen, in gebückter Haltung, eine Tasche tragend. Plötzlich stolpert sie und liegt in ganzer Länge auf dem Gehsteig. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. „Alfa, lauf und hilf!“, höre ich meine Mutter rufen. Ich laufe zu ihr und helfe ihr auf, ich stütze sie unter dem Ann und bemerke, dass ihre Nase blutet und ihr Gesicht aufgeschürft ist. Ich frage: „Geht es Ihnen gut?“ und reiche ihr ein Taschentuch, das ich eingesteckt habe. Ihre Augen blicken erschreckt auf mich und ich spüre, dass sie Angst vor dem schwarzen Gesicht hat. „Es geht mir gut.“ antwortet sie mit leiser Stimme. „Wohnen Sie in der Nahe?“ frage ich besorgt. „Ja“. „Soll ich Sie nach Hause bringen?“ frage ich weiter. „Nein, ich kann schon allein gehen!“.Aber ich sehe, dass sie zittert und wackelig auf den Beinen steht. Die Angst vor mir ist größer als die Angst nicht gehen zu können. In diesem Augenblick beginne auch ich, Angst zu haben. Ich male mir aus, wie es wäre, wenn plötzlich die Polizei käme, die verletzte Frau sähe und mich daneben, ihre Tasche in Händen haltend. Vielleicht würden sie glauben , ich hätte die Frau niedergeschlagen und beraubt? Ob sich die Frau an ihren Sturz erinnern würde? Wie würde sie alles der Polizei erklären? Ich schaue suchend um mich, ob uns vielleicht jemand beobachtet hat. Zum Glück sehe ich eine Frau, in einem Auto sitzend. Ich laufe zu ihr und frage sie, ob sie die Dame nach Hause begleiten kann. Sie tut es, Gott sei Dank. Ich mache mich auf den Weg zu meiner Bekannten.
 
 
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