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2002 |
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Hochschulpolitik
„Die Armen bleiben draußen“ |
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(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Wenn schwarzblaue Politik die Hochschulbildung der eigenen Kinder
erschwert, was soll man dann für Gäste aus dem Ausland erwarten?
Von Claude Haddad
Die seit Oktober ausgeübte Bildungspolitik à la Schwarz-Blau sorgt in
Österreich für Diskussionen, Demonstrationen auf der Straße und bei
einigen sogar für Armut und Elend. Bei genauerer Beobachtung merkt man,
wie die EntscheidungsträgerInnen unbeachtet der Folgen ganz gelassen
alle ihre Vorstellungen durchsetzen - trotz massivem Druck der
Studierenden. 70.000 DemonstrantInnen, Aktionstage,
Unterschriftensammlungen und Volksbegehren, sogar eine 72stündige
Übernachtungsaktion in einem Zelt vor der Universität Wien bewegten den
Gesetzgeber nicht, die wahnwitzigen Pläne zu bedenken.
Die Studiengebühren sind da, und die, die es sich noch leisten können,
haben schon längst die Erlagscheine eingezahlt. Chaos, Besorgnis und
zerstörte Zukunftsaussichten. Viele besorgte Eltern, und viele
ungeklärte Fragen: Wofür bezahlen die Studierenden eigentlich? Für
überfüllte Hörsäle? Für ein System, das es beinahe keinem erlaubt, das
Studium in Mindeststudiendauer abzuschließen? Oder für oft verlorene
Jahre wegen Platzmangel in vielen Seminaren? Bildung wird als Ware
gehandelt, und die Ware ist im internationalen Vergleich trocken und
halbverdorben. Sie besitzt eine minderwertige Qualität im Vergleich zu
ihrem Preis.
Was eigentlich in der Politik tägliches Brot ist, dass nämlich
VerliererInnen und GewinnerInnen an einem runden Tisch sitzen und
verhandeln, wurde den Studierenden nicht ermöglicht. Die VerliererInnen
sind derzeit Berufstätige, Frauen und die ausländischen Studierenden,
denen der Zugang zur Universitätsausbildung verwehrt wird. 727 Euro
müssen Studierende aus u.a. Argentinien, Brasilien, Russland oder dem
Libanon für ein Semester zahlen. EU-BürgerInnen, also auch
österreichische StaatsbürgerInnen werden nur mit der Hälfte bestraft.
Einige, die sich eigentlich nicht einmal 363 Euro leisten können, müssen
zuerst 727 Euro zahlen, später bekommen Sie das Geld refundiert.
Das nenne ich Klassen-Universität im wahrsten Sinne. Abhängigkeit von
den Eltern, egal welchen Pass man/frau besitzt. Die Armen bleiben
draußen, und die Reichen dürfen studieren, solange sie die Abhängigkeit
von den Eltern akzeptieren.
Eine einzigartige Einrichtung in Europa ist in diesem Fall die
Österreichische Hochschülerschaft: von den Studierenden für die
Studierenden. Eine Vertretung, die alle diese Maßnahmen verhindern
sollte und im Interesse der Studierenden zusammenhalten müsste. Aber
Moment mal, wir reden doch über Bildungspolitik à la Schwarzblau . . .
Die Abschaffung der derzeitigen Vertretung ist seit Jahren ein Wunsch
von einigen blauen Jungpolitikern an der Uni.
Die ÖH und die ehrenamtliche Arbeit vieler aktiver Studierender wird von
einigen als Sprungbrett für eine spätere politische Funktion benutzt.
Wie kann eine ÖVP-nahe Fraktion, und eine FP-Fraktion auf der ÖH die
Beschlüsse und Pläne der eigenen Parteien verhindern? Man kann
vielleicht so tun als ob . . . Aber einen richtigen Zusammenhalt hat man
nie für möglich halten können. Die Erstreaktion des damaligen ÖH-Chefs
zum Thema Studiengebühren war: „Studiengebühren - nur über meine
Leiche!“ Mein damaliger Chef studiert jetzt weiter und bezahlt bald auch
Studiengebühren. Viele ehemalige ÖH-Funktionäre schafften es mit der
Zeit, hohe politische Positionen zu bekommen, wie zum Beispiel
Innenminister Strasser oder Landwirtschaftsminister Bartenstein.
Bildungspolitik à la Schwarz-Blau ermöglicht derzeit einen Rückgang an
Neuangemeldeten an der Universität. Dieser betrug dieses Semester
bereits zwanzig Prozent. Bei den ausländischen Studierenden ergab sich
das gleiche Bild: Zwanzig Prozent Rückgang an Neuanmeldungen. Viele
entschieden sich zur Weiterreise nach Deutschland. Wenn man/frau 4000
Kilometer von der Heimat entfernt lebt, kommt es auf die 400 Kilometer
bis zur deutschen Grenze auch nicht mehr an. Der Grund sind die viel
besseren Bedingungen. Keine Studiengebühren und ein ArbeitsRECHT in den
Ferien. Was in Österreich für ausländische Studierende aus
Nicht-EWR-Länder verboten ist.
Globalisierung und Internationalität sind schöne Wortschöpfungen. In der
Realität bezeichnet man es gerade jetzt in Bezug auf die
Hochschulpolitik schon als Globalisierung, wenn es ein Linzer noch
schafft, in Wien zu studieren. Man veröffentlicht Zahlen und spricht von
einem großen Anteil an internationalen (ausländischen) Studierenden -
und rechnet in diese Zahl die Südtiroler mit ein. Man spricht im
Statistischen Taschenbuch des Bildungsministeriums 1999 von 32.028
ausländischen Studierenden. Genauer betrachtet ergeben sich folgende
Zahlen: 22.679 kommen aus Europa, allein aus Italien und Deutschland
kommen mehr als 10.000 Studierende. Aus Afrika, Asien und Lateinamerika
zusammen kommen nur 3000! Internationalität wird angeblich durch 3000
Studierende vertreten und selbst diese Studierenden bekommen das Gefühl,
immer unerwünschter zu sein: Doppelte Studiengebühren, Arbeitsverbot,
Visum nur für Studiendauer und viele andere Hürden. Wenn das die
Internationalität fördernde Akzente sind, dann gute Nacht.
Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, kündigten einige vor den
letzten Nationalratswahlen an. Dies wird erreicht, indem man Destruktion
in die eigenen Häuser trägt. Das Bildungsvolksbegehren ist schon
vergessen, die Demos sind schon vergessen, und bald spürt jede Familie
diese Last. Bald wird es vielleicht kein Mitspracherecht mehr für
Studierende geben, bald die ÖH abgeschafft. Im schlimmsten Fall gibt es
sogar bald ein Schulgeld. Bald gibt es aber auch wieder Wahlen, und bald
können wir alles rückgängig machen. Die jetzige Opposition kann nach der
nächsten Wahlen wieder alles ändern. Es darf keinen Platz mehr für diese
schwarz-blaue Bildungspolitik geben.
Claude Haddad war fünf Jahre in der Österreichischen Hochschülerschaft
aktiv, 1999-2001 leitete er das AusländerInnenreferat in der
Bundesvertretung. Initiator von: www.Auslaender.at |
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