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Zur Inhaltsübersicht: Ausgabe
2002 |
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Hochschulpolitik
„Das ist keine echte Engländerin, daher können wir von ihr nicht
Englisch lernen“ |
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(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Michèle Kaiser-Cooke ist Lektorin an der Universität Wien. Sie
unterrichtet am Dolmetschinstitut, an dem fast 50 Prozent aller
Studierenden aus dem Ausland kommen.
Von Lisa Rosenblatt
Grundsätzlich sieht es an der Universität genau so aus, wie sonst auch:
Es gibt die österreichischen Studierenden und die nichtösterreichischen.
Besser gesagt, es gibt die österreichischen und alle anderen Weißen -
und dann die Nicht-Weißen. Innerhalb dieser Gruppe, österreichisch und
weiß, gibt es die minderwertigen Ausländer-Innen, also die
Nicht-EuropäerInnen. Nicht-WesteuropäerInnen. Denn die aus dem
ehemaligen Ostblock werden auch sehr stark diskriminiert. Die meisten
ausländischen Studierenden sind aus dem ehemaligen Ostblock und es gibt
sehr wenig Kontakt zwischen ihnen und den anderen, die ihre Sprache
studieren. Wenn jemand mit englischer Muttersprache auftaucht, dann wird
er oder sie sofort zur Nummer eins, zum Star, weil alle österreichischen
StudentInnen mit ihm oder ihr üben wollen . . . für Polnisch, Kroatisch,
Tschechisch u.s.w. gilt das eher selten . . . warum?“ erzählt Michèle
Kaiser-Cooke.
Obwohl die Abneigung gegen alles, das fremd ist, gar keinen Platz in
einem Fremdsprachen-Studium hat, und es bei einem Sprachstudium und im
zukünftigen professionellen Leben sogar ziemlich wichtig wäre, an den
Wert vieler Kulturen, Sprachen und Weltbilder zu glauben begriff Michèle
schon als Studentin der Universität Wien, als Ausländerin und Nicht-
Weiße- Europäerin ziemlich schnell, was Rassismus heißt, und auch dessen
Verwicklung mit Herkunft, Hautfarbe und Sprachen.
Paradigma und Blockade
„Sogar was Englisch betrifft, ist man nur okay, wenn man/frau
englischsprachig und weiß ist. Ich sage das aus eigener Erfahrung und
der von einige StudentInnen, die nicht weiß sind, aber englische
Bildungssprache oder Muttersprache haben. Sie müssen sehr kämpfen, um
überhaupt ernst genommen zu werden und um ihre Autorität über die
Sprache. Viele österreichische StudentInnen behaupten, ’Ich bin ja nicht
blöd, ich spreche doch nicht Englisch mit jemandem, der nicht aus
England oder den USA kommt’. Diese Einstellung wird in den Schulen
forciert, weil, glaube ich, der gesamte deutschsprachige Raum noch nicht
wahrgenommen hat, dass Englisch nicht nur die Sprache Englands und der
USA ist. Sogar Großbritannien hat das aber mittlerweile erkannt. In
Österreich lernen die Kids schon in der Schule nur britisches Englisch,
eventuell amerikanisches, und sie müssen wie ein Native Speaker klingen.
Sie lernen nicht, dass Englisch eine globale Sprache geworden ist“.
Nach mehr als zehn Jahren Lehrtätigkeit stellt Michèle Cooke aber
vielversprechende Änderungen in Bezug auf Xenophobie und Rassismus fest,
vor allem seit den Nationalratswahlen von 1999. Am Anfang ihrer
Tätigkeit als Lehrende war sie ungeheurem Widerstand seitens vieler
Studierender ausgesetzt, die nicht akzeptieren wollten, dass eine
Nicht-Weiße so gut Englisch kann wie eine österreicherische Lehrende
oder eine echte Engländerin. Sie sollte den Studierenden Textkompetenz
und Englisch beibringen, obwohl viele meinten: „Das ist keine echte
Engländerin, daher können wir von ihr nicht Englisch lernen“. Doch seit
kurzem denkt sie: „Die StudienanfängerInnen sind schon offener als die
vor fünf Jahren . . . und eher bereit zu glauben, dass Leute, die nicht
aus Österreich sind, vielleicht auch was zu sagen haben könnten. Das
Problem Rassismus wird allmählich in der Gesellschaft thematisiert -
auch an der Uni. Als mich vor zwei Semestern eine Studentin rassistisch
attackierte, bekam ich immerhin Unterstützung von der
Universitätsdirektion. Das wäre ohne eine allgemeine
Bewusstseinsänderung kaum möglich gewesen. Und dann gibt es auch die
neue Initiative der ÖH zur Dokumentierung von Diskriminierung.“ Und Ihre
eigene Erfahrung an der Universität Wien? „Vor zwanzig Jahren, als
Studentin, wurde ich zuerst nur von zwei Lehrerenden ernst genommen und
von den Studierende überhaupt nicht, bis ich lauter Einser geschrieben
habe.“
Aber Sie sind in England aufgewachsen? „Ja, aber auch wenn ich in Indien
oder Sri Lanka aufgewachsen wäre, sollte das wurscht sein. Sie wollten
nicht einmal meinen britischen Akzent hören. Bei einer Konferenz-Übung
kam eine Studentin - die es schlecht gemacht hatte - zu mir und meinte,
sie hätte mein Englisch nicht verstanden. Das passiert oft, sie sehen
mich und gehen davon aus, dass ich indisches Englisch oder sonst ein
komisches Englisch spreche und daher verstehen sie mich nicht. Aber das
passiert auch außerhalb der Uni. Wer Englisch als professionelle
Arbeitssprache hat, sollte außerdem das Englisch der ganzen Welt
verstehen - dass viele das nicht können (wollen?) ist auch Teil des
rassistischen Paradigmas. Das ist eine kulturelle Blockade.“
Wir und Sie
Für den zukünftigen Beruf als ÜbersetzerIn wäre kulturelle Offenheit
aber sehr wichtig. Wird im Studium oder überhaupt unter ausländischen
SprachstudentInnen so etwas diskutiert?
„Ich halte das Problembewusstsein auch bei den ausländische StudentInnen
für sehr gering, weil es zum Paradigma gehört, dass es kein Problem gibt
. . . Es gibt das allgemein verbreitete rassistische Paradigma, das
jegliche Thematisierung von Rassismus nicht zulässt. Wenn jemand als
AusländerIn ein Problem hat, ist das ihr oder sein eigenes spezifisches
Problem , und Rassismus gibt es nicht in Österreich. Sogar diejenigen,
die es selber erleben, glauben, es ist mein Problem. Sie geben dem
Problem nicht den Namen Rassismus. Eine solche Individualisierung der
AusländerInnen-Probleme leugnet ihren strukturellen Zusammenhang und
verbannte sie lange Zeit aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Aber dieses
Schweigen bricht schön langsam . . . Ohne Thematisierung der kulturellen
Bedingtheit der Sprache ist es natürlich auch unmöglich zu übersetzen.
Es gibt immer einen Clash oder jedenfalls ein Zusammenkommen zweier
Weltanschauungen oder kulturelle Interpretationen der Welt. Wir haben
gedacht, bitte, das muss klarer gemacht werden!“ Sie selbst unterrichtet
zusammen mit einer Kollegin - Renate Resch - Interkulturelle
Kommunikation für KulturmittlerInnen. Im Seminar wollen sie „als Erstes
den Studierenden klar machen, dass selbstverständliche Prämissen,
Hausverstand, oder common sense einer kulturellen Interpretation der
Welt unterliegen. So wie Du etwas siehst, gilt das nicht für die ganze
Welt. Das, was man isst oder wovor man Ekel empfindet . . . Schmalzbrot,
zum Beispiel, wie kann man Fett auf Brot schmieren und das
herunterschlucken? - mir hat gegraust, als ich das zum ersten Mal sah.
Wir versuchen zu erklären, dass emotionale Reaktionen auf ganz
alltägliche Dinge auch kulturell geprägt sind. Das finden sie lustig.
Aber wenn wir ein paar Fotos zeigen und sie sollen ganz kurz
aufschreiben, was sie gesehen haben (wir zeigen zuerst zwei Frauen),
schreiben fast alle: Das ist eine Frau im Businesskostüm und die andere
ist eine schwarze Frau im Businesskostüm. Wir thematisieren, dass sie
die Hautfarbe der einen nicht erwähnen, weil die der angeblichen Norm
entspricht. Erst dann checken sie unterbewusst, dass sie einen Fauxpas
begangen haben. Sie müssen ihre Position innerlich verteidigen und
werden mir gegenüber oft aggressiv. Wenn meine Kollegin diesen Teil des
Unterrichts alleine macht, also ohne mich, kommen viel weniger
Aggressionen. Es sind ausschließlich weiße Studierende aus
unterschiedlichen Ländern, Frauen und Männer, und sie fühlen sich durch
mich ertappt. Es ist Teil dieses Us and Them Musters. Wenn eine von uns
sagt Das ist schlimm, ist das weniger arg, als wenn eine von den Anderen
sagt Du warst schlimm. Viele überwinden das nicht, andere schon, so
fifty/fifty - das zeigt das Problem.“
Ist das auch klar bei den Übersetzungen, welche die StudentInnen
abgeben, ob sie ein geschlossenes Weltbild haben? „Es ist ganz klar,
dass Sie das haben. Bis vor Kurzem hat man auch fast in aller Welt das
Fach Dolmetsch auf diese Weise unterrichtet. Man thematisierte diese
kulturell-politisch-ethische Dimension nicht und man ging davon aus:
Dies ist die Welt des Ausgangstextes, die mit der Weltsicht des
Zieltextes nichts zu tun hat - das konnte nicht funktionieren.“
Als ob nicht jeder Text in eine gewisse Weltsicht eingebettet wäre!
„Wie willst du auf Englisch sagen: Die Schwarze. Das kannst du gar nicht
sagen, es ist unmöglich mit den Mitteln der englischen Sprache, das zu
sagen. Viele glauben, dass es ein sprachliches Problem ist und verstehen
nicht, dass es ein Problem der Begriffsebene ist. Ich versuche, das in
allen Lehrveranstaltungen klar zu machen.“ |
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