Die Bunte - Medium für Würde, Gerechtigkeit und Demokratie
A 1090 Wien, Rotenlöwengasse 12/1
+43-(0)1- 961 10 29
+43-(0)1- 317 3561
diebunte@hotmail.com
Die aktuelle Online Ausgabe der Bunten Zeitung
 finden Sie unter:
Zur Inhaltsübersicht: Ausgabe 2002
Hochschulpolitik

„Das ist keine echte Engländerin, daher können wir von ihr nicht Englisch lernen“

(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Michèle Kaiser-Cooke ist Lektorin an der Universität Wien. Sie unterrichtet am Dolmetschinstitut, an dem fast 50 Prozent aller Studierenden aus dem Ausland kommen.
Von Lisa Rosenblatt

Grundsätzlich sieht es an der Universität genau so aus, wie sonst auch: Es gibt die österreichischen Studierenden und die nichtösterreichischen. Besser gesagt, es gibt die österreichischen und alle anderen Weißen - und dann die Nicht-Weißen. Innerhalb dieser Gruppe, österreichisch und weiß, gibt es die minderwertigen Ausländer-Innen, also die Nicht-EuropäerInnen. Nicht-WesteuropäerInnen. Denn die aus dem ehemaligen Ostblock werden auch sehr stark diskriminiert. Die meisten ausländischen Studierenden sind aus dem ehemaligen Ostblock und es gibt sehr wenig Kontakt zwischen ihnen und den anderen, die ihre Sprache studieren. Wenn jemand mit englischer Muttersprache auftaucht, dann wird er oder sie sofort zur Nummer eins, zum Star, weil alle österreichischen StudentInnen mit ihm oder ihr üben wollen . . . für Polnisch, Kroatisch, Tschechisch u.s.w. gilt das eher selten . . . warum?“ erzählt Michèle Kaiser-Cooke.
Obwohl die Abneigung gegen alles, das fremd ist, gar keinen Platz in einem Fremdsprachen-Studium hat, und es bei einem Sprachstudium und im zukünftigen professionellen Leben sogar ziemlich wichtig wäre, an den Wert vieler Kulturen, Sprachen und Weltbilder zu glauben begriff Michèle schon als Studentin der Universität Wien, als Ausländerin und Nicht- Weiße- Europäerin ziemlich schnell, was Rassismus heißt, und auch dessen Verwicklung mit Herkunft, Hautfarbe und Sprachen.

Paradigma und Blockade
„Sogar was Englisch betrifft, ist man nur okay, wenn man/frau englischsprachig und weiß ist. Ich sage das aus eigener Erfahrung und der von einige StudentInnen, die nicht weiß sind, aber englische Bildungssprache oder Muttersprache haben. Sie müssen sehr kämpfen, um überhaupt ernst genommen zu werden und um ihre Autorität über die Sprache. Viele österreichische StudentInnen behaupten, ’Ich bin ja nicht blöd, ich spreche doch nicht Englisch mit jemandem, der nicht aus England oder den USA kommt’. Diese Einstellung wird in den Schulen forciert, weil, glaube ich, der gesamte deutschsprachige Raum noch nicht wahrgenommen hat, dass Englisch nicht nur die Sprache Englands und der USA ist. Sogar Großbritannien hat das aber mittlerweile erkannt. In Österreich lernen die Kids schon in der Schule nur britisches Englisch, eventuell amerikanisches, und sie müssen wie ein Native Speaker klingen. Sie lernen nicht, dass Englisch eine globale Sprache geworden ist“.
Nach mehr als zehn Jahren Lehrtätigkeit stellt Michèle Cooke aber vielversprechende Änderungen in Bezug auf Xenophobie und Rassismus fest, vor allem seit den Nationalratswahlen von 1999. Am Anfang ihrer Tätigkeit als Lehrende war sie ungeheurem Widerstand seitens vieler Studierender ausgesetzt, die nicht akzeptieren wollten, dass eine Nicht-Weiße so gut Englisch kann wie eine österreicherische Lehrende oder eine echte Engländerin. Sie sollte den Studierenden Textkompetenz und Englisch beibringen, obwohl viele meinten: „Das ist keine echte Engländerin, daher können wir von ihr nicht Englisch lernen“. Doch seit kurzem denkt sie: „Die StudienanfängerInnen sind schon offener als die vor fünf Jahren . . . und eher bereit zu glauben, dass Leute, die nicht aus Österreich sind, vielleicht auch was zu sagen haben könnten. Das Problem Rassismus wird allmählich in der Gesellschaft thematisiert - auch an der Uni. Als mich vor zwei Semestern eine Studentin rassistisch attackierte, bekam ich immerhin Unterstützung von der Universitätsdirektion. Das wäre ohne eine allgemeine Bewusstseinsänderung kaum möglich gewesen. Und dann gibt es auch die neue Initiative der ÖH zur Dokumentierung von Diskriminierung.“ Und Ihre eigene Erfahrung an der Universität Wien? „Vor zwanzig Jahren, als Studentin, wurde ich zuerst nur von zwei Lehrerenden ernst genommen und von den Studierende überhaupt nicht, bis ich lauter Einser geschrieben habe.“
Aber Sie sind in England aufgewachsen? „Ja, aber auch wenn ich in Indien oder Sri Lanka aufgewachsen wäre, sollte das wurscht sein. Sie wollten nicht einmal meinen britischen Akzent hören. Bei einer Konferenz-Übung kam eine Studentin - die es schlecht gemacht hatte - zu mir und meinte, sie hätte mein Englisch nicht verstanden. Das passiert oft, sie sehen mich und gehen davon aus, dass ich indisches Englisch oder sonst ein komisches Englisch spreche und daher verstehen sie mich nicht. Aber das passiert auch außerhalb der Uni. Wer Englisch als professionelle Arbeitssprache hat, sollte außerdem das Englisch der ganzen Welt verstehen - dass viele das nicht können (wollen?) ist auch Teil des rassistischen Paradigmas. Das ist eine kulturelle Blockade.“

Wir und Sie
Für den zukünftigen Beruf als ÜbersetzerIn wäre kulturelle Offenheit aber sehr wichtig. Wird im Studium oder überhaupt unter ausländischen SprachstudentInnen so etwas diskutiert?
„Ich halte das Problembewusstsein auch bei den ausländische StudentInnen für sehr gering, weil es zum Paradigma gehört, dass es kein Problem gibt . . . Es gibt das allgemein verbreitete rassistische Paradigma, das jegliche Thematisierung von Rassismus nicht zulässt. Wenn jemand als AusländerIn ein Problem hat, ist das ihr oder sein eigenes spezifisches Problem , und Rassismus gibt es nicht in Österreich. Sogar diejenigen, die es selber erleben, glauben, es ist mein Problem. Sie geben dem Problem nicht den Namen Rassismus. Eine solche Individualisierung der AusländerInnen-Probleme leugnet ihren strukturellen Zusammenhang und verbannte sie lange Zeit aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Aber dieses Schweigen bricht schön langsam . . . Ohne Thematisierung der kulturellen Bedingtheit der Sprache ist es natürlich auch unmöglich zu übersetzen. Es gibt immer einen Clash oder jedenfalls ein Zusammenkommen zweier Weltanschauungen oder kulturelle Interpretationen der Welt. Wir haben gedacht, bitte, das muss klarer gemacht werden!“ Sie selbst unterrichtet zusammen mit einer Kollegin - Renate Resch - Interkulturelle Kommunikation für KulturmittlerInnen. Im Seminar wollen sie „als Erstes den Studierenden klar machen, dass selbstverständliche Prämissen, Hausverstand, oder common sense einer kulturellen Interpretation der Welt unterliegen. So wie Du etwas siehst, gilt das nicht für die ganze Welt. Das, was man isst oder wovor man Ekel empfindet . . . Schmalzbrot, zum Beispiel, wie kann man Fett auf Brot schmieren und das herunterschlucken? - mir hat gegraust, als ich das zum ersten Mal sah. Wir versuchen zu erklären, dass emotionale Reaktionen auf ganz alltägliche Dinge auch kulturell geprägt sind. Das finden sie lustig. Aber wenn wir ein paar Fotos zeigen und sie sollen ganz kurz aufschreiben, was sie gesehen haben (wir zeigen zuerst zwei Frauen), schreiben fast alle: Das ist eine Frau im Businesskostüm und die andere ist eine schwarze Frau im Businesskostüm. Wir thematisieren, dass sie die Hautfarbe der einen nicht erwähnen, weil die der angeblichen Norm entspricht. Erst dann checken sie unterbewusst, dass sie einen Fauxpas begangen haben. Sie müssen ihre Position innerlich verteidigen und werden mir gegenüber oft aggressiv. Wenn meine Kollegin diesen Teil des Unterrichts alleine macht, also ohne mich, kommen viel weniger Aggressionen. Es sind ausschließlich weiße Studierende aus unterschiedlichen Ländern, Frauen und Männer, und sie fühlen sich durch mich ertappt. Es ist Teil dieses Us and Them Musters. Wenn eine von uns sagt Das ist schlimm, ist das weniger arg, als wenn eine von den Anderen sagt Du warst schlimm. Viele überwinden das nicht, andere schon, so fifty/fifty - das zeigt das Problem.“
Ist das auch klar bei den Übersetzungen, welche die StudentInnen abgeben, ob sie ein geschlossenes Weltbild haben? „Es ist ganz klar, dass Sie das haben. Bis vor Kurzem hat man auch fast in aller Welt das Fach Dolmetsch auf diese Weise unterrichtet. Man thematisierte diese kulturell-politisch-ethische Dimension nicht und man ging davon aus: Dies ist die Welt des Ausgangstextes, die mit der Weltsicht des Zieltextes nichts zu tun hat - das konnte nicht funktionieren.“
Als ob nicht jeder Text in eine gewisse Weltsicht eingebettet wäre!
„Wie willst du auf Englisch sagen: Die Schwarze. Das kannst du gar nicht sagen, es ist unmöglich mit den Mitteln der englischen Sprache, das zu sagen. Viele glauben, dass es ein sprachliches Problem ist und verstehen nicht, dass es ein Problem der Begriffsebene ist. Ich versuche, das in allen Lehrveranstaltungen klar zu machen.“
 
 
Zur Inhaltsübersicht: Ausgabe 2002
seite weiterempfehlen seite drucken nach oben nach oben