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2002 |
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Inlandspolitik
Südböhmische Mamas und Papas
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(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Wie sieht die Einstellung zu Temelín in Tschechien aus? Und zu
Österreich?
Von Veronika Grögerová
Im Jahre 1989, als die marktwirtschaftliche Demokratie in Tschechien
gegen den Kommunismus gewann, war das Atomkraftwerk Temelín ein schon
fast „erwachsenes Kind“, die Bauarbeiten weit fortgeschritten.
Temelín-GegnerInnen stritten mit Temelín-BefürworterInnen um „die
Wahrheit“. Erstere Gruppe rief nach einem Referendum, unrealistisch,
weil ein Referendum nur von einer bestimmten ParlamentarierInnen-Anzahl
initiiert werden konnte. 1992 wurde die Bewegung „Jiho ceské matky“
(„Südböhmische Mütter“ - auf http://www.jihoceskematky.cz) gegründet.
Die Mütter setzen sich für breite ökologische Ziele und die Beseitigung
von Kernenergie ein. Heute unterstützen sie die bekannten
Grenzblockaden, die in österreichischer Zusammenarbeit organisiert
werden. Es gab auch Zweifel am erhöhten Energiebedürfnis. Andererseits
kommt der Strom nicht nur aus der Steckdose. Temelín-BefürworterInnen
fragen: „Wie soll es weiter gehen, wenn jeder Haushalt von Waschmaschine
und Geschirrspüler träumt?“ Die Alternativen zu Temelín waren unklar.
Die Leute versuchten ökonomisch zu denken: „Jetzt, nach der großen
Geldinvestition, ist es schon zu spät. Man sollte weiter, aber sicherer
bauen . . .“
Zumindest in einem stimmten die Gruppen überein: Die
Katastrophenszenarios der Kohlengruben in Nordböhmen und Nordmähren
dürfen in keinem Fall wiederholt werden. Ihre Folgen für die Gesundheit
der lokalen Bevölkerung waren drastisch: viele an Allergien und Asthma
erkrankte Kinder und ganze Gebirge voll abgestorbener Wälder! 1993
entschied das demokratisch gewählte Parlament schließlich, dass das
„Kind Temelín“ weiter wachsen darf. Nur sollte es zu den Ostsprachen
auch Westsprachen lernen - die amerikanische Firma Westinghouse wurde
zur Kooperation eingeladen.
In Österreich wird auf die Gefährlichkeit von Temelín hingewiesen: Die
Kombination von osteuropäischer und westeuropäischer Technologie kann
nie gut funktionieren. Die ÖsterreicherInnen sind gerade erst zum
Volksbegehren geeilt. Die Stimmung in Tschechien schaut aber anders aus.
Die Zeit der Zweifel scheint vorbei zu sein, die Meinungen entwickeln
sich deutlich in eine Richtung: 50,1 Prozent der Bevölkerung sind der
Meinung, dass die Ergebnisse des Volksbegehrens nicht den Weg der
Tschechischen Republik bestimmen sollten. Die Mehrheit ist überzeugt,
dass Temelín in Betrieb gehen muß. Die Leute erwarben langsam Vertrauen
in Nützlichkeit und Sicherheit von Temelín. Dementsprechend wurde 1999
der Verein „Jihoceští tatkové“ („Südböhmische Papas“ auf
j-tatkove.hyperlink.cz/cze/index.html) gegründet. Die „Papas“ sind
beruflich meistens Naturwissenschaftler und Fachexperten. Sie bieten der
Öffentlichkeit ökologische und technische Debatten, deren Ziel die
Propagierung der sicheren Atomenergie ist.
Jede/r sollte sich über Temelín eine persönliche Meinung machen. Ob ich
noch objektiv denken kann? Mich überzeugen die Argumente, die ich in
Tschechien höre. Leute vom Fachbereich bringen logische Stellungnahmen:
z.B. dass der Probelauf den realen Erwartungen entspricht. Angeblich
können, wenn eine so komplizierte Turbine nach so langen Bauarbeiten in
Betrieb geht, technische Störungen nicht vermieden werden. Bis jetzt
ereignete sich auch keine Verstrahlungs-Gefahr. Nach Experten
entsprechen die technischen Ansprüche Temelíns modernsten Anforderungen
und Standard. Temelín sollte sich so bei den „guten“ europäischen
Atomkraftwerken einreihen! Alternative Energiemöglichkeiten wie Wasser-
und Windenergie sind wirklich kaum entwickelt. Was den menschlichen
Faktor in Temelín betrifft, wurden höchst strenge Maßnahmen eingesetzt.
Alle Leute, die in Temelín arbeiten sollen, sind zuerst gründlichen
psychologischen (bis zu ganztägigen) Tests unterzogen worden. Meine
Mutter prüfte, in ihrer Eigenschaft als vom Staat engagierte
Psychologin, einige diese Leute selber...
Und die Reaktion auf Miloš Zeman? Da hörte man einige Stimmen, die uns
an die berühmte tschechische Figur namens Švejk (Schwejk) erinnern: „Der
hat wieder mal zu viel Becherovka getrunken. So dürfte sich ein
Politiker gegenüber einem anderen Land nicht äußern.“ Andererseits
stimmen viele Leute Premierminister Zeman prinzipiell zu. Besonders
jetzt, wenn das Thema Temelín vom österreichischen Haider als politisch
ausgeschöpft zur Seite gelegt wurde und statt dessen die Beneš-Dekrete
für äußerst emotionale Diskussionen auf den Tisch geworfen werden! Die
tschechische Bevölkerung versteht die österreichische Politik nicht und
hält sie für provokativ und dumm. Warum haben ÖsterreicherInnen kein
Vertrauen gegenüber Temelín, aber andere grenznahe Kernkraftwerke in
Bayern, der Slowakei oder Slowenien lassen sie kalt? Aus diesen Kolossen
dürfen sie sogar Atomstrom importieren. Glaubt man wirklich, dass ihr
Strom weniger schmutzig ist? Das scheint mir ein
populistisch-politischer Schwindel und Bluff zu sein. Ich nehme an, die
tschechischen Politiker hätten von Anfang an weniger „frech“ vorgehen
sollen. Sie hätten einiges vermeiden können, wenn sie sich der
österreichischen Ethik bewusst gewesen wären, wenn sie selber aktiv
ExpertInnen eingeladen hätten und mit dem österreichischen Nachbarn die
ganze Sache deutlich abgeklärt hätten. Statt dessen warteten sie, ob
sich der Nachbar erregen wird und inwieweit. Er regte sich auf, und
sinnlose und unfruchtbare Streitereien von seiten der ÖsterreicherInnen
erregen jetzt zur Abwechslung wieder die TschechInnen. Einen
Schlussstrich unter die Geschichte kann aber keiner machen. Inzwischen
ist ein riesiger Schaden entstanden! AugenzeugInnen können sich noch
erinnern, wie sich die österreichisch-tschechischen Kontakte nach der
„Wende“ freundschaftlich entwickelten. Die jetzt entstandenen Wunden
werden traurigerweise wahrscheinlich in nächsten Generationen geheilt
werden müssen . . . |
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