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2002 |
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Inlandspolitik
„Die AsylwerberInnen würden alleine da sitzen“ |
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(Ausgagbe Nr.4 - Okt/Nov 2002)
Einen gewissen Ärger bringen die momentanen Umstände mit sich
Von Di-Tutu Bukasa
Überall wohin ich gehe, erfahre ich, es ist „sch“...schlecht mit dieser
Regierung. Als symptomatischen Anhaltspunkt für die institutionelle,
demokratische und rechtsstaatliche Krise führe ich zur Illustration das
vor kurzem durchgeführte Massentreiben in die Illegalität an, in Folge
einer im Lager Traiskirchen gestarteten Inszenierung, bei der viele
Menschen auf die Straße gesetzt wurden. Dieser Akt ging fast Hand in
Hand (Timing zwischen Exekutive und Justiz?) mit in Wien durchgeführten
kurzen Prozessen gegen bestimmte Wohnheime, in denen Afrikaner leben. Da
einige unsere Kolporteure, von Strassers politischer
Unverantwortlichkeit betroffen, bei diesem Wetter nachts nicht auf der
Straße bleiben konnten, kamen sie zu uns in die BZ-Redaktion. Weil wir
doch noch an institutionelle Vernunft und Logik glaubten, riefen wir im
Kabinett des Innenministers an. Ein Beamter sagte uns: „Schmeißen Sie
sie raus oder rufen sie die Polizei!“ Auch die weitere Odysee der BZ von
Caritas bis zum Roten Kreuz, mit dem Argument, dass Menschen nicht nur
Subjekte des Staates, sondern auch der Kirche sind, brachte nichts.
Unsere Kolporteure haben sich daher den Umständen entsprechend schlecht
herumgeschlagen: Im Park zu schlafen, ist nicht leicht. Unser Fotograf
Christian konnte wegen Verkühlung nicht zum Fototermin erscheinen. Ich,
als ein ehemaliger „sans papiers“, komme mit dieser Erfahrung zu den
Worten von W. Morris: „Die Menschen kämpfen und unterliegen, und die
Sache, wofür sie kämpfen, setzt sich trotz ihrer Niederlage durch; und
wenn das Ziel erreicht ist, erweist sich, dass es nicht das ist, was sie
eigentlich meinten, und dass andere Menschen zu kämpfen haben, was sie
meinten, doch unter anderem Namen. Jeder kämpft immer für etwas anderes,
aber dies entlastet nicht von kollektiver Schuld!“ Viele wußten von der
Misshandlung der AsylwerberInnen. Bestimmte NGOs kämpfen aber immer für
etwas anderes als für das sie sich ausgeben. Ein Paradebeispiel ist der
Guru des Antidiskriminierungsgesetzes, welcher im Rahmen der „Österreich
für Alle Gleich“-Sitzung ganz ruhig deponierte, dass sich seine
Organisation mit Rassismen und Antidiskriminierung befasse, die
MigrantInnen aber nicht die Zielobjekte seiner Organisation seien - eine
Gulaschsoßenproblematik . . .
Die meisten NGOs in Österreich betrachten „Rassismen“ als ein zu
kultivierendes Feld, womit man sich ernähren kann. Rassismen zu
identifizieren und über sie wie im Kabarett zu spotten, ist ein Paar
Schuhe. Aber sie am Leben zu erhalten, ist ein anderes Paar Schuhe, ein
sehr lukratives Feld. In anderen Ländern Europas wäre die Zeit reif für
wirkungsvolle Aktionen, wie sogar Kirchenbesetzung, um eine kollektive (Re)Legalisierung
von AsylwerberInnen in Gang zu setzen. Die AsylwerberInnen und „sans
papiers“ tun es nicht in diesem Land - nicht, weil Haider und Strasser
zu populär sind, sondern wegen der intellektuellen und oppositionellen
Klasse sowie der Bevölkerung Österreichs. Die AsylwerberInnen würden
allein dasitzen. Haider und Strasser haben ihren Job gemacht und ihre
menschliche Grenze bewiesen: Ihnen selbst kann nicht wie bisher die
politische Verantwortung für Menschen übertragen werden. Es herrscht
eine politische Morbidität einer amorphen Gesellschaft in diesem Land,
welche Jörg Haider zum Alpha und Omega des politischen Handelns gemacht
hat. Er stellt die Regierung mit und entlässt sie nach seiner Laune, wie
es ihm passt. Schämt euch.
Die AsylwerberInnen handelten völkerrechtlich. Sie sind darauf gefasst,
sich in andere EU-Länder zu begeben. Was ist aber mit dem
österreichischen Beitrag zum Schengen-Abkommen? Welche Verantwortung
trägt Österreich anderen Ländern gegenüber? Wir MigrantInnen richten an
die „sans papiers“ diese Botschaft: Lasst uns mit den Österreichern
nicht allein! Bezüglich der Polizei, die immer an vorderer Front und
angeblich jenseits von Justiz, Parlament und der Bevölkerung selbst
steht, meinte der Philosoph Michel Foucault: „Die Polizei erscheint als
Administration, die den Staat lenkt, gemeinsam mit der Gerichtsbarkeit,
der Armee und der Staatskasse. Wohl wahr. Tatsächlich jedoch umfasst sie
alles andere. Wie Turquet ausführt, breitet sie sich mit ihrem Tun in
jeder Situation aus, in allem, was Menschen machen oder unternehmen, ihr
Bereich umgreift Justiz, Finanzen und Armee. Die Polizei schließt alles
ein.“ Ob Politiklosigkeit auch eine Form der Politik ist, wie sie uns
Strasser zeigt, möchte ich bezweifeln, da sie uns keine Alternative für
die gesamte EU anbietet, in der Österreich Mitglied ist. Auf bestimmte
wirtschaftliche und technologische Umstände des Weltsytems zu reagieren
und sich den darauf beruhenden Vorteil als Mitglied einer großen
Gemeinschaft zu verschaffen, sagt noch lange nicht, dass Österreich in
die EU mit einer bereichernden politischen Perspektive seiner
Neutralität eingegangen ist. Im Kontext des Nationalstaates triumphierte
der Kapitalismus nur dann, wenn er mit dem Staat identifiziert wurde. Er
war der Staat. Heute im Kontext des globalen Kapitalismus ist die
EU-Transnationalität zugleich ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen
Globalisierung. Was „Asyl in Not“ vor kurzem passiert ist, nämlich dass
das Innenministerium die Subvention einstellte, weil Geschäftsführer
Genner sich weigerte, seine in den Medien („MUND“) geäusserte Kritik an
einem Beamten des Asylamtes zurückzunehmen, zeigt, dass die Zeiten
Metternichs noch nicht vergangen sind. Auch der Umgang mit Kollegen
Bülent im Menschenrechtsbeirat zeigt, dass die Krise dieses Landes von
gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist. Die Krise ist Ausdruck eines
kollektiven Handelns und somit nicht nur eine zeitgemäß thematisierbare
„kollektive Schuld“, sondern eine Herausforderung für uns MigrantInnen,
eine neue Qualität der Vernetzung und Integrationspolitik unter dem
Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Mannigfaltigkeit mitzuprägen. |
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