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Inlandspolitik

Vom bedrohlichen zum edlen Wilden

(Ausgagbe Nr.3 - Aug/Sept 2002)

Über die Begegnungen mit „dem Fremden“ und
die Erzeugung von Fremdenangst

Von Emsal Avdijevski
Eine politisch hervorragend gut instrumentalisierbare Auffassung einer in zwei Hemisphären aufgeteilt gedachten Welt sieht so aus: Wir - die Verkörperung von Ordnung und Stabilität und die anderen - die Ausgeburt von Chaos und Wildheit und somit Bedrohung. Diese Auffassung hat sich in der Geschichte schon immer gut bewährt.In der Berichterstattung des auflagestärksten österreichischen Printmediums bedeutet der Fremde stets die Katastrophe und wird von Horrorvisionen begleitet: Sie kommen! Sie kommen über die Berge, sie sind arbeitslos, und sie sind viele! Das vereinfachte Wahrnehmungsmuster des Fremden fungiert hier als unkontrollierbare Bedrohung. Die Medienpolitik setzt bei in uns schlummernden Angstphantasien wie Trennungsverlusten an und bläht sie zu einem Riesen auf: Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, die Angst, die Identität und die Heimat zu verlieren. Diese Ängste zu verringern oder besser zu verarbeiten, auf ethische Weise zu kontrollieren, kann politisch Mächtigen nicht von Interesse sein, die Ängste werden vielmehr als Chance zur Macht wahrgenommen. Das Konzept ist einfach: Man nehme sämtliche Vorurteile, die geeignet sind, Fremde als Gruppe von gefährlichen KonkurrentInnen und BesetzerInnen darzustellen, die jegliche Lebens-chancen und die Identität der Einheimischen zerstören wollen. Solche Ängste sind ohnehin latent in den Menschen vorhanden. Dann öffne man einfach ein Ventil für Verdrängtes und preise - grosse Überraschung! - sich selbst als den grossen Retter vor der Katastrophe an.Eine weitere Möglichkeit, auf Fremdenangst zu reagieren, stellt das Fremde als das unkontrollierte Böse außerhalb jeglicher Kultur. Das Fremde dient hier als Projektion. Alles, was mich an mir selber stört, was mich an meinen nächsten Bezugspersonen stört, projeziere ich auf das Fremde. Dieses angstbesetzte Fremde wird in der weiteren Lebensgeschichte zum Sündenbock. Das Böse ist „draußen“. Böse sind die SlawInnen, TürkInnen, JüdInnen, die MuslimInnen, die AfrikanerInnen. Als einzig positive Form den Fremden wahrzunehmen, bietet sich so oft nur die Möglichkeit eines Interessenaustausches und somit einer Bereicherung an - so wie einst mit dem fremden Kaufmann, dieser mündet aber meist in eine naive, oberflächliche Form der Begegnung: Kulturelle Bereicherung heisst in diesem Zusammenhang der Genuss von Kebab oder Sushi, die Reportage über fremde Kulturen im Fernsehen oder die Pauschalreise mit „Neckermann macht’s möglich“. Und bei dieser Abgrenzung soll es gefälligst auch bleiben, denn mit dem Beibehalten einer gewissen Distanz steht die eigene Integrität nicht in Frage. Im Gegenteil. Das Fremdbild bleibt hier eine identitätsversichernde Kehrseite eines idealisierten Selbstbildes, und Stereotypen dienen der Identitätsstiftung.Eine andere widersprüchliche Art, mit Fremdenangst umzugehen, ist der Exotismus. Der Exotismus beinhaltet eine Verniedlichung oder eine unrealistische Verherrlichung des Fremden. Der bedrohliche Wilde wird hier zum „edlen Wilden“, der stets dankbar ist. Der gemäß der Projektion, im Einklang mit der Natur, seinem Körper und seinen „Trieben“, die eigenen unauslebbaren Wünsche verwirklicht...
 
 
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