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2002 |
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Inlandspolitik
Konkurs der Firma |
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(Ausgagbe Nr.4 - Okt/Nov 2002)
Ist die dreijährige Wende am Ende?
Von Bülent Öztoplu
Ist der politische Albtraum für Österreich schon ein für alle mal
vorbei? Wäre toll, aber leider sieht es nicht so aus, wie ich und auch
viele andere hoffen. Es ist vielleicht ein wichtiger, aber immer noch
nicht der endgültige Schritt, der in der Geschichte als abgeschlossenes
Kapitel seinen Platz einnehmen kann. Aber so lange die sozialen und
ökonomischen Grundsteine der demokratischen Gesellschaft noch nicht ihre
richtigen Plätze gefunden haben, wird es immer wieder populistische
Parteien und Persönlichkeiten geben, die das für sich ausnützen werden
wollen. Vielleicht unter anderen Namen, aber doch mit denselben
Argumenten, werden sie Konflikte polarisieren und die Menschheit in ein
riskantes Abenteuer mitreissen wollen. Aber es ist sehr interessant zu
beobachten, dass die „Wende“ und ihre schwarzblaue Koalition nicht durch
den Druck von außen, sondern durch den inneren Druck gescheitert ist.
Die Weltöffentlichkeit, EU-Sanktionen, zivilgesellschaftliche
Massenproteste auf der Straße, die parlamentarische Opposition und
andere haben nicht geschafft, was heute von sich aus passiert ist. Die
Westenthaler-Khol-Firma hat sich selbst den Konkurs erklärt. Besonders
interessant ist, dass der Koalitionspartner FPÖ und sein Initiator Dr.
Jörg Haider seit fünfzehn Jahren politische Pyramiden hoch geklettert
sind und mit ihren aggressiven und historisch verurteilten Methoden
Wahlkämpfe vorangetrieben, Menschen, Institutionen diffamiert,
provoziert und sich mit allen möglichen Mitteln um jeden Preis an der
Macht beteiligt haben, ohne es aber zu schaffen, an der Macht zu
bleiben. Warum eigentlich?
Erstens hat Haider seine eigenen Kinder und seine Partei liquidiert,
weil er es nicht ertrug, dass, obwohl seine eigene Mannschaft an der
Macht beteiligt war, er das Scheitern mit ansehen musste. Sein größter
Fehler war, dass er nicht Vizekanzler werden wollte, denn nun konnte er
nicht weiter ruhig bleiben.
Zweitens ist Österreich grundsätzlich ein stabiles Wohlstandsland, die
traditionelle Konsenskultur kann aber solch abenteuerliche Experimente
auf Dauer nicht ertragen. Irritationen, demagogische
Auseinandersetzungen, aggressive Diskussionskultur und vor allem die
unberechenbare Geschwindigkeit der FPÖ-PolitikerInnen, die keine
konkreten Inhalte präsentieren konnten, haben Tag für Tag ihre
WählerInnen und Koalitionspartner müde gemacht.
Drittens hat die FPÖ populistische Forderungen gemacht, um Stimmen zu
bekommen, aber nicht um zu regieren und positive Stimmung zu machen. Sie
haben die alten Zeiten und deren Strukturen kritisiert, konnten aber
keine Alternativen zeigen.
Oppositionspartei oder Regierungspartei zu sein unterscheidet sich
wesentlich voneinander und beide Bereiche haben unterschiedliche
Ausdrucksformen und Konzepte. Bei ersterem ist ein kritisches Herangehen
an die vorhandenen Themen wichtig, beim anderen ist es wichtig, dass es
ein gesamtes Status quo und ein Interesse für die allgemeinen Thematiken
gibt. Populäre Themen können für die Opposition ein Mittel sein, die
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Wahlstimmen zu rekrutieren, aber
wenn sie an der Regierung sind, müssen sie auch andere WählerInnen
repräsentieren. Eine Regierung in Österreich braucht Staatsmänner und
Frauen, die langfristig das Interesse an der Demokratie vorantreiben,
aber nicht Politiker, die polarisieren, Menschen irritieren, sogar sich
selbst zerfressen, aber im Endeffekt nichts bringen und sich dann noch
selbst liquidieren.
Wir werden mit dem Herrn Haider und seiner Partei kein Mitleid haben,
aber auch keine voreilige Freude verspüren, weil wir ja noch nicht
wissen, ob dieses dreijährige politische Experiment vorbei sein wird.
Diese Vorsichtigkeit mit unserer Freude steht in Zusammenhang mit den
nationalen und europäischen Dimensionen: Allgemein sind in der
Europäischen Union rechtspopulistische Parteien stark geworden und legen
an Stimmen zu, in dem sie viele soziokulturelle und ökonomische Themen,
(wie z. B. Migration, Globalisierung, Arbeitslosigkeit) als Basisthemen
nehmen. Sie haben noch nicht ihre endgültigen Höhepunkte oder Tiefpunkte
erreicht, somit können wir diese Bewegungen noch nicht als „klassische
Fälle“ einordnen oder sie der Vergangenheit überlassen. Sie sind noch
populär. Auf nationaler Ebene, das heißt in Österreich, sind wichtige
Grundsteine der Demokratie und auch des Wohlstandes noch nicht gerecht
verteilt. Migration, Integration, Arbeitsmarkt und Bildungsthemen sind
noch weit entfernt von den Zielen, die schon längst hätten erreicht
werden müssen. Das Gewichtigste darunter ist, dass die alte Strukturen,
die bürokratische Kultur und die althergebrachten Lösungsmodelle noch
immer nicht ersetzt worden sind. Diese globalen und nationalen Punkte
genügen, sind Grund genug, für diese vorweg beschriebene Vorsichtigkeit.
Wir dürfen uns keine verfrühte Freude gönnen, dass der schwarzblaue
Alptraum endlich vorbei ist. Vielleicht können wir ein kleines „prosit“
sagen, aber noch keine richtige Feier veranstalten.
Ich kann mir schon ein neues Comeback von Haider und Co vorstellen,
eventuell als eine Teilregierung oder als gesamte Regierung sogar.
Stellen Sie sich das bitte vor! . . .
Es kommt bald wieder die Großkoalitionszeit zurück. Es gibt wieder die
politische Arroganz und die Starrheit der Strukturen und, und, und . . .
Wir werden wieder einen neuen Westenthaler, Stadler, Gaugg und Haider an
unsere Türen klopfen hören. Ich und viele Menschen, die sich als
MigrantInnen bezeichnen, können mit aller Vorsicht auch eine dynamische
Rolle spielen, und zu der heutigen Situation eine neue Hoffnung
einbringen.
Der Großteil der MigrantInnen hat in Österreich das Wahlrecht und kann
dieses auch jetzt benützen. Wir können unsere Stimmen als eine aktive
Teilnahme an der Demokratie betrachten und unsere Stimme für die
Menschenrechte, Gleichberechtigung aller EinwohnerInnen und für ein
antirassistisches Österreich abgeben. Das alleine genügt, um zu sagen,
dass wir bald die sogenannte populistische „Wende“ für lange Zeit hinter
uns lassen können und weiter optimistisch bleiben.
Ich habe das Gefühl, dass der Grossteil der Gesellschaft und die
MigrantInnen das wollen. Wer weiß, vielleicht werden wir ein „anderes
Österreich“ bald richtig und mächtig feiern. Prosit auf Demokratie! . .
.
Bülent Öztoplu ist Geschäftsführer des Vereins ECHO |
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