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Internationale Politik

„Wach auf, Amerika“
 
(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Die bunte Wahrheit - Gedanken eines US-Amerikaners
Von Peter Ma(h)ler

I pledge allegance, to the flag, of the United States of America. And to the republic, for which it stands, one nation, under God, indivisable, with liberty and justice for all.“ Diese schönen Worte sind in der US-Amerikanischen „pledge of allegiance“ enthalten. Sie bilden einen Text, der eigentlich ein Eid ist. Ein Eid, der auch von ZuwanderInnen kurz vor ihrer Einbürgerung, d.h. vor der Verleihung der US-StaatsbürgerInnenschaft verlangt wird. Sie liefern auch Begriffe und Gedanken eines fast verstorbenen, 200 Jahren alten amerikanischen Traumes. Auch der Gedanke „All men are created equal“ prägt die Frühgeschichte des US-amerikanischen Volkes. Er sollte zu einem Grundstein der US-Verfassung werden.
Alle diese Begriffe waren im 18. Jahrhundert noch lebendig und spiegeln den Geist der Urväter der frühamerikanischen Republik. Damals waren die USA sehr jung und aus meiner Sicht noch ein verheißungsvolles politisches Experiment. Es war eine Zeit, in der sich die USA vom englischen Kolonialismus befreien wollte, eine Zeit, in der neue Gedanken den Weg in die Unabhängigkeit führen sollten. Betreffen die Gedanken von Freiheit und Gerechtigkeit nur die US-amerikanerInnen? Das kann nicht sein, da laut der amerikanischen Urvision alle Menschen gleichberechtigt sein sollten.
„Liberty and justice for all. All men are created equal.“ Eigentlich wunderschöne, anziehende Gedanken. Aber wenn es wirklich zum Krieg zwischen den USA und dem Irak oder Iran kommt, wie ich befürchte, wird die betroffene Zivilbevölkerung kaum an Freiheit denken, wenn sie im Bombenhagel ihr Hab und Gut verlieren. Kinder werden kaum an Gerechtigkeit denken, wenn sie Mutter oder Vater zum Friedhof begleiten müssen. Verletzten und Verstümmelte werden nicht an Gleichberechtigung denken, sondern eher an Rache. Im Westen, nach dem Ende des Jugoslawienkrieges wieder fern von Kriegsschauplätzen, können sich die Menschen kaum noch vorstellen, wie es ist, in einem Kriegsgebiet zu leben. Die ältere Generation, die Krieg erlebt hat, ist schweigsam oder müde vom Erzählen geworden. Die jüngere Generation ist in Frieden und Wohlstand geboren worden. Seit fast 150 Jahren, seit dem blutigen Bürgerkrieg von 1864, gab es in den USA keine Kriege. Die überwiegende Mehrheit der US-BürgerInnen hat absolut keine Ahnung, wie es ist, Deckung suchen zu müssen, außer vielleicht die Wenigen, die vom Terroranschlag am elften September unmittelbar betroffen waren. Sofern sie noch leben.
Das Fernsehen bietet der/m DurchschnittsbürgerIn Einblick in eine unrealistische, perverse Kinowelt, in der Rambo Unmögliches überlebt und noch Unmöglicheres leistet. In einem Land, in dem ein Durchschnittsmensch sechs Stunden täglich fernsieht, kann das nicht spurlos vorüber gehen. Meine Theorie dazu wäre: Ein Mensch, dessen Erfahrungswelt aus einem flimmernden Fernsehkasten kommt, kann keine realistische Einschätzung der echten Greueltaten eines Krieges besitzen.
Ich möchte hiermit behaupten, das die US-Gesellschaft hartherzig geworden ist. Ich behaupte weiters, dass Präsident Bush „Herzensbildung“ braucht. Als Verantwortlicher sollte er ein Beispiel an Menschlichkeit, Mitgefühl und Nächstenliebe verkörpern, wenn er den wahren amerikanischen Traum verwirklichen will. Er redet zwar viel über „Die Guten“ und „Die Bösen“, und inkludiert, dass er zu den „Guten“ gehört, gleichzeitig aber strebt er Kriege an. Das passt auf keinen Fall zusammen! Für mich, der FlüchtlingsbetreuerInnen sehr nahe steht, wird das echte menschliche Leid in den Gesichtern und Erzählungen der Flüchtlinge sichtbar. Meine Schlussfolgerungen sind: Krieg ist grundsätzlich nur schlecht. Es gibt keinen gerechten Krieg, weil Krieg doch das Ziel setzt, bestimmte Menschen zu töten. Ich hoffe, ich spreche in Namen vieler US-AmerikanerInnen, wenn ich sage: Wir wollen mehr Menschlichkeit. Wir wollen mehr Miteinander. Und grundsätzlich: Wir wollen keinen Krieg. Nie wieder. Mir kommt es vor, als ob die Vision von Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Gleichheit verändert wurde. Viel zu viel Aufmerksamkeit wird dem Dollar geschenkt. Viel zu viele außenpolitische Entscheidungen werden nach wirtschaftlichen Interessen getroffen. Das US-amerikanische Herz scheint in Aktien, Firmenbeteiligungen und Zinsen zu ersticken. Die Grundgedanken der Urväter, einst gegenwärtig, leben fast nur noch in den Geschichtsbüchern weiter.
Ausgerechnet jetzt, wo die USA ein „Vorbild“ sein möchte - und eigentlich sein könnte, ist der amerikanische Materialismus allgegenwärtig. Für viele Menschen scheint es so, als ob die Wirtschaft mehr Macht besitzt als die Politik. Für mich sind die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft im Laufe der Jahre grundsätzlich durchsichtiger - für mich sind beide Mächte fast eins geworden. Der schöne Traum wurde in Dollarnoten umgetauscht. Im Lichte eines neuen blutigen Krieges bin ich enttäuscht. Eigentlich bin ich entsetzt. Eine Rückbesinnung auf die wahren Werte, die eine Zeitlang die Welt verbessern sollten, scheint von dringender Notwendigkeit zu sein.
Ich träume von einer Welt ohne Grenzen. Eine Welt, in der Menschen einander als Brüder und Schwestern, Mütter oder Väter erfahren können. Eine Welt ohne Hungersnot, Krieg und Gewalt. Eine neue gemeinsame Schöpfung, reich an verschiedenen Kulturen, Standpunkten und Toleranz. Mein Rezept für eine neue Welt wäre: Bevor man eine wichtige Entscheidung trifft, unabhängig von Religion, Rasse oder Nationalität, sollte man sich folgendes fragen: „Was würde die Liebe tun?“ Wobei ich mich nicht auf Spiritualität beziehe. Nächstenliebe könnte ein Beweggrund für alle Menschen sein, unabhängig von Kulturkreis, Religion oder Ansicht. Wach auf, Amerika! Statt Menschen umzulegen, solltest Du sie umarmen, ohne paternalistisch zu sein. Ich plädiere für monetäre Hilfe statt Bomben. Und übrigens, die Botschaft meiner Generation, nämlich: „Make love not war“, war auch gar nicht so übel.
Peter Ma(h)ler lebt als freischaffender Maler und Grafiker in Wien. Er ist Vorstandsmitglied von „Asyl in Not“.
 
 
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