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Internationale Politik

Ungewollte Kriege und soziale Kämpfer
 
(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Viele Gruppierungen profitieren von der Gewalt in Kolumbien, nur die BürgerInnen nicht.
Von Miguel Gamboa

Im Januar dieses Jahres wurde befürchtet, dass ein Abbruch der Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerillagruppe Farc zu einer blutigen Eskalation des Konfliktes führen könnte. In letzter Minute wurden die Friedensverhandlungen verlängert. Die internationale Mediation, vor allem die der EU-Länder und der UNO-VertreterInnen, spielte zum ersten Mal eine große Rolle. Nachdem die Verhandlungen gerettet wurden, entschied sich allerdings die Farc für eine terroristische Offensive. Nun fühlen sich die KolumbianerInnen wieder einem Krieg näher und weit entfernt vom Frieden. Im März dieses Jahres finden Nationalratswahlen statt und nächstes Jahr wird ein neuer Präsident gewählt, der durch das Präsidialsystem über viel Macht verfügt. Es ist fast sicher, dass das Verhandlungskonzept von Präsident Pastrana verändert werden wird.
Schon als Kandidat besuchte Pastrana zum ersten Mal den Guerillachef Marulanda und versprach der Farc die „Entspannungszone“ als Garantie für Friedensverhandlungen. Diese Zone haben seit September 1998 Armee und Polizei verlassen. Dem Abkommen gemäß, sollte die Farc keine bewaffnete Präsenz innerhalb der fünf größten Dörfer haben. Die Zone dürfte nicht für militärische Aktivitäten der Guerilla benutzt werden. Die Regierung sagte zu, die politischen Veranstaltungen der Guerilla, wie Dialoge und Diskussionen, im staatlichen Fernsehkanal live zu übertragen. Eine Fluglinie im Eigentum der Luftwaffe transportiert JournalistInnen und BesucherInnen von Bogotá aus in die „Zone“. Anfangs spürte man eine Friedenseuphorie. VertreterInnen der Reichsten und der Ärmsten, prominente PolitikerInnen und sogar der Präsident der New Yorker Börse interessierten sich für direkte Dialoge mit der Guerilla und für den Frieden. In Costa Rica führten ein Vertreter der Farc und einer der Regierung Clinton erste informelle Gespräche über den Drogenhandel. Allerdings ließen die Ermordung von drei Amerikanern, Mitglieder von Menschenrechtorganisationen, diesen Dialog abrupt beenden. Zur selben Zeit verbot die Farc die Arbeit der Gerichtsbarkeit in der Zone und wurde außerhalb der Zone militärisch sehr aktiv. Auch die Zahl von Entführungen und anderen terroristischen Taten stieg an - auf durchschnittlich sieben pro Tag! Auf der anderen Seite breiteten sich die kriminellen paramilitärischen Gruppen auf ganz Kolumbien aus.

Epoche der „alten Gewalt“
Um den bewaffneten Konflikt zu benennen, benutzen die KolumbianerInnen weder das Wort „Krieg“ noch „Revolution“ sondern „Gewalt“. Seit dem April 1949 ist Gewalt (Violencia) Synonym für sektiererische politische bewaffnete Auseinandersetzungen in ländlichen Gebieten. In den 50er Jahren stellte sich - im Gegensatz zur jetzigen Situation - die Mehrheit der Bevölkerung auf die eine oder andere Seite der Konfrontation. Autoritäre konservative Regierungen mobilisierten ihre Anhängerschaft gegen die Liberalen, die politische Mehrheit, aber auch gegen die Kommunisten, obwohl diese eine Minderheit waren. Durch den Antikommunismus konnte die Regierung Hilfe von Washington bekommen. Aus diesem Grund war der Bürgerkrieg für die Regierung Kolumbiens auch kein Hindernis, um Truppen nach Korea zu schicken. Seit der Epoche der „alten Gewalt“ hat sich das Land grundsätzlich verändert, ohne jedoch soziale Probleme in den Griff zu bekommen. Kolumbien ist seit den 70er Jahren ein urbanes Land geworden. Lebenserwartung und Alphabetisierung verbesserten sich deutlich. Universitäten wurden für viele zugänglich. Einige Jahre lang spürten die unteren Schichten die Verbesserung der Wirtschaftslage deutlich. Die Rechte der IndianerInnen verbesserten sich grundsätzlich. Soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Armut blieben aber immer präsent und stiegen ab den 90er Jahren wieder kontinuierlich an.
Im Urwald Kolumbiens brauchten die Bauern, die sich in den 70er und 80er Jahren für Koka-Anbau im Urwald entschieden, eine Ordnungsmacht. Für die Farc bedeutete diese Entwicklung ein Geschenk des Himmels und den Anlass für eine große Wende, eine Persönlichkeitsänderung.
Manuel Marulanda, die historische Hauptfigur der Farc, ergriff 1949 zuerst für die Liberalen zu den Waffen, erst später für die Kommunistische Partei. Ob es eine Legende oder die Wahrheit ist, man sagt, dass er seitdem nie eine Stadt betreten hat. Im September 1958 sendet Marulanda zum ersten Mal gemeinsam mit Guerillakämpfern einen Brief an die Regierung. Darin verspricht er, die offiziellen Friedensinitiativen zu unterstützen und distanziert sich von jeglichem Versuch einer Weiterführung des Guerillakrieges. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sah ein Ende der Konfrontation und wollte Frieden. Marulanda gründete mit anderen Veteranen eine kleine ländliche Siedlung. Paradox ist: Gleichzeitig wurde ein anderer Bauer und Ex-Guerillakämpfer - Juan de la Cruz Varela - auf einer Liste von Liberalen und Kommunisten zum Nationalrat gewählt. Varela, bekannter als Marulanda, war schon vor der Entstehung der Violencia ein sozialer Kämpfer gewesen. Bis zum Ende seines langen Lebens war Juan de la Cruz Mitglied der KP und ein Symbol des Kampfes der Bauern und Bäuerinnen für eine Agrarreform und ein besseres politisches System. Der politische Agitator - für den die Städte und vor allem Bogotá vertraut waren - hat die Rolle des Guerilleros überboten. Warum machte sein Genosse Marulanda andere Erfahrungen? Viele Antworten sind möglich, aber eine trifft sicher zu: Marulanda und andere ehemalige Guerillakämpfer wurden, inklusive ihrer Familien, Anfang der 60er Jahre zum bewaffneten Widerstand gezwungen. Nach der kubanischen Revolution war es noch leichter, in Kolumbien von einer kommunistischen Gefahr zu sprechen. Das war rentabel in Dollars. Eine radikale Fraktion der konservativen Partei beschuldigte 1962 den regierenden konservativen Präsidenten kommunistische Enklaven zu tolerieren. Der Krieg wurde erklärt. Das Militär hatte wieder - diesmal mit der Unterstützung der USA - Beschäftigung gefunden.

Öffnung und Mäßigung
Zwanzig Jahre später: Die Farc beharrt, anders als die mexikanischen ZapatistInnen, auf gewaltigen Machtdemonstrationen und vernachlässigt eine politische Strategie. Regierungen wie jene von Betancourt und jetzt Pastrana, die große Konzessionen an die Farc gemacht haben, mussten mit diese Taktik der Farc deutliche Autoritätsverluste hinnehmen. So formierte sich gegen solche Regierungen immer eine Opposition des rechten Flügels, die für Ordnung plädiert. Andere gehen noch weiter und kanalisieren die Unzufriedenheit mit der Guerilla, um kriminelle Rache gegen reale oder vermeintliche SympathisantInnen der Guerilla zu üben. Diesem Vorwand sind in den 80er Jahren tausend Mitglieder der Unión Patriotica zum Opfer gefallen. Tatsache ist, dass die UP auf Grund einer Initiative der Farc gegründet wurde, um die Friedenspolitik und die „Öffnung“ (apertura) der Regierung Betancourts zu benutzen. In ihren besten Moment erhielt die UP nur vier Prozent der Stimmen, ihre politische Bedeutung war aber viel größer. Ein Führer der UP, der später ermordete Kandidat Bernardo Jaramillo, versuchte die Farc zu einer gemäßigten Strategie zu bewegen und distanzierte sich von der Praktik der Entführungen. Die Terrorwelle gegen die UP verhärtete aber die Farc in ihrer Position, was wiederum den Todsschwadronen neuen Antrieb gegeben hat. In den letzten Jahren sind auch Konflikte zwischen Farc und den sozialen Bewegungen, in erster Linie der IndianerInnenbewegung, sowie nationalen und internationalen NGOs (wie Human Rights Watch) entstanden.

Schatten des 11. September
Der US-Amerikanische „Plan Colombia“ (1.300 Millionen Dollars) ist bis heute vor allem gegen den Kokaanbau und zumindest formell nicht gegen die Guerilla konzipiert. In Kolumbien könnte jedoch dasselbe passieren wie in Peru, dort wurde dem Kampf gegen den „Leuchtenden Pfad“ mehr Bedeutung bemessen als der Drogenbekämpfung. Im Plan Colombia steht, dass nur jene Kokaplantagen mit einer Fläche größer als zwei Hektar mit Chemikalien zu besprühen sind und auch, dass die IndianerInnengebiete vom Sprühen ausgenommen sein sollen. Gegebenfalls wäre das eine offene Hintertür für eine Änderung der Prioritäten. Im letzten Jahr wurde die wichtigste Pipeline Kolumbiens, die staatliches Eigentum ist, 170 Mal von der Guerilla gesprengt, und obwohl für die USA das Erdöl Kolumbiens nur zwei Prozent seiner Importe ausmacht, plant Washington, kolumbianische Einheiten gegen die Sabotageakte zu trainieren - Schatten des 11 Septembers.
Der Krieg kann also eskalieren und mehr Vertriebene (vor allem Kinder und Frauen), mehr Tote, mehr Flüchtlinge und größere wirtschaftliche Misere und soziale Ungerechtigkeit verursachen. In denletzten Tagen hat die Regierung die „Entspannungszonen“ bombardiert. Weltweit soll mehr Druck auf die Kriegsführenden ausgeübt werden, um mindestens einen Waffenstillstand zu erreichen. Die Mehrheit der KolumbianerInnen hat sich gegen diesen Krieg und gegen die extremen Positionen manifestiert. Der Experte Daniel Pécaut sagt, dass es sich hier nicht um einen „BürgerInnenkrieg“ sondern um einen „Krieg gegen die Gesellschaft“ handelt.
Der Politiologe und Lektor Miguel Gamboa kam als Flüchtling nach Österreich.
 
 
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