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Zur Inhaltsübersicht: Ausgabe
2002 |
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Internationale Politik
ISRAEL / PALÄSTINA |
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(Ausgagbe Nr.2 - Juni/Juli 2002)
Die Redaktion der BZ hat sich bemüht, mit ExpertInnen und betroffenen
Gemäßigten bezüglich eines „dritten Weges", der die Spirale der Gewalt
durchbrechen könnte, zu debattieren. Die These war, daß die Krise
monotheistischer Weltbilder plus gewisse Machtinteressen an der Region
bzw. der Wunsch nach Landbesitz die Eskalation des Krieges im Nahen
Osten auslösten. Differenzierungen folgen: |
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Di-Tutu Bukasa (Die Bunte): Um überhaupt die
Stabilisierungsansätze dieser Krise zu untersuchen und die Möglichkeiten
diese in den Griff zu bekommen, ist es zunächst zweckmäßig, die
Bemühungen der erstklassigen weltpolitischen Akteure zu berücksichtigen,
die versucht haben, diese Krise seit ihrem Beginn zu managen. Analog zu
der bekannten Anekdote eines Kindes, das Rauch am Himmel betrachtet und
dem Philosophen die Frage stellt, wieviel dieser Rauch wiege? Der
Philosoph antwortet: „Schau die Asche, die unten bleibt, dann hast du
das Gewicht des Rauches." Wie alt ist der Krieg? Sechs Wochen seit dem
Einmarsch der Israelis in der Westbank? Acht Monate, seit Beginn der
zweiten Intifada? 15 Jahre, seit Beginn der ersten? Oder gleich bei der
Gründung des Staates Israels 54? Die beiden kriegsführenden „Parteien"
sind geschichtlich gesehen, wenn ich mich nicht irre, aus dem Geschlecht
Abrahams. Doch die asymmetrische Kunst des Krieges spiegelt den Zustand
des Weltsystems nach Ende des Kalten Krieges wieder: Auf der einen Seite
stehen die Israelis mit den Waffen einer regulären Armee, Panzer mit
Davidstern, Hubschrauber etc. und auf der anderen die Palästinenser, die
sich „im Namen Gottes" selbst in die Luft sprengen - dabei ist doch das
Letzte und Einzige, das jeder Mensch im Leben zu schützen hat das Leben.
Die brisanteste Spur dieser Krise des monotheistischen Weltbildes, dem
messianisch/christlichen, läßt sich durch die Transmission ihrer
Widersprüche in Rachel Levi's und Ajat Al-Achras gemeinsamen Schicksal
des Todes erkennen. Die 18jährige Ajat, ein palästinensisches Mädchen,
zündete im Windfang des „Supersol"-Marktes einen Würfel aus Sprengstoff
am eigenen Leib. Mehr als zwei Dutzend Menschen starben und eben auch
die 17jährige Rachel Levi. Selbst ein politischer Blinder wie J. W. Bush
kommentierte dieses Geschehen folgendermaßen: „Wenn es soweit kommt,
dass sich ein 18jähriges Mädchen in die Luft sprengt und dabei ein
17jähriges Mädchen tötet, dann stirbt die Zukunkt Palästinas und
Israels."
Das Ganze verkörpert hypothetisch die tiefe Krise des gesamten
monotheistischen Weltbildes. Gibt es überhaupt einen „Dritten Weg?". Was
sagt Ihr dazu?
John Bunzl (Österreichisches Institut für Internationale Politik):
Über die Rolle der Religion muss ich sie enttäuschen, die hat mit dem
Konflikt nichts zu tun. Religion wird nur für die eigene Legitimation
benützt. Ein Witz besagt, dass die meisten Israelis nicht an Gott
glauben, aber dass Gott ihnen das Land geschenkt hat. Man muss einen
Unterschied machen, zwischen dem, was dort passiert, der Interpretation
der Leute und der Sichtweise von außen. Meine Eltern wurden von den
Nationalsozialisten aus Österreich vertrieben, sie waren Sozialisten,
keine Zionisten. Nach dem Krieg wollte mein Vater zurück, um seine
Papierfabrik zurückzuerhalten. Schon Josef Roth sagte, für mich ist
Österreich mehr als die Alpentrottel. Dreifach Außenseiter wuchs ich in
Identitätsunsicherheit auf, so wollte ich antijüdischen Klischees
widersprechen und bemühte mich z.B. schlecht in Mathematik zu sein.
Später versuchte ich die Ideale der Studentenbewegung wie antiautoritäre
Gerechtigkeit, Internationalismus, Antiimperialismus mit Israel zu
verknüpfen. Damals war in Israel von Existenzangst nichts zu spüren, in
einer Art Triumphalismus gab es keine Zionismuskritik. Man muss die
Geschichte, die Entwicklung des Konflikts analysieren.
Wolfgang Reisenhofer (Dompfarrer in St. Pölten, Obmann der Initiative
christlicher Orient): Religion hat mit dem Konflikt wirklich nichts
zu tun. Aber es stimmt, ich höre aus der Knesseth, dass die israelischen
Politiker mit der Bibel in der Hand argumentieren, und zugleich sagen:
„Ich bin nicht religiös!" Aber für die ist die Bibel in meinen Augen
kein religiöses Buch, sondern ein Geschichtsbuch. Und sie leiten ihre
Geschichte auf das zurück, aber man kann genauso sagen, König David hat
das Land damals erobert oder König Saul oder vorher schon Moses. Aber
ich glaube nicht, dass es ein religiöser Konflikt ist, der durch die
Religion oder gar durch religiöse Führer ausgelöst ist oder unterstützt
wird, sondern das sind rein politische Auseinandersetzungen, in denen es
um das Land geht. Auf palästinensischer Seite kämpfen Muslime und
Christen, die nicht die Juden bekämpfen, sondern sich gegen eine
Besatzung des israelischen Staates wehren.
Mustafa Abdul-Hadi (Obmann der palästinensischen Vereinigung):
Ich meine, Religion spielt eine sehr, sehr kleine Rolle. Seit 1993
versprach man den Palästinensern, dass es jetzt Frieden geben wird. In
Europa fragten sie, was wollen die Palästinenser eigentlich, warum geben
sie keine Ruhe? Durch Oslo haben sie eh ihren eigenen Staat. In
Wirklichkeit hat es diesen Staat nie gegeben. Es gab ein Abkommen, es
gab Verträge - eigentlich, kein Abkommen, es gab nur so
Grundsatzverträge. Wir wollen einen eigenen Staat. Also die
Autonomiegebiete, das ist nur ein Fleckerlteppich. Immer wieder wurden
Siedlungen gebaut, obwohl die Israelis gesagt haben „Wir wollen
Frieden". Wie ernst ist dann ein Friedensversprechen? Ich bin überhaupt
nicht einverstanden, mit dieser Theorie, dass die Religion eine Rolle
spielt. Sharon sah jetzt im Namen des Anti-Terror-Feldzuges der
US-Regierung die Chance, das durchzuführen, was die israelische
Besatzung 1948 begann. Dabei haben die Palästinenser den Staat Israel
anerkannt und die PLO ihre Charta komplett geändert. Die meisten
Israelis sagen noch immer, die Palästinenser oder die Araber wollen die
Israelis ins Meer werfen. Aber das stimmt nicht mehr. Wie könnten die
Araber die Existenz des Staates Israel gefährden? Israel könnte
sämtliche arabischen Staaten im Nu vernichten, denn die Araber sind ja
gar nicht mehr interessiert, einen Krieg zu führen. Die Israelis haben
klugerweise Ägypten und Jordanien durch den Friedensvertrag komplett
ausgeschaltet. Der Irak ist am Boden zerstört. Syrien kriegt keine
Ersatzteile für seine Waffen, die haben ein Depot von 1970, 73, 80. Es
gibt die alten Raketen, die eigentlich wenn sie hinaufgehen, gleich
wieder heruntergehen. Die Israelis wissen das. Die arabische Seite hat
immer, wenn sie irgendeine F16 gekauft haben, behauptet, 50 F16
entwickelt zu haben. Wenn die israelische Seite 100 F16 bekommen hat,
sagten sie, wir haben nur zwei bekommen. Warum kommen die Mörder von
Awali Mustafa von der Volksfront nicht vor ein Kriegsgericht? Es ist
diese klare Doppelmoral: Der Stärkere diktiert, und die Palästinenser
haben immer kuschen müssen und sich gedemütigt gefühlt.
Basma Abu Naim (Palästinenserin aus Jordanien): Ich wollte
eigentlich sagen, dass die Frage überhaupt nicht berechtigt ist, ob das
jetzt ein Krieg zwischen Juden und Muslimen ist. Es ist sehr wichtig zu
betonen, dass es das nicht ist. Denn sonst wird jede Kritik an Israel
als Antisemitismus verstanden, aber das ist kein Antisemitismus. Es
stellt sich nicht die Frage eines Kampfes von Juden und Muslimen
gegeneinander.
Tarafa Baghajati (Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen):
Keinesfalls ist das ein Religionskrieg, geschweige denn Antisemitismus.
Umgekehrt, jahrhundertelang haben die drei Religionen gerade im Nahen
Osten sehr friedlich miteinander gelebt. Nach Vertreibung der Muslime
und Juden aus Spanien haben die vertriebenen Juden in der islamischen
Welt Zuflucht gefunden. Manche arabische Intellektuelle bezeichneten die
jüdische Emigration nach Palästina zwischen 1920 und 1930 als eine
Bereicherung. Problematisch ist der mediale Umgang mit dem Thema: Wenn
es um Muslime und Juden geht, dann ist automatisch die Religion schuld
daran, und nicht die Politik. In Srebrenica wurden 8000 Leute
massakriert und kein Mensch sprach von einer mörderischen Tat der
christlichen Orthodoxie. Es wäre fatal die christlich Orthodoxie
deswegen zu verurteilen. Nordirland stellt auch keine Krise des
Christentums da, im Sinne von Katholizismus und Protestantismus. Und
genauso ist die Geschichte im Nahen Osten.
Sinn und Zweck des Zionismus: Man muss ein Territorium finden
Bunzl: Die Religion spielte schon eine Rolle, in einer bestimmten
Phase eine stärkere, in einer anderen eine geringere Rolle. Vielleicht
ist es für euch interessant, das Verhältnis Zionismus und jüdische
Religion über die Entwicklung hinweg anzuschauen. Die Gründer des
Zionismus, wie Dr. Theodor Herzl, waren nicht religiös motiviert. Die
religiöse Orthodoxie, die Rabbiner vor allem in Osteuropa, waren gegen
den Zionismus. Warum: Weil diese Idee der Rückkehr nach Zion und
überhaupt die Erlösungsphilosophie, die damit verbunden ist, nicht das
Werk von Menschen sondern eine Folge der Intervention Gottes ist, wenn
die messianische Zeit reif ist. Im Verständnis der Orthodoxie gelten
einfach die 36 Gebote Gottes. Täglich einzuhalten, in der Hoffnung, dass
man irgendwann dafür belohnt wird. Also der Zionismus ist ganz ähnlich
dem europäischen modernen Nationalismus, der sagt: Nein, wir müssen
etwas unternehmen, um die Geschichte zu ändern. Wir müssen vom Objekt
zum Subjekt. Das Territorium Palästinas war nicht das einzige
angepeilte. Die Grundidee war „nur" die Idee, man muss ein Territorium
finden, in dem man die Mehrheit besitzt und aufgrund dieser Mehrheit
einen Staat bildet. Man glaubt, wenn man einen Staat hat, ist man nicht
mehr Objekt, sondern kann agieren, sich beteiligen, ist nicht mehr
ausgeliefert - Pogromen zum Beispiel. Natürlich war die Wahl Palästinas
nicht ohne Religion denkbar, der Bezug ein biblischer. Es gab sogar
marxistische Versuche zu erklären, warum Palästina? Ja, weil das ist ein
unterentwickeltes Land, dort hat die Arbeiterklasse eher Erfolg . . .
Jetzt, nachdem der Zionismus schön langsam eine neue Gesellschaft
aufgebaut hat, haben sich innerhalb des Zionismus auch religiöse
Parteien gebildet. Aber ihr Ziel war es Voraussetzungen für die
Bedürfnisse der religiösen Minderheit im Staat Israel zu schaffen,
religiöse Schulen, religiöse Erziehung, Einrichtungen und bestimmte
Träume, wie dass man am Sabbath nicht Autobus fährt, koscheres Essen in
allen Institutionen. Diese Situation war im großen und ganzen bis 1967
der Fall. Die Religiösen - es gab nicht nur eine Partei, die
national-religiöse Partei - waren immer in Koalition mit der
Arbeiterpartei, weil Gurion zugesagt hat, ja, ihr kriegt was euch
gebührt, nämlich innerhalb des Staates Anerkennung. Vielleicht kann man
dazu sagen, dass die Gebiete, die bis 1967 israelisch waren, biblisch
gesehen das Land der Philister waren. Das Küstengebiet war in der
biblischen Periode nicht jüdisch. Aber: Mit der Eroberung des
sogenannten biblischen Kernlandes, Klagemauer, Tempelberg, Nablus,
Jericho, Hebron, Abrahamsdorf haben die Religiösen begonnen, auch den
Staat Israel selbst als Instrument der messianischen Befreiung zu sehen,
haben ihn sakralisiert.
Peter Kreisky (Republikanischer Club): Es gibt sogar Religiöse,
die den Staat Israel nicht anerkennen.
Bunzl: Es gibt ein riesiges Potpourri. Es gibt wütende
Anti-Zionisten, Ultra-Orthodoxe und Ultra-Zionisten: Es gibt alles.
Jeder mit seiner eigenen Bedrohungsform. Ich würde sagen, dass es nach
der Staatstrennung von 1940 noch andere Formen der Legitimation gab,
warum es den Staat Israel überhaupt geben soll. Nämlich, das waren nicht
die Holocaust-Überlebenden, es waren Einwanderer aus Osteuropa... Nach
1967 muss man eine andere Legitimation fundieren und begründen: Die
Herrschaft über Millionen Palästinenser.
Abdul-Hadi: Da hat die Religion aber eine Rolle gespielt.
Bunzl: Es gibt säkulare und religiöse Faschisten. Sharon
repräsentiert die Siedlerbewegung, obwohl Sharon selber kein Religiöser
ist. Die Mörder töteten Rabin, weil er bereit war, Teile des Landes
abzugeben. Die Hamas hat den Grundsatz der fundamentalistischen Juden
übernommen, jeder der bereit ist, einen Quadratzentimeter unseres
Heimatlandes zu geben, ist ein Verräter. Die Betonung des Islams
innerhalb der palästinensischen Bewegung hat sich auch geändert.
Abdul-Hadi: Ja richtig, keine Frage.
Identitäten und ihre Legitimierung zum Diskurs
Kreisky: Ich selber bin protestantisch in Stockholm getauft
worden. Der Vater meiner Mutter stammte aus Südböhmen, und ist vor dem
Ersten Weltkrieg mit seiner Frau, die aus Ungarn stammte, aus Wien nach
Schweden ausgewandert. Meine wurde 1916 in Stockholm geboren.
Ursprünglich war sie wie ihre Eltern Mitglied der jüdischen Gemeinde und
wurde dann protestantisch, vergleichbar den „Taufschein-Christen",
ebenfalls weitgehend assimiliert und säkularisiert. Mein Vater trat in
seiner Jugend aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus und wurde
konfessionslos. Durch sein sozialdemokratisches politisches Engagement
bedingt, wurde er nach dem christlich-sozialen/austrofaschistischen
Putsch zu 20 Jahren verurteilt und für zwei Jahre inhaftiert. Er entkam
nach der Besetzung Österreichs mit großem Glück der Gestapo-Haft, konnte
noch 1938 flüchten, und seine Eltern knapp danach. Er war nie Zionist.
Kerstin Kellermann (Die Bunte): In der Bunten sind wir gewöhnt,
dass bei MigrantInnen, auch zweiter Generation, und „gemischten" Leuten
immer die gesamte Familiengeschichte aufgerollt wird, wenn sich die
Gelegenheit ergibt. Um Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Welten
herzustellen. Lebensläufe sind oft komplex.
Kreisky: Das ist gerade zum Thema: Das eben diese Säkularisierung
und Assimilation auch die Hoffnung ausdrückt, dass zwischen Juden,
Christen, auch Konfessionslosen nicht mehr unterschieden wird. Diese
Hoffnung wurde dann ab den 20er Jahren vor allem in Mitteleuropa
enttäuscht. In einem weit geringeren Maße gab es diese Tendenzen auch in
Schweden. So erkläre ich mir, dass meine Mutter damals, um sich zu
schützen, zum Protestantismus wechselte. Gläubig war sie nicht. Ich auch
nicht. Unsere jüdische Herkunft wurde weder verheimlicht noch wurde
besonders darauf hingewiesen. Ab und zu wurde erzählt, dass der und der
Verwandte im Konzentrationslager zu Tode gebracht wurde. Etwa die Hälfte
der Verwandtschaft, was für Wiener Verhältnisse ziemlich viel war, weil
die Wiener Juden „dank" Eichmann durch Hilfe von außen oder aus eigenem
sich noch anfänglich nach der „Arisierung" (Enteignung) auslösen
konnten. Das ist eine historische Ironie. Mein Bezug zu Israel war dann
ähnlich vielen von der Herkunft her jüdischen Österreichern eine
unkritische pro-israelische Orientierung. Manche junge Linke belastete
es, dass ihre Eltern Mitläufer, Nazis waren. Da hat sich bis zum
„Sechs-Tage-Krieg" eine unkritische Verteidung Israels entwickelt. Erst
die Generation von John Bunzl zu der auch ich gehöre, - ein kleiner Teil
dieser Generation - begann Kritik zu üben. Ein Teil dieser Strömung
begann Kritik zu üben, die dann wieder unter linksradikalen Sektierern
ob jüdischer oder nichtjüdischer Herkunft in eine blinde Verehrung der
PLO und eine ebenso pauschale und blinde Verurteilung und Bekämpfung
„des Zionismus" kippte. Als demokratischer Sozialist setzte ich auch
Hoffnungen, teilweise auf Jugoslawiens Selbstverwaltungssozialismus, in
diesem Fall vor allem auf die freiwilligen ländlichen
Produktionsgenossenschaften mit gemeinsamem Bodenbesitz, die Kibbuzim.
Die Rolle der Mythen in der Geschichte interessieren mich, die zu
Kriegen, zur Legitimation von Befreiungs- aber auch Eroberungskriegen
dienen. Diese Mythen haben ihre historischen Wurzeln, auch in der
jüdischen Geschichte, ob religiöse, nicht religiöse oder
nationalistische.
Bukasa: Es gibt aber eine Querverbindung. Wenn die Leute sich in
die Luft sprengen, dann hat das doch mit Glaubensvorstellungen zu tun.
Kreisky: Ich glaube schon, dass das mit Religionen zu tun hat,
die den Anspruch behaupten die einzige und wahre Lehre zu sein. Diese
Religionen mit Naturverbindungen, von den Indianern bis zu einem Teil
der afrikanischen Bevölkerung, vertreten nicht so diesen
Reinen-und-Wahre-Lehre-Anspruch, wohingegen für mich die
monotheistischen Religionen eine sehr starke Tendenz dazu haben.
Natürlich nicht nur, es gibt Aufgeklärte, Kritische, selbstkritische
Vertreter dieser drei monotheistischen Religionen.
Werner Rotter („Österreich für alle gleich"): Wir sind eine
Generation der moralischen Waisenkinder. Bild eins: Bei einer
propalästinensischen Veranstaltung 1982 in München, als im Libanon
Massaker angerichtet worden sind, war Erich Fried Mit-Diskutant. Ein
Israeli stand auf: „Lang lebe Israel". Der wurde verprügelt. Erich Fried
meinte, bitte lasst ihn das sagen, aber verprügelt ihn nicht, vertreibt
ihn nicht aus dem Saal. Bild zwei: Der 11. September. Orthodoxe
isralische Touristen gehen über den Heldenplatz. Sie sagen, sie sind
sehr froh, dass nun die Amerikaner auch endlich wissen, was es heißt, in
Angst zu leben. Bild drei: Vorige Woche, Zeit im Bild 2. Jörg Haider
meint im arabischen Fernsehen, dass es sinnlos sei mit der israelischen
Regierung zu verhandeln. Das Bild zeigt eine Kärntner Familie, die in
der häuslichen Atmosphäre Beifall klatscht. Das sind Gründe, warum ich
glaube, dass es in Österreich besonders schwer ist, über dieses Thema zu
sprechen. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der wir mißbraucht und
instrumentalisiert werden. Wer profitiert von diesem Konflikt, von der
Uneinigkeit der palästinensischen und der israelischen Bevölkerung? Es
geht ganz klar um Rohstoffe und die Panzer, die US-amerikanischer
Herkunft sind.
Kreisky: Die Öl- und Gaspipelines spielen sicher eine wesentliche
Rolle. Und innerhalb dieser ganzen geopolitischen Situation gibt es
einen militärischen-industriellen Komplex, für den der Nahostkonflikt
Rechtfertigungen bietet.
Abu Naim: Ich habe schon ein Problem mit dieser Debatte. Und zwar
mit dem Aspekt des Antisemitismus. Ich bin der Meinung, das hat nichts
mit dem palästinensischen Konflikt zu tun. Antisemitismus ist ein
Problem, das in Europa entstanden ist. Die Europäer sind dafür zuständig
und es muss in Europa gelöst werden. Ich glaube, dieser ständige
Misch-Masch lässt die Palästinenser überhaupt nicht zu Wort kommen. Weil
es geht um etwas völlig anderes. Wir Palästinenser sind auch Semiten.
Die jüdische und hebräische Kultur ist sehr wichtig für uns, ein Teil
unserer Kultur und Geschichte. Wir glauben an das Judentum als eine von
Gott gegebene Religion. Diese Region hat eine Geschichte. Im Judentum,
im Christentum... Hoffentlich wird es jetzt endlich einmal ordentlich
säkular werden. Sie sagen, Sie sind Österreicher, Sie stammen aus
Schweden...
Kreisky: Ich bin in Schweden geboren, bin „Internationalist",
österreichischer Staatsbürger - jüdischer Herkunft.
Abu Naim: Ja, trotzdem, Sie sind Europäer. Wenn ich jetzt meine
Familiengeschichte erzähle - ich werde das nicht machen - dann kann ich
sagen, mein Großvater ist Palästinenser, mein Urgroßvater ist
Palästinenser, mein Ur-Ur-Großvater ist Palästinenser. So einfach ist
das. |
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