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Internationale Politik

WAR AND GENDER

(Ausgagbe Nr.2 - Juni/Juli 2002)
Zwischen Mut und Naivität

Ingrid Betancourt, entführte Präsidentschaftskandidatin, spielte bewusst mit dem Klischee Frau und erzielte damit im krisengeschüttelten Kolumbien zwiespältige Reaktionen
Von Marion Guerrero

Ingrid Betancourt Pulecio ist eine außergewöhnliche Frau. Die 41jährige Kolumbianerin hat es in ihrer etwa zehnjährigen politischen Karriere bis zur Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen im Mai 2002 gebracht. Außerdem hob sie die erste grüne Partei Kolumbiens aus der Wiege. Für eine Frau ist dieser Werdegang im konfliktzerfressenen, gewalttätigen Kolumbien keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Steigende Kriminalitätsraten, extrem hohe Staatsverschuldung und bürgerkriegsähnliche Zustände gestalten jede politische Tätigkeit schwierig, oft genug lebensgefährlich. Seit fast einem halben Jahrhundert wird das Land zwischen Guerrilla und Paramilitär zerrieben. Der Konflikt hat sich in den letzten Jahren wesentlich verschärft; täglich fallen an die 50 Personen politisch motivierter Gewalt zum Opfer. Im Februar dieses Jahres erfuhr das Klima eine weitere Verschlechterung, als vierjährige Friedensverhandlungen mit der größten Guerrilla-Fraktion (FARC) scheiterten. Wenige Tage nach Beendigung der Friedensgespräche wurde Ingrid Betancourt von der FARC entführt. Die Forderung der Guerrilla, Betancourt gegen inhaftierte Rebellen auszutauschen, wurde von der Regierung entschieden zurückgewiesen. Bis zum heutigen Tag ist das Schicksal der Politikerin ungewiss.

Seit Betancourts plötzlichem Auftauchen in der politischen Landschaft Kolumbiens Anfang der 90er Jahre gilt die grüne Politikerin als heiß umstritten. Das liegt nicht zuletzt an ihrer Strategie, vor allem mit emotional belegten Themen wie dem Kampf gegen die Korruption oder Kinderrechten punkten zu wollen. Dabei bedient sie, bewusst oder unbewusst, mehr als ein Klischee. Die kolumbianische Bevölkerung nimmt Betancourt dementsprechend gefühlsbetont wahr. Einige feiern sie als die Jeanne d’Arc des kolumbianischen Konflikts, andere sehen in ihr eine populistische Witzfigur.

„Die Wut in meinem Herzen“

Die Tochter von Gabriel Betancourt (kolumbianischer Ex-Bildungsminister) und Yolanda Pulecio, einer ehemaligen Schönheitskönigin, erlebte nach eigenen Angaben schon früh eine tiefgehende Politisierung. Während ihrer Kindheit in Paris bewegten sich im Freundeskreis ihrer Eltern namhafte lateinamerikanische Intellektuelle und KünstlerInnen, die Ingrid Betancourt fast beiläufig mit der politischen Situation in der „alten Heimat“ vertraut machten.

Im Jahr 1989 wurde in Kolumbien der beliebte liberale Präsidentschaftskandidat Luis Carlos Galán ermordet. Dieses Ereignis wirkte prägend auf Betancourt: Sie gab ihr ruhiges Leben in Frankreich auf und begann eine Karriere als kolumbianische Politikerin. In ihrem autobiographischen Buch „La rabia en el corazón“ - „Die Wut in meinem Herzen“ schreibt sie dazu: „Der tiefe und nagende Schmerz, in dieser Stunde nicht (...) bei meinem Volk zu sein, um das tragische Ereignis mit ihnen zu beklagen, steigert meine Traurigkeit. Der Tod Luis Carlos Galáns (...) wird einen Bruch in meinem Leben markieren.“ Die Emotionalität, die ihre Politik kennzeichnen sollte, ist schon an diesem Punkt deutlich erkennbar.

Aufstieg eines Medienstars

In den folgenden Jahren gelingt Ingrid Betancourt ein kometenhafter Aufstieg - eine nahezu einzigartige Leistung für eine Frau in der patriarchalisch organisierten Parteienlandschaft Kolumbiens. Sie betätigt sich zunächst als Mitarbeiterin in diversen Ministerial-Ressorts. Bald wird sie in den Senat gewählt und unterstützt dort den liberalen Präsidenten Samper. Als dessen Verwicklung in Drogengeldaffären auffliegt, stellt sich Betancourt dezidiert gegen ihn und erregt mit einer gefühlsbetonten Rede im Parlament erstmals die Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Im Anschluss startet sie spektakuläre Aktionen, die so inhaltsleer wie publikumwirksam anmuten. Sie wird vorübergehend zum Medienstar, als sie einen Hungerstreik vor dem Gebäude des kolumbianischen Kongress anzettelt, um die Aufnahme eines Verfahrens gegen Samper zu erzwingen. Obwohl Betancourt inhaltlich nichts damit erreicht, hungert sie sich fast zu Tode. Die Reaktionen bleiben nicht aus: Bewunderung für ihre Entschiedenheit wechselt sich ab mit Kopfschütteln über ihre Naivität. An Kritik wird nicht gespart: In einem Land, in dem der Hunger ein ernstes Problem darstellt, freiwillig das Essen zu verweigern, sehen viele als zynisch.

„Machismo“ und die Frauen

Wie in Lateinamerika generell, so ist auch in Kolumbien der „machismo“ sehr präsent. Männliche Machtstrukturen ziehen sich durch die gesamte politische Hierarchie; Frauen in hohen Positionen sind verhältnismäßig selten und sehen sich allzu oft mit Vorurteilen und Geringschätzung konfrontiert. Dennoch beanspruchen Kolumbiens Frauen immer mehr Raum für sich; allerdings ist der lateinamerikanische kaum mit dem europäischen Feminismus zu vergleichen. Weiblichkeit wird viel mehr oft bewusst eingesetzt, um bestimmte Ziele zu erreichen. Gewisse männliche Klischees, wie die höhere Durchsetzungsfähigkeit, werden nicht in Frage gestellt. Dafür beanspruchen Frauen Themen wie soziales Geschick und Diplomatie für sich. Sobald jemand dieses Rollenspiel verlässt, wirkt sie oder er unglaubwürdig. Ingrid Betancourts emotional konnotierte Politik kommt dieser Auffassung sehr entgegen. Durch ihre Subjektivität und ihr nicht immer rationales Handeln gibt sie den Kräften in Kolumbien recht, die nicht an der Aufbrechung geschlechtsspezifischer Verhaltensmuster interessiert sind. Was nicht automatisch bedeuten soll, dass auf sie als Politikerin herabgeblickt wird - im Gegenteil, in einigen Bereichen wird ihr so „als Frau“ große Kompetenz zugetraut. Diesen Eindruck unterstützt die geschickte Rhetorikerin mit effektvollen Reden:

„Wir Frauen denken auf eine andere Art und Weise. Das ist weder gut noch schlecht, es ist vielmehr ergänzend [zur männlichen Art des Denkens]. (...) es fällt auf, dass Frauen ihre Schulden besser zurück zahlen als Männer. Warum? Weil Frauen an ihr Kind denken müssen, weil sie nicht das Geld nehmen, um es mit Freunden zu vertrinken, (...) sondern um damit die Milch zu kaufen. Das ist ein Beitrag, den die Frau zur Politik in Kolumbien machen muss, ein Beitrag in dem (...) die Interessen der Gemeinschaft, nicht der Einzelnen, Priorität sind.“ (Auszug aus einer Rede in der dritten Strategie-Versammlung der Grünen Partei)

Politische Brisanz und heißes Gefühl

Im Jahr 2001 erscheint Ingrid Betancourts autobiographisches Buch „La rabia en el corazón“ - „Die Wut in meinem Herzen“. Subjektive Standpunkte und persönliche Eindrücke bilden den Haupttenor dieses Werks, das mehr an einen spannenden Krimi als an ein Dokument mit politischem Anspruch erinnert. Betancourt selbst sieht das anscheinend anders; sogar während der Wahlkampfphase Ende 2001 geht sie mit ihrem Buch auf Promotionsreise durch Europa und die USA. Vor allem in Frankreich wird „La rabia en el corazón“ von einigen Kreisen als mutiges Beispiel des Aufdeckungsjournalismus gefeiert. Diese Beurteilung löst in Kolumbien heftige Kontroversen aus: von objektiver Berichterstattung finde sich im Buch nicht die geringste Spur. Tatsächlich hat die grüne Politikerin in ihrem Werk vor allem persönlichen Einschätzungen Ausdruck verliehen, sachliche Recherche lässt sich nur selten herauslesen. Diese Mischung aus aktueller politischer Brisanz und bewegenden Gefühlsäußerungen erweist sich als kontraproduktiv im Wahlkampf der Grünen. Durch einen spannenden, wenig rationalen Roman politische Standpunkte zu definieren, wirkt, gelinde gesagt, unprofessionell. Betancourt unterwirft sich somit dem schwelenden Vorurteil, Frauen stellten ihre Gefühle stets über die Sachlichkeit - auch in Bereichen wie der Politik, wo ein Mindestmaß an Vernunft Grundvoraussetzung ist. Natürlich folgt nicht nur Betancourt der Tendenz, einen persönlichkeitsorientierten Wahlkampf zu führen und mit Charakter statt mit Sachthemen auf Stimmenfang zu gehen. Die politische Realität Kolumbiens eignet sich aber denkbar wenig für eine Frau im geschlechtsspezifischen Rollenspiel. Vier Jahre am Verhandlungstisch mit der Guerrilla hatten als einziges deutliches Ergebnis einen sprunghaften Zuwachs der Gewalt zur Folge. Das bescherte jenem Lager Kolumbiens Rückenwind, das für eine nicht-friedliche Lösung des Konflikts plädierte. Alternativen wurden nicht überzeugend präsentiert.

Der starke Mann

Ein weiterer Vertreter emotionaler Politik, der diese Signale zu deuten und für sich zu nutzen verstand, ist Álvaro Uribe Vélez. Der rechtskonservative Unabhängige unterstützte während seiner Amtszeit unter anderem die Gründung gewalttätiger Bürgerwehren. Auch Uribe jongliert seit jeher mit Geschlechterklischees: Er präsentiert sich gerne als starker Mann, der eine strenge, aber gerechte Linie vertritt. Folgerichtig warb er im Wahlkampf mit der Versprechung, durch erhöhte Sicherheitsausgaben Ordnung im Land zu schaffen. Gepuscht von wichtigen Tageszeitungen Kolumbiens, machte Uribe geschickt Stimmung gegen Befürworter einer friedlichen Lösung des Guerrilla-Konflikts.

Betancourt als leidenschaftliche Verfechterin der Friedensgespräche versuchte, sich als Gegenpol zu Uribe zu etablieren. Doch die aufgeheizte Atmosphäre im Land ließ ihr genau die Vorurteile, deren sie sich in der Vergangenheit bedient hatte, in den Rücken fallen. Stigmatisiert als weichherziger Gefühlsmensch, traute ihr niemand die Härte zu, selbst bei friedlichen Verhandlungen Standpunkte durchzusetzen. Dementsprechend fiel auch das Wahlergebnis aus: Ingrid Betancourt schaffte nicht einmal einen halben Prozentpunkt, während Álvaro Uribe mit satten 53 Prozent die absolute Mehrheit einstecken konnte.

Die Bilanz dieser Wahl scheint bedenklich: Obwohl Uribe erst seit August im Amt ist, hat er schon „ordentlich auf den Tisch gehauen“. Eine seiner ersten Maßnahmen als Präsident war die Verhängung des Ausnahmezustands, welcher Militär und Polizei umfassende Sonderrechte und Schutz vor zivilgerichtlichen Untersuchungen zusichert. Dieser Eingriff in die bürgerlichen Rechte wird mit der Aussage gerechtfertigt, die Prioritäten lägen im Moment ausschließlich auf der Bekämpfung subversiver Gruppierungen. Da sich Mitglieder dieser Organisationen oft als Zivilbürger „tarnten“, müssten dem Heer und der Polizei umfassendere Möglichkeiten zur Überwachung der Bevölkerung eingeräumt werden. Ausländische Beobachter sind nur noch mit Sondergenehmigung in den betroffenen Gebieten zugelassen. Betancourt hatte vor der Wahl vehement auf die Gefahren einer derart autoritären Gangweise hingewiesen.

Zwischen Heldenmut und Naivität

Dass Ingrid Betancourt schließlich nicht einmal mehr von Politiker-Kollegen ernst genommen wurde, beweisen die Umstände ihrer Entführung im Februar 2002. Mit der ihr eigenen Spontaneität plante sie nach dem Scheitern der Friedensverhandlungen eine Reise in die betroffenen Gebiete. Zu diesem Zweck bat sie den amtierenden Präsidenten Andrés Pastrana um einen Sitzplatz in dessen Hubschrauber. Pastrana verweigerte ihr den Wunsch ohne nähere Erklärung. Konsterniert brach Betancourt per Bus in die betreffende Region auf - ein nicht sehr vernünftiger Schritt, dessen Konsequenzen nicht auf sich warten ließen: Kurze Zeit später befand sie sich samt ihrer Wahlkampfmanagerin im Gewahrsam der FARC.

Betancourts AnhängerInnen bewundern diesen ihren letzten heroischen Akt als ultimativen Beweis für Betancourts Devotion und Heldenmut. Ihre GegnerInnen sprechen von einer weiteren Dummheit in der langen Reihe ihrer naiven Schachzüge. Die Realität hingegen fällt ein recht nüchternes Urteil: Betancourt ist seit einem halben Jahr in der Gewalt der Guerrilla. Aussicht auf ihre Freilassung gibt es nicht. Àlvaro Uribe dagegen ist am besten Weg, das Land in einen Krieg zu führen, dessen Ausgang bestenfalls als ungewiss bezeichnet werden kann. Ingrid Betancourt hat mit ihrem politischen Einsatz von Geschlechterrollen und emotionalen Klischees ungewollt auch die Argumente unterstützt, die am Ende einem rechtskonservativen Hardliner den Präsidentenstuhl verschafften.
 
 
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