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Zur Inhaltsübersicht: Ausgabe
2002 |
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Hochschulpolitik
„Die Bildungspolitik zum Instrumentarium der Budgetpolitik zu machen,
halte ich für verfehlt“ |
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(Ausgagbe Nr.1 - März/April 2002)
Ein Interview mit Dr. Heide Schmidt vom „Institut für eine offene
Gesellschaft“ zu den in Österreich derzeit vorherrschenden politischen
Strategien - vom großzügigen Gutsherrn mit Hauptwohnsitz bis zur Lage
der Nation.
Von Di-Tutu Bukasa |
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Bukasa: SpitzenpolitikerInnen handeln oft im Auftrag der latenten
Hauptströmung, der dominierenden politischen Gesinnung. Summa summarum
behaupte ich, dass trotz Ihrer bisherigen aufklärerischen Bemühungen für
einen neuen „Gesellschaftsvertrag“ - ich glaube, es waren vier Faktoren,
die die Gesellschaft verändern sollten - die anderen politischen
Parteien, die Bevölkerung und schließlich Ihre eigene Liberale Partei
Sie im Stich gelassen haben. Angesichts der gegenwärtigen politischen
Umwälzungsprozesse stellen wir uns nun die Frage, was die „Force
Tranquille“ dieses Landes ohne Landeshauptmann Jörg Haider in der
Bundespolitik machen wird? Woran wird sich die Bevölkerung künftig
orientieren?
Schmidt: Wir gründeten das Liberale Forum,
weil wir der Meinung sind, dass es notwendig ist, eine politische Stimme
gegen Vorurteile und für Selbstbestimmung, Toleranz und politische
Kultur zu etablieren. Politische Kultur ist nicht nur eine Stilfrage,
sondern eine Frage der geistigen Haltung und hat auch ihre Auswirkungen
auf die gesamte gesellschaftliche Befindlichkeit. Im Zusammenhang mit
diesen Zielen war es daher auch notwendig Politikbereiche anzusprechen,
um die sich andere gerne drücken, weil es eben in Österreich schwierig
ist, sich damit auseinander zu setzen. Da ist zum einen die Trennung von
Kirchen und Staat, bei der es uns einfach darum geht, dass die Kirchen
nicht vor anderen Gemeinschaften privilegiert werden. Ein Paradebeispiel
ist die Finanzierung der Schulen von Religionsgemeinschaften durch den
Staat, während andere Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht Jahr um
Jahr um Subventionen betteln müssen. Das zweite Beispiel ist der
Pflichtunterricht Religion. Wir sind der Meinung, dass ein
Ethikunterricht Aufgabe des Staates ist, Religion aber eine freiwillige
Sache sein sollte. Als das deutsche Verfassungsgerichtshofserkenntnis im
Zusammenhang mit dem Kruzifix in den Schulen veröffentlicht wurde, habe
ich gesagt, dass man nach dem Grundsatz „Trennung Kirchen und Staat“
religiöse Symbole in den Schulen der Freiwilligkeit überlassen müsste.
Das führte dazu, dass wir als eine antiklerikale Partei punziert wurden.
Auch andere unserer Themen hatten mit Vorurteilen zu tun, etwa unser
Engagement für die gleichen Rechte homosexueller Menschen. Zu diesem
Zeitpunkt gab es sogar im Strafgesetz noch drei Bestimmungen, die für
Homosexuelle eine Katastrophe waren: das Werbeverbot, das Vereinsverbot
und das Verbot für sexuelle Kontakte zwischen Männern unter 18 Jahren.
Diese Strafbestimmung gibt es zwar immer noch, aber wir haben
durchgesetzt, dass das Vereinsverbot und das Werbeverbot aus dem
Strafgesetz entfernt wurden. Wir haben sämtliche Gesetze geprüft und
haben eine von Ungleichbehandlungen gleichgeschlechtlicher
Partnerschaften aufgezeigt, etwa im Miet- oder Erbrecht, bei den
Auskunftsrechten oder bei der Aussageverweigerung. Auch hier wurden wir
als Homosexuellenpartei punziert, obwohl es uns darum ging klar zu
machen, dass das für uns Menschenrechte sind und daher auch politisch
engagiert eingefordert werden müssen. Auch für AusländerInnen haben wir
pointiert ihre Rechte als Menschenrechte eingefordert. Aber das bereitet
mir heute noch große Freude, denn diese beiden Gruppen bringen mir bis
heute eine besondere Freundlichkeit, Offenheit und Respekt entgegen.
Bukasa: Genauso wie ich, zum Beispiel.
Schmidt: Wesentlich war auch unsere
Forderung in der Drogenpolitik für eine Entkriminalisierung der weichen
Drogen. Parteilinie war, weiche Drogen zu entkriminalisieren und harte
Drogen auch in der Behandlung einsetzbar zu machen. Ich würde heute
sogar bei den harten Drogen weiter gehen und sagen, dass um die
Beschaffungskriminalität zu vermeiden, man auch hier großzügiger sein
müsste - allerdings unter einer bestimmten Aufsicht. Aber das sind alles
Tabus in Österreich, die sehr schwierig zu argumentieren sind, weil vor
allem das Sachargument selten gehört und immer mit der Emotion
geantwortet wird. Emotionen bestimmen auch die Frauenpolitik.
Bukasa: Was haben Sie Ihrer Meinung nach zur Frauenpolitik
beigetragen?
Schmidt: Ein neues Selbstverständniss für
die Eigenständigkeit der Frau, die eigenständige und nicht abgeleitete
Rechte braucht. Ein neues Rollenverständnis für ein partnerschaftliches
Zusammenleben und vor allem die Selbstverständlichkeit des gerechten
Zugangs zu Erwerbsarbeit, wirtschaftlichen und finanziellen
Möglichkeiten. Dafür haben wir eine Reihe von Anreizmodellen vorgelegt.
Die neue Regierung aber geht mit der Kindergeldpolitik genau in die
gegen gesetzte Richtung.
Bukasa: Nun ist die Situation im Lande heutzutage insgesamt
anders geworden . .
Schmidt: Ja, sie ist anders geworden, aus
mehreren Gründen. Zum einen, weil PolitikerInnen durchaus darauf
reagieren, welche Botschaften vom Wahlverhalten ausgehen. Dass die
Liberalen den Einzug ins Parlament nicht mehr geschafft haben, hatte den
Effekt, dass man meint, zu prononciert vorgetragene liberale Positionen
sind im Land nicht gewünscht.
Bukasa: Deshalb frage ich ja, wie sich ohne Jörg Haider im
Koalitionsausschuss und ohne seine aktive Beteiligung an der
Bundespolitik diese stille Macht im Land verhalten wird?
Schmidt: Ja, aber die politische Situation
besteht zu einem Großteil aus Jörg Haider, egal in welchen Gremien er
selbst sitzt. Und die aktuelle Situation hat wieder bewiesen, dass von
dieser Partei, und zwar in der unglücklichen Konstellation mit der ÖVP,
eine Stimmung ausgeht, die zu einer geschlosseneren Gesellschaft führt.
Die eine Art des Ordnungsprinzips durchsetzen will, die für mich mit
Offenheit einer Gesellschaft und mit Zulassen der Verschiedenartigkeit
und der Entfaltung nichts zu tun hat. Das ist nicht nur die
Fremdenpolitik spürbar. Diese finde ich allerdings besonders schlimm.
Den Integrationsvertrag, der jetzt hier beschlossen werden soll, halte
ich für ein Übel, denn er ist Ausdruck einer selbstgefälligen
Überheblichkeit der Mehrheit des Landes, derer, die da schon geboren
sind und schon länger das Heimatrecht genießen, und die den Anderen
gerade noch wohlwollend, wenn wir Glück haben, als Gast betrachten, aber
auch diese Gastfreundschaft an Bedingungen knüpfen. Und der Andere darf
nur ja keine Ansprüche stellen. Das ist eine Haltung, die mir in einer
Gesellschaft unangenehm ist. Die wir aber auch in anderen Bereichen zu
spüren bekommen. Die Situation mit den Kärntner SlowenInnen ist ein
eigenes Kapitel. Aber ein Ausspruch des Jörg Haider ist so symptomatisch
für die ganze Haltung. Er sagte, er mache sich das mit den Slowenen
schon aus. Er hätte mit ihnen eine gute Gesprächsbasis. Aber wenn sie
auf ihre Rechte pochen wollen, wenn sie klagen wollen, dann ist alles
vorbei. Das ist so die Einstellung des - wie soll ich sagen -
großzügigen Gutsherren, der sagt, bei mir geht es meinen Knechten schon
allen gut, wenn sie sich danach richten, was ich von ihnen möchte. Aber
sie dürfen sich nur ja nicht auf ihre Rechte berufen, sie dürfen nur ja
nicht mit Rückgrat kommen. Diese Mentalität finde ich schrecklich. Und
so wie diese Einstellung in Kärnten eben von Jörg Haider den SlowenInnen
gegenüber praktiziert wird, so wird sie in der gesamten
AusländerInnenpolitik und daher auch in diesem Integrationsvertrag
praktiziert: Den Menschen keine Ansprüche geben wollen. Das haben wir in
vielen Bereichen. Das ist eine grundsätzliche Haltung einer Gesellschaft
gegenüber. Und deswegen sehe ich, dass hier andere Prinzipien zum
Maßstab gemacht werden, was sich alles wie und wonach ordnen oder gar
unterordnen soll.
Bukasa: Was sind das für Prinzipien?
Schmidt: Es ist die Vorstellung, die
Erwartungshaltung, dass sich die Menschen nach einem bestimmten Muster
zu verhalten haben. Dieses Muster betrifft das Zusammenleben, den
Berufsweg und und daher auch die Form des gesellschaftlichen Umgangs.
Wenn etwas nicht zu weit herausfällt, wird es gerade noch als etwas
Abweichendes toleriert, aber es hat nicht die Gleichwertigkeit. Die
Verschiedenartigkeit der Lebensentwürfe, ob sie die die sexuelle oder
berufliche Orientierung betreffen oder die Vielfalt der Bezugspunkte,
ist nicht gewünscht - daher gibt es einen Hauptwohnsitz. Wir haben ein
eigenes Gesetz, für das man erklären muss, wo man seinen Hauptwohnsitz
hat. Ich sage aber, dass ein Mensch viele Bezugspunkte haben kann, die
ihm gleich wichtig sind. Wie kommt der Staat dazu, dass er verlangt,
dass ich einen Wohnsitz zum Hauptwohnsitz erkläre? Auch die
Doppelstaatsbürgerschaft ist in diesem Zusammenhang ein Thema.
Bukasa: Was sagen Sie dazu?
Schmidt: Selbstverständlich bin ich dafür!
Weil es auch möglich ist, dass ich zwei Heimaten habe. Warum soll ich
die nicht haben? Und die tatsächlichen organisatorischen Probleme sind
in zwischenstaatlichen Verträgen lösbar. Ich glaube, dass die
Staatsbürgerschaft Auswirkung einer bestimmten Haltung, einer bestimmten
Ordnungshaltung ist. Man kann nur zu einem Land gehören, also muss man
dem anderen eine Absage erteilen, man kann nur einen Hauptwohnsitz
haben, man darf nur eine bestimmte Familienart haben. Daher wird das
eine gefördert und das andere bleibt links liegen.
Bukasa: Irgendwie archaisch.
Schmidt: Ja, schon. Ich empfinde das so.
Und diese Kombination FPÖ einerseits und ÖVP anderseits macht die Sachen
für mich unangenehm. Jetzt kommt natürlich bei dieser Konstellation noch
etwas anderes ganz Wesentliches dazu. Das ist das Infragestellen des
Rechtsstaates. All das, was Jörg Haider mit seinen Angriffen auf den
Verfassungsgerichtshof macht, was durch Gesetze auf der justiziellen
Ebene gemacht wird, das sind für mich bedenkliche Wege, die
eingeschlagen werden. Vor allem die Selbstverständlichkeit, sich über
Menschen lustig zu machen, dass die politische Auseinandersetzung
dadurch geführt wird, dass man nicht sachargumentiert, sondern Menschen
lächerlich macht. Und da macht man ja in den eigenen Reihen auch nicht
Halt. Für mich ist der Herr Westenthaler indiskutabel, aber dass sich
der Parteichef öffentlich über ihn mit dem Begriff „Struwelpeter“ lustig
macht, abwertend, und meint, der braucht eine Therapie, da steckt schon
eine Haltung dahinter, die genauso grauslich ist, wie wenn er eben sagt:
„Wenn einer schon Adamovic heißt, muss man sich fragen, ober er eine
aufrechte Aufenthaltsgenehmigung hat?“
Bukasa: Das ist doch nicht nur eine Krise, sondern prinzipiell
ein demokratisches und rechtsstaatliches Defizit im Land.
Schmidt: Ja, ich empfinde das so.
Bukasa: Zur Bildungspolitik: Gegen Ende des letzten Jahres wurden
im Zusammenhang mit der Rektorenkonferenz Maßnahmen getroffen, die auch
mit Numerus Clausus zu tun haben - die Studiengebühren. Den jetzigen
Rektor nennt man Reformator. Wie qualifizieren Sie diese Vorgangsweise?
Schmidt: Ich bin keine Spezialistin im
Hochschulrecht. Es gibt einen breiten Konsens darüber, dass die
Universität reformiert werden muss. Für mich müsste sich die Reform
darauf konzentrieren, das Angebot für die StudentInnen so zu erweitern,
dass hier eine Art von Geist entwickelt wird, der sich nicht nur darauf
beschränkt, ein bestimmtes Wissensgebiet zu vertiefen, sondern auch
anregt, völlig neue und über das eigene Fach hinausgehende
Wissensgebiete zu erschließen. Das gehört gestärkt und gefördert. Ich
glaube auch, dass für die Lehrenden ein hoher Reformbedarf besteht, mit
einem ganz anderen Anreiz zur ständigen Weiterbildung. Was
Studiengebühren betrifft, so habe ich gegen diese prinzipiell nie etwas
einzuwenden gehabt, wenn sie sozial zumutbar ausgeformt sind. Die
derzeitigen Studiengebühren halte ich deshalb für eine Zumutung, weil
sie sozusagen ein Ersatz sind. Sie werden eingehoben, ohne dass ihnen
auf der anderen Seite ein Angebot gegenüber steht. Das heißt das Pferd
von hinten aufzäumen, bei dem, der sich am wenigsten wehren kann. Das
finde ich schlicht und einfach unfair. Ich halte es für zumutbar, dass
man für höhere Bildung, aus der man dann, hoffentlich, auch andere
Verdienstmöglichkeiten entwickeln kann, einen Beitrag für diejenigen,
die es sich leisten können, einhebt. Aber es ist eine Frage der Stufen
und Schritte und in welcher Reihenfolge sie passieren und wie dann diese
Schritte aussehen. Die derzeitigen Studiengebühren sind für mich nicht
akzeptabel, weil sie nur eingeführt wurden, um das Budget zu stopfen.
Die Bildungspolitik zum Instrumentarium der Budgetpolitik zu machen,
halte ich für verfehlt.
Bukasa: Letzte Frage: Die Art und Weise, wie Omofuma gestorben
ist, ist für uns MigrantInnen ein Symbol für das Defizit an Demokratie
und Rechtsstaatlichkeit. Nun gibt es am vierten März den Prozess mit den
Polizisten, die dieses Verbrechen begangen haben. Was sagen Sie als
Vorsitzende des Vorstandes des Instituts „Offene Gesellschaft“ zur
Praxis des Schubhaftsystems und was sollte man verbessern?
Schmidt: Das erschreckende dieser damaligen
Katastrophe war eigentlich, dass offenkundig wurde, dass diese Praxis
kein Ausnahmefall, sondern im Instrumentarium der Vollzugsorgane nichts
Außergewöhnliches war. Wenn man sich ansieht, wie damals die
Zeitungskommentare, besonders in der Kronen Zeitung, abgelaufen sind,
dann war da ein Zynismus und eine Menschenverachtung enthalten, die ich
nicht so bald vergessen werde. So mit dem Argument, was soll man schon
tun, wenn jemand renitent ist. Die Argumentation ging in die Richtung,
dass das Opfer selber Schuld sei. Ich habe es damals schlimm gefunden,
dass der Innenminister nicht zurück getreten ist, weil ich das auch als
ein notwendiges Signal für die Wichtigkeit und Wertigkeit gefunden
hätte. Das wäre ein Akt gewesen, der wirklich zu einem Umdenken
herausgefordert hätte. Bis heute hat sich die Schubpraxis nicht
wesentlich verbessert. Ich hoffe zumindest, dass solche Praktiken nicht
mehr vorkommen. Dass es bis heute möglich ist, Jugendliche in Schubhaft
zu nehmen, halte ich für ein Übel. Ein Punkt, den wir schon in der
parlamentarischen Zeit immer heftig angegriffen haben, um ihn zu
verändern. Und er wurde bis heute nicht verändert. Ich glaube, dass hier
nicht nur in Österreich, sondern weltweit, vor allem europaweit, vieles
im Argen liegt. Das ist deswegen deprimierender, weil, wenn es nur ein
Land ist, gibt es eine Chance, das zu verändern. Da scheint sich aber in
Europa eine Haltung etabliert zu haben, wo noch viel getan werden muss,
um den Menschenrechtsmindeststandard sicher zu stellen. Aber man darf
nicht nachlassen!
Bukasa: Nur noch eine letzte persönliche Frage. Ich weiß nicht,
ob Sie irgendwann wieder in die Politik zurückkehren werden? Menschen
wie Sie sind doch so selten.
Schmidt: Ein paar gibt es schon. Aber heute
zählen im politischen Alltag vor allem Inszenierung und Public
Relations, Wirksamkeit, Vereinfachung. Seriosität, Grundsätzlichkeit und
Differenziertheit werden nicht gleichwertig transportiert. Es gibt
vielfältige Möglichkeiten, sich für diese Prinzipien der politischen
Kultur einzusetzen und dafür zu kämpfen, dass ihr Stellenwert nicht
verloren geht. |
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