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Sport

Begegnungen mit dem Nachbarn

(Ausgagbe Nr.2 - Juni/Juli 2002)

Der Ukrainer Volodja Brodzinskyi über den polnischen Fußball in Zeiten von Olisadebe und im Gespräch mit Krzystof Ratajczyk.

In der Zeitspanne zwischen einem Telegramm des großen Fußball-Fans Helmut Kohl an den Fan Gorbi, in dem er ihm seinen „ewigen Dank für die Herausgabe der DDR" zum Ausdruck brachte, und der Einweihung der ersten Abgabestelle für ungewollte Kinder in der Republik Österreich, kam ich, vom Hunger nach der großen weiten Welt getrieben, aus der Ukraine nach Wien. Mein Glaube an den Ball blieb trotz einer Studie, welche besagt, dass das Köpfeln den Verlust der „grauen Zellen" kostet, unerschüttert. In der Hoffnung sich für die WM 2002 zu qualifizieren, musste die Ukraine gegen Polen antreten. Da ich, im Gegensatz zu Berlusconi, zu Hause weder ein TV-Imperium, das sich vom Liegestuhl am Swimmingpool aus bedienen lässt, noch den Liegestuhl selbst habe, entschied ich mich für den Besuch der „Polska Dyskoteka" im Siebzehnten, wo die Polen, von Heim- und Fernweh geplagt, manchmal Heimat-Fernsehen schauen. Da die ukrainisch-polnischen Beziehungen bis heute nicht frei von Ressentiments sind, blieb mir nichts anderes übrig, als ins „feindliche" Lager zu konvertieren, indem ich mich als Nachkomme polnischer Einwanderer ausgab - ein hochgradig unchristlicher Vorgang, aber was tut man nicht alles für den Fußball! Mit Kaugummi im Mund und Omas Spruch im Kopf: „Ukrainer sein ist keine Umstandsbestimmung des Ortes, sondern eine Frage der Haltung", tauchte ich vor der „Polska Dyskoteka" auf und überlegte lange, ob ich zuerst mit dem linken oder rechten Fuß auftreten soll . . . Die Kneipe war voll. Doch auch für mich fand sich ein Platz. Bald trank ich schon auf „unseren Sieg" und nachdem meinem Präsidenten während der Hymne eine heiße Träne aus dem rechten Augen rutschte und auf langen Wimpern hängen blieb, ertönte der Pfiff. Shevchenko war gut, doch der Gegner war besser, besonders Olisadebe, den mein Tischnachbar stolz „unser OlisadebeSKI" nannte. Der Spieler narrte die Ukrainer wie Dagobert und schoss das Tor. Alle, auch ich, sprangen in die Luft. Ich wurde geküsst, geschüttelt, umarmt und auch ich habe die Leute umarmt. Ich lachte, lachte über mich, über die ganze Situation, mir rollten die Tränen vor Lachen aus den Augen. Mein Gott, dachte ich mir, wenn meine Familie das sehen würde. Obwohl wir im Endeffekt 1:3 verloren, fühlte ich mich lange nicht so gut wie an dem Abend. Wird das jemals wer verstehen können? Ah?

Bramka heißt Tor!

Brodzinskyi: Manche Menschen haben, wenn Sie sich ein neues Hemd kaufen, am Anfang ein ungewohntes Gefühl. Wie geht es einem Spieler, der von heute auf morgen die Club-Farbe wechselt?

Ratajczyk: Wenn Sie mich meinen, so habe ich damit keine Probleme. Es ist wie im Job...- als ob man eine Firma wechselt.

Brodzinskyi: Also keine Identitätsprobleme? Apropos Identität, denken Sie auf Polnisch oder Deutsch?

Ratajczyk: Polnisch.

Brodzinskyi: Vielleicht wäre es für manchen Österreicher nicht uninteressant zu erfahren, was auf Polnisch „Tor!" heißt?

Ratajczyk (lacht): „BRAMKA!". Mit Betonung auf dem ersten „A".

Brodzinskyi: Der Afrikaner und Neupole Olisadebe hat bei der WM-Qualifikation einige BRAMKAS geschossen...

Ratajjczyk: Acht oder neun Tore, glaube ich.

Brodzinskyi: Und der große Boniek meinte dazu: „Ohne Emanuell Olisadebe wäre Polen nicht bei der Weltmeisterschaft"

Ratajczyk: Nicht nur Boniek denkt so... Emanuell war mehr als gut... Wir haben auch einen ausgezeichneten Tormann, obwohl das 0:2 gegen Japan war nicht das beste.

Brodzinskyi: Stichwort Rassismus. Wie sieht es im heutigen Polen damit aus?

Ratajczyk: Mich hat das Rassismusproblem, ehrlich gesagt, früher nicht besonders interessiert, vielleicht weil ich es nie auf meiner eigenen Haut verspürte. Die Farbigen, die im Leben nicht viel erreicht haben, haben es nicht leicht, zum Beispiel, wenn Du mit einer Weißen ausgehst. Aber wenn Du so einen Namen wie Olisadebe hast, dann ist das Problem viel kleiner. Keine Ahnung, wie es heute in den Stadien ist. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein polnisches Stadion besucht habe . . .

Brodzinskyi: Die Erfolge des Ex-Nigerianers, haben die in Polen nichts bewirkt, ich meine, in die bessere Richtung?

Ratajczyk: Oh doch, es hat sich einiges geändert . . . Der eroberte manche Herzen.
 
 
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