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Sport
„Der Fußball verliert an Qualität“

(Ausgagbe Nr.4 - Okt/Nov 2002)
Ein Telefoninterview am Abend des 2. Oktober mit dem langjährigen Trainer von Sturm Graz und dem letzten Nationaltrainer Jugoslawiens: Ivica Osim
Von Kerstin Kellermann

Er ist nicht zu Hause! Er ist nie zu Hause! Wenn man mit einem Sportler verheiratet ist, wie ich es seit 38 Jahren bin, muss man sich daran gewöhnen. Ich war auch Sportlerin, Gymnastiklehrerin in Sarajevo ...“, Frau Osim meint aber, es sei kein Problem später am Abend noch einmal anzurufen.

Sturm Graz-Präsident Hannes Kartnig hatte im Sportmagazin eine großspurige Aussage von sich gegeben: „Am liebsten wäre es ihm (dem Trainer Ivica Osim) gewesen, du bringst ihm nur die Cevapcici und Raznjici (Spieler)“. Für Osim war eine Grenze überschritten und er trat zurück. „Es war nicht die Mannschaft oder die Niederlage gegen Kärnten, warum ich gegangen bin, es war die Beleidigung meiner Nation“, meinte Ivica Osim laut Kronenzeitung einige Tage nach seinem Abgang. „Weiß er nicht, dass er eine ganze Nation beleidigt? Weiss er nicht, wer ihm geholfen hat, so weit zu kommen?“

Um dreiviertel acht nach den Fernsehnachrichten zeigt sich der letzte Nationaltrainer Jugoslawiens sehr nachdenklich und ein bißchen melancholisch.

Bunte: Ist der Fußball zu einem großen Geschäft geworden, in dem alles andere auf der Strecke bleibt?

Ivica Osim: Fußball war auch schon früher ein großes Geschäft. Ich glaube eher, dass jetzt eine Phase beginnt, wo viele Leute gesehen haben, was passiert, wenn es nur um das Geld geht. Nun geht es in die Kontrarichtung. Die Leute und die Spieler fragen sich, was im Fußball los ist. Die Summen sind enorm. Der Fußball verliert an Qualität. Jedes Spiel wird als Schicksalspiel gespielt. Man kann sich keine Fehler mehr leisten. Dabei ist Fußball ohne Risiko kein Fußball mehr! Der Fußball arbeitet momentan gegen sich selbst. Wo geht das alles hin? Andere Spieler, Clubs oder Länder haben nicht das Geld zur Verfügung - was ist mit denen? In ärmeren Ländern ist Fußball oft das Einzige, was ihnen bleibt. Fußball ist nur für einige wenige ein großes Geschäft. Zum Beispiel jetzt ist die Austria allein geblieben. Das ist die österreichische Mentalität: Es kann nur einer Meister werden - die haben so viel investiert - da fragen sich die anderen, warum sie investieren sollen. Keiner will Zweiter werden. Im Vergleich zu Deutschland, Frankreich oder Italien ist Österreich ja nicht so groß im Geschäft, aber viele Spieler, die gut sind, gehen ins Ausland. Die Jungen stehen unter Druck. Österreich gibt ihnen nur eine kleine Chance.

Nach Japan geht aber selten jemand. Vermissen Sie Vastic?

Es geht nicht jeder wegen Geld weg, manche wollen auch andere, schöne Sachen, erleben. In Japan ist der Fußball noch nicht so hektisch wie in Europa. Es ist ruhiger, nicht so stressig. Die Spieler beginnen nachzudenken. Warum gewinnt einer so viel Geld? Was ist mit meinem Leben? Es ist schade, dass diese Gesellschaft, der Kapitalismus, so stark am Geschäft hängt. Obwohl es in Österreich gar nicht so schlimm ist. So ist das halt im Vereinigten Europa, die Spieler gehen weg. Im Fernsehen können alle beobachten, wie gut der Fußball woanders ist.

Wie schätzen Sie die Neuwahlen ein? Werden wir wieder eine Sportministerin Riess-Passer bekommen?

Fußball ist ein Teil des Ganzen. Die meisten Zuschauer, aber auch die meisten Wähler, kommen aus sozial ärmeren Kreisen. Politiker haben alle Gründe den Fußball für ihre Zwecke zu verwenden, aber sie sollten nicht nur in Wahlkampfzeiten vom Fußball profitieren, sondern sich auch in normalen Zeiten kümmern. Ich hoffe, dass die nächste Regierung das Integrationspaket zurücknehmen wird. Was die Flüchtlinge betrifft, so frage ich mich, wie das Vereinigte Europa reagieren wird. Die Menschen suchen Identifikationen, in einem Club, in einem Land, in der Stadt, in der sie geboren sind. Identifikationen sind sehr wichtig, denn Freiheiten besitzen sie bereits. Die Freiheit wird zwar kontrolliert von Polizei und Gendamerie, doch die Leute können die Länder innerhalb der EU wechseln. Die normalen Menschen sind zu einer grauen Masse geworden. Wo bleiben ihre Identifikationsmöglichkeiten? Wie leben sie? Wer sind sie? Jeder will jemand sein. Die Menschen suchen Identifikationen, wenn das Vereinigte Europa nicht darauf reagiert, verliert es diese Chance. Wie denkt die EU über Flüchtlinge? Ich bin immer Ausländer. Meine Gefühle sind oft contra, gegen diese normale westliche Politik. Flüchtlinge sehen Politik ganz anders, sie suchen Verständigung, man muss eine Lösung finden! Doch es gibt sehr viele verschiedene Probleme, man muss genauer schauen, wie diese Lösungen aussehen. Österreich hat sich schon sehr um die bosnischen Flüchtlinge bemüht. Das darf man nicht vergessen, wenn jemand etwas Gutes macht. Zuerst muss man selber korrekt sein, denn nur dann kann man sich das von anderen erwarten. Aber die Ausländer und Flüchtlinge leben ja hier, trotzdem müssen wir auch im Auge behalten welche Reaktionen wir auslösen.

Glauben Sie an die normalen Leute, an die Österreicher?

Ja, anders geht es nicht. Die normalen Leute sind nicht dumm. Das macht der Rassismus, dass die Flüchtlinge als Feinde gesehen werden, die den Österreichern ihr Geld nehmen könnten. Die Geschichte Österreichs ist mit allen möglichen vermischt, Kroaten, Polen, Tschechen, man sieht die Namen bis heute. (Lacht) Österreich braucht noch zwei bis drei Generationen, bis alle „echte“ Österreicher werden...

Wie sieht Ihre persönliche Perspektive aus? Wollen Sie wirklich Jugendtrainer werden, wie es Kartnig vorschlug?

Ich bin noch nicht so weit. Ich bin in einer Periode des Nachdenkens. Ich bin mir noch nicht klar, was ich mache. Ich denke über Vieles nach. Warum habe ich so reagiert, wie ich reagierte?

Was sind da eigentlich für Geräusche? Kocht Ihre Frau?

Nein, ich koche die ganze Zeit. Es gibt Kalbsschnitzel und ein bisschen Reis.

Dober tek!

17. bis 28. Oktober Aktionswoche: Aktionen gegen Rassismus in und rund um Fußballstadien überall in Europa. Für Österreich: Fairplay (www.fairplay.or.at, fairplay@vidc.org)
 
 
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