 |
 |
 |
 |
Hochstrahlbrunnen vor dem Denkmal
zur Erinnerung an die
Befreiung Wiens durch die Rote Armee |
 |
|
Denkmal zur Erinnerung an die
Befreiung Wiens durch die Rote Armee |
 |
|
 |
|
Bild: Denkmal zur Erinnerung an die
Befreiung Wiens durch die Rote Armee
1945
Schwarzenbergplatz
© Verlag Christian Brandstätter |
|
 |
|
 |
| Der Freund vom Stalinplatz |
 |
Einen der deutlichsten Hinweise auf
Österreichs prekäres Verhältnis zur NS-Vergangenheit gibt das Datum
seines Staatsfeiertags: Der 26. Oktober gedenkt jenes Ereignisses im
Jahr 1955, als der letzte alliierte Soldat das Land verließ. Zwar
deklariert man sich als das frühere Opfer von Deutschlands
Kriegslüsternheit, doch hält man dabei einen Tag der höchsten nationalen
Erinnerung wert, an dem die Truppen, die den nationalsozialistischen
Spuk beendeten, abzogen. Waren sie nun Befreier, oder waren sie
Besatzer? Soll man feiern, wenn diejenigen die geholfen haben, wieder
gehen?
Am Schwarzenbergplatz ist in bis heute gültiger Eindrücklichkeit zu
besichtigen, wie sich eine der Siegermächte in Selbstdarstellung übt.
Wenn man gestaunt hat, wie sich der zwölf Meter große Rotarmist auf
seinem zwanzig Meter hohen Sockel in die Brust wirft, ein
Säulenheiliger, der buchstäblich über die Stadt gekommen ist, dann kann
man die seltsame Diskrepanz in der Begehung des 26. Oktober
nachvollziehen. Dieser Uniformierte, die Kalaschnikow umgehängt, ist in
der Tat Befreier und Besatzer in Personalunion. Er scheint Wache zu
halten, in souveräner Geste die Garantie des „Nie wieder“ zu verkörpern.
Doch verabreicht seine Präsenz auch eine Drohung: die Big-Brother-Figur,
die er abgibt, kann ihre Herkunft aus dem Geist eines Regimes der
Schauprozesse nicht verleugnen. Wer solche Freunde hat, braucht sich
jedenfalls über seine Feinde nicht zu beklagen. Es bedeutet nicht gleich
eine Bagatellisierung von Österreichs allzu ausgeprägter Bereitschaft,
sich dem Dritten Reich anzudienen, wenn man daran erinnert, dass aus den
Reihen der Sowjetarmee plündernde, vergewaltigende und ganz in
Vergeltung aufgehende Marodeure kamen.
„Ewiges Heil den Helden der Roten Armee, die gefallen sind im Kampf
gegen die deutsch-faschistischen Landräuber für die Freiheit und
Unabhängigkeit der Völker Europas.“ So steht es in kyrillischen Lettern
und russischem Idiom auf dem Rund der Kolonnade, die die aufragende
Komposition des Standbildes begleitet. Der Text betont die deutsche
Zuständigkeit für die Gewalttaten der vorausgegangenen Jahre und die
sowjetische für deren Beendigung. Unmittelbar nachdem die Schlacht um
Wien im April 1945 geschlagen war, wurde das Monument begonnen. Bereits
am 19. August des Jahres konnte es enthüllt werden. Die Initiative ging
von der Roten Armee selbst aus, und die planenden und ausführenden
Gestalter waren mit dem Major Jakowlew und dem Leutnant Intasarjan
Soldaten. Doch wer war das damals nicht?
Das Werk ist ein Denkmal, kein Mahnmal, es stellt das Geschehene aus der
Perspektive der Sieger dar. Es dient der Glorifizierung, der Sowjetstern
und die offizielle Heraldik aus Hammer und Sichel werden in aller Geste
des Triumphierens vorgezeigt. Überhaupt ist das Arrangement von jener
ausgeprägten Traditionalität, die man sich nur leisten kann, wenn man
von der geschichtlichen Mission überzeugt ist. Solche Überzeugungen
rollen bevorzugt im Tross der Eroberer mit.
Das Ausrufezeichen des „Befreiungsdenkmals“ ist auch ein Monument
stalinistischer Ästhetik. 1937, einige Zeit, bevor die Konfrontation
militärisch wurde, waren sich die beiden Regime, in denen Masse und
Macht in der Moderne kulminieren sollten, symbolisch gegenübergestanden.
Die Pariser Weltausstellung wollte es, dass Albert Speeres deutscher und
Boris Iofans sowjetischer Pavillon exakt vis-à-vis zur Aufstellung
kamen. Nicht ganz unerwartet verlieh man eher den Gemeinsamkeiten als
den Unterschieden Gestalt. Beide schwelgten auf deutlich parallele Weise
in einem Klassizismus, der das Aufgeregte und Hochgereckte den antiken
Säulenordnungen entlieh, aber dabei alle Proportion und alle Bezogenheit
auf ein menschliches Maß vermissen ließ: Architekturen totalitären
Angedenkens.
Der nationalsozialistische und der sozialistische Anspruch auf imperiale
Vormacht kleideten sich in den gleichen Jargon. Es ist eine Ästhetik der
Gewalt, und das Wiener Monument spricht seinerseits diese Sprache. Das
Unnahbare, Distanzheischende, Brüske, das von dem Standbild ausgeht, das
Recht- und Befehlshaberische wäre, so darf man annehmen, nicht viel
anders ausgefallen, hätte „der Führer“ den Krieg gewonnen und ein
Siegesmal aufgestellt. Unter Hitler und unter Stalin, nach dem der Platz
in Wien bis 1956 benannt war, herrschte nicht Gleichheit, aber
Gleichklang der Ideologien.
Die Demokratien reagierten darauf gegensätzlich. Hier brachte der Zweite
Weltkrieg eine entschiedene Umkehr in der Selbstdarstellung. Wenn der
„Manchester Guardian“ am 2. Mai 1945 schrieb: „Europa hat niemals eine
solche Katastrophe seiner Zivilisation erlebt, und niemand kann sagen,
wann es beginnen wird, sich von ihren Auswirkungen wieder zu erholen“,
so stehen derlei Formulierungen auch dafür, dass die Sieger Lehren
ziehen wollten. Gerade ästhetisch, die Weltsprache Abstraktion trat auf
den Plan. Mit ihrer Fülle an Gesten der Sprachlosigkeit, mit ihrer
eigenartigen Verbildlichung von Kargheit und Leere half sie allerdings
auch, ob gewollt oder nicht, den Tätern der NS-Zeit beim kollektiven
Beschweigen dessen, was sie anrichteten. Das Bewusstsein einer
historischen Zäsur wurde beim „Befreiungsdenkmal der Roten Armee“ völlig
umgangen. Es setzte dafür auf die Kontinuität der Einschüchterung.
|
 |
|
|
|
|
 |
|
 |
 |
| auszugsweise aus |
 |
| Rainer Metzger; Der Tod bei der Arbeit |
Gewalt der Bilder : Bilder der Gewalt
Ein Führer für Wien
Mit 40 Abbildungen in Farbe
Verlag Christian Brandstätter. Wien |
|
|
|
|
 |
|
|
|
mit freundlicher Genehmigung |
 |
 |
 |
| Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen
und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
|
|
|
 |
 |
|
 |
 |
| Weitere Ergebnisse zum Thema |
|
Befreiungsdenkmal |
 |
|
 |
|
|
 |
 |
|