Im Schatten der Burenwurst
Im Schatten der Burenwurst
H. C. Artmann

Zeichnungen: Ironimus
Residenz Verlag
ISBN 3-7017-1360-X
Endlich sind sie wieder greifbar: die Geschichten von Zorro, dem Rächer der Würstelmänner, Herrn Quarglschmitt, der nicht in den Ring will, von Herrn Krabaths musikalischer Haar- und Bartpflege und vielen anderen Merkwürdigkeiten aus Wien.
Aus dem Inhalt:
Nußbeugeln und Melangen

Das schönste Stadtcafé von altem Schrot und Korn oder, besser gesagt, von frischem Nussbeugel und duftender Melange ist und bleibt für mich das Café Hawelka in der Dorotheergasse. Dort, eingebettet zwischen Casanova und einem lieben, alten Wirtshaus, scheint mir all das erhalten geblieben zu sein, was wir Jungen eigentlich nur mehr aus Büchern, Zeitungen oder den Erzählungen älterer Jahrgänge kennen: das Künstler- und Literatencafé…

Im Hawerl, wie wir es kurz nennen, sind wahrhaftig die letzten sechs Jahrzehnte ohne die geringste Spur vorübergegangen; bis auf die Espressomaschine ist alles beim alten geblieben. Die tapezierten Wände, die roten Plüschbänke, die nippfigurenbewachten Spiegel, die Marmortischerln, ja sogar ein bedeutender Teil der Gäste paßten eher in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als in unsere gehetzte, mond- und raketennarrische.

Hier im Hawelka begrüßt der Chef des Hauses seine Stammkunden noch mit Handschlag, herrscht der Ober, Herr Fritz, souverän wie ein britischer Oberst, über sein Revier, schwirren auf vernickelten Tabletts die Wassergläser wie kristallene Vögel durch den bleiblauen Zigarettenrauch, werden lautlos erbitterte Schachpartien ausgefochten, Kritiken, wenn nicht anders, so auf Briefpapier verfaßt, der Graphiker Moldovan, elegant wie immer, begrüßt mit der gleichen Liebenswürdigkeit hübsche und weniger hübsche Mädchen, Ernst Fuchs, der Dürer der modernen Malerei, bestellt prophetenbärtig sein „Ei im Glas“ und spricht wohlgesetzte Worte aus Goldplättchen und schimmerndem Firnis, junge Schauspieler und –rinnen spielen bis zur Zweiuhrsperre Canasta, weil sie kein Tarock beherrschen, Dichter, Maler, Bildhauer und Musiker bilden manchmal wahre Bienenschwärme um einen einzigen Tisch, der geplagte Ober kann kaum durch den Sesselwald, und die Luft ist erfüllt von den Wohllauten philosophischer Kampfrufe, wie vom Duft der Austria 3, der in zahllosen Rauchringen nach dem Struckhimmel entschwebt.

Wenn man das Café Hawelka betritt, muß man an der frequentiertesten Telephonzelle Wiens vorüber. Sie ist fast immer besetzt, läutet ansonst fortwährend, und Herr und Frau Hawelka haben nicht wenig Mühe mit dem vielen Abheben und „Herr Sowieso wird verlangt“-Rufen. Neben dem Telephon hängen Plakate fast aller Kunstvernissagen und Jazzkonzerte, teils gedruckt, teils handgemalt, und man wird immer am laufenden gehalten.

Ich glaube überhaupt, daß, wenn wir den Hawelka nicht hätten, vieles ungetan, ungesprochen bleiben oder von Grund aus gar nicht erdacht werden würde. Man braucht sein Zentrum, und das ist eben für uns wie für unsre Vorfahren das Kaffeehaus, das, obgleich oft totgesagt, wie eh und je floriert. Ja, was wurde nicht schon alles über das aussterbende Wiener Café geredet und geschrieben. Das Espresso hätte ihm das „Gasgeld“ gegeben, hieß es anfangs, und so dachten wir wohl auch alle. Jetzt ist’s aus, die Leut’ wollen eben das Fortschrittliche, das Moderne, mia san jo net hintan Mond! Und ehrlich zugegeben: Hatten wir nicht schon wirklich ein wenig genug vom ungelüfteten Plüsch der Vergangenheit, von den losen Stahlspiralen der zersessenen Sitzbänke, die immer im ungeeigneten Moment eine gewisse Stelle unserer Beinkleider durchbohrten? Sicher waren wir alle ein wenig kaffeehausmüde und begrüßten die erste Espressi à la italiano wie die Morgenröte einer schöneren, besseren Welt …

Das war so um 1950. Und heute? Heute im 275. Jubiläumsjahr, trauern wir dafür schon wieder um so manches liebe alte Tschocherl, das inzwischen auf immer verschwunden ist. Aber haben wir denn auch wirklich Grund zu trauern? Sind sie wirklich auch alle verschwunden und durch mondäne Chromnickelglasneonveranden ersetzt worden, darin man stehenden Fußes und gehetzt seinen Maschinenmokka halbfliegend ausbuxt, um weiterzueilen?

Es wäre nicht Wien, wenn nicht aus dem, was noch kein Kaffeehaus ist, eines würde! Die Lebenskraft unseres alten Wiener Kaffeehauses war zu stark. Fast alle Espressi, von der inneren Stadt heraus bis in die Peripherie, was sind sie denn, als etwas modernisierte „Cafés“ und urgemütliche Tschocherln, in denen man bei einem kleinen Braunen stundenlang plaudert, tarockiert oder preferanct, um den Ober oder die Serviererin höflich mit Herr Josef oder Fräulein Ria tituliert, in denen man sich genau so benimmt, und genau so genommen wird, wie seinerzeit im guten alten Café. Von Gehetzt- oder Gespreiztheit also keine Spur. Und das, sage ich mir, ist im Jahre 275 nach der Erfindung des seligen Kolschitzky ein recht respektables Zeichen der Zeit. Das Café ist tot, es lebe das Café! Ich gehe jetzt, nachdem ich das niedergeschrieben habe, um die Ecke ins „Breitensee“ und trinke einen Schwarzen mit Slibowitz!
Auszugsweise Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Deuticke Verlages.
erhältlich im Buchhandel
H. C. Artmann, geboren 1921 in Wien, gestorben am 4.12.2000 ebenda. Erste Buchveröffentlichung: med ana schwoazzn dintn (1958). Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur 1974. Georg-Büchner-Preis 1997. Im Residenz Verlag erschien zuletzt die Übersetzung: 5 Stücke von Goldoni (2001).
Ironimus, alias Gustav Peichl, geboren 1928 in Wien. Architekt und Karikaturist. Großer Österreichischer Staatspreis für Architektur 1971. Mies van der Rohe-Preis 1987. Berliner Architekturpreis 1989.
1010 Wien; Hegelgasse 21
Tel.: +43 1 512 15 44-281
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Auszugsweise Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Deuticke Verlages und der Autoren in Zusammenarbeit mit Wien-Vienna.
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