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| Die erste Einbauküche der Welt |
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Bild: Die berühmte Frankfurter Küche
im Museum für angewandte Kunst (MAK)
© Verlag Christian Brandstätter - Duncan J. D. Smith |
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I. Bezirk (Innere Stadt), Österreichisches Museum für
angewandte Kunst (MAK), Stubenring 5.
Das Österreichische Museum für angewandte Kunst, abgekürzt MAK, ist
Wiens ehrgeizigstes und eklektischstes Museum; es zeigt Design,
Kunsthandwerk, Kunst- und Gebrauchsgegenstände aus acht Jahrhunderten.
Verschiedene Räume sind einzelnen Perioden oder bestimmten
Sammlungsschwerpunkten gewidmet, etwa dem Jugendstil, der Wiener
Werkstätte (sie wurde 1903 gegründet, um gediegenes Kunsthandwerk zu
produzieren), dem 20. Jahrhundert, orientalischen Teppichen (etwa dem
einzigen ägyptischen seidenen Mameluckenteppich aus dem 16. Jahrhundert)
und Möbeln. Darunter sind Michael Thonets patentierte
Buchenholz-Bugmöbel, die ab 1856 zu Millionen fabriziert wurden und in
der ganzen Welt beliebt wurden.
Ein sehenswertes Exponat findet sich am Ende einer der Sammlungen im
Keller: die so genannte Frankfurter Küche, entworfen von Margarete
Schütte-Lihotzky, der ersten Architekturstudentin Österreichs, die ihr
langes Leben der Verbesserung der Lebensbedingungen von arbeitenden
Frauen in ganz Europa widmete. In den Zwanzigerjahren, als sie erst
Anfang zwanzig war, wurde sie für einen Entwurf eines
Schrebergartenhauses ausgezeichnet; dadurch kam sie in Kontakt mit dem
avantgardistischen Wiener Architekten Adolf Loos (1870-1933), der für
seinen extremen Funktionalismus und seine asketischen Entwürfe bekannt
ist. Loos hatte in der Zwischenkriegszeit des sozialistischen Roten Wien
einen beträchtlichen Einfluss auf Fragen der Gestaltung, etwa auf die
Werkbundsiedlung, auf die rieseigen neuen Wohnbauten der Gemeinde und
letztendlich auch auf die reduzierte Ergonomie der Frankfurter Küche.
1922 arbeitete Schütte-Lihotzky mit Loos am ersten öffentlichen
Wohnbauprojekt für Kriegsverwundete; ihre Freundschaft dauerte bis zu
seinem Tod 1933. Die Zusammenarbeit beeinflusste ihre Laufbahn und hatte
beträchtliche Auswirkungen auf ihre Entwürfe von Häusern, Kindergärten
und Selbstbaumöbeln.
In den späten Zwanzigerjahren gab es in Frankfurt ein ambitioniertes
Wohnbauprogramm; Schütte-Lihotzky wurde beauftragt, eine kostengünstige,
funktionelle, doch ästhetisch ansprechende Wohnung zu entwerfen. Sie
ging auf wissenschaftliche Weise an die Aufgabe heran, indem sie sich
des amerikanischen Systems Taylor bediente, verschiedene
Haushaltsarbeiten mit der Uhr stoppte und ihren Entwurf direkt an die
optimalen funktionalen Erfordernisse anpasste. Nur so konnten
berufstätige Frauen mehr Zeit für ihre Familien und sich selbst
erübrigen.
Das Resultat der Überlegungen Schütte-Lihotzkys war eine kompakte
Kleinwohnung mit Einbauküche (die nur 6,5 Quadratmeter maß und in
Massenfertigung produziert werden konnte); sie war durch eine Schiebetür
vom Wohnbereich getrennt. So konnten die Mütter ein Auge auf ihre Kinder
haben, während sie in der Küche arbeiteten, und vom Herd zum Esstisch
waren es nur drei Meter. Damit es nur wenig zu putzende Oberflächen gab,
stellte sie die Küche auf Betonsockel; der Wandverbau reichte bis zur
Decke. Der Herd hatte einen speziellen Abzug; unter dem Fenster gab es
Stauraum, der durch eine Öffnung nach außen gekühlt wurde. Für die
Oberflächen wurde widerstandsfähiges Buchenholz verwendet, das kaum
fleckig wird; es gab auch einen Schlitz, durch den man Abfälle direkt in
den Eimer schütten konnte. Andere höchst vernünftige
Arbeitserleichterungen umfassten ein zusammenklappbares Bügelbrett, eine
schwenkbare Deckenlampe, eichene Mehlkisten, die Schutz gegen Maden
boten, und Schubladen aus Aluminium, in denen man haltbare Lebensmittel
lagern konnte.
Die Kompaktheit des Entwurfs beeindruckte den Frankfurter Stadtrat sehr;
in der Folge wurden zwischen 1926 und 1930 an die 10 000 Wohnungen
gebaut, die alle mit der Frankfurter Küche ausgestattet waren. Die
Kosten wurden zu den Baukosten gerechnet (die durch die Massenproduktion
stark gesenkt werden konnten) und auf die Miete aufgeschlagen; diese
Lösung war für die Mieter annehmbar, die nun die Küche nicht mehr
auszustatten brauchten. Das Ausstellungsstück im MAK ist eine nach
Angaben von Schütte-Lihotzky nachgebaute Replik; der Betrachter ist
beeindruckt von den technisch ausgefeilten Lösungen, den ausgewogenen
Proportionen und den fein abgestimmten Farben.
Da Schütte-Lihotzky sich gegen den „Anschluss“ Österreichs an
Nazi-Deutschland zur Wehr setzte und Mitglied der Kommunistischen Partei
war, wurde sie von der Gestapo verhaftet und in ein bayerisches
Gefängnis deportiert; das 1940 verhängte Todesurteil wurde glücklicher
Weise aufgehoben. Aus politischen Gründen erhielt sie in der Zeit des
Kalten Krieges nur wenige Aufträge; erst 1980 anerkannte Wien endlich
ihre Leistungen und verlieh ihr den Architekturpreis der Stadt Wien und
1988 das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. 1997 tanzte sie bei
den Feiern zu ihrem 100. Geburtstag mit dem Wiener Bürgermeister einen
Walzer; 1998 bestand einer ihrer letzten Aufträge darin, ein
Wohnhausprojekt von Frauen für Frauen zu leiten.
Die unzähmbare Margarete Schütte-Lihotzky starb am 18. Januar 2000 kurz
vor ihrem 103. Geburtstag und wurde auf dem Zentralfriedhof beigesetzt.
Sie mag uns verlassen haben, doch ihr Prototyp der modernen Einbauküche,
die wir für selbstverständlich halten, ist nach wie vor Hilfe und
Inspiration im Leben berufstätiger Frauen (und Männer!).
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| auszugsweise aus |
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| Duncan J. D. Smith; Nur in Wien |
Ein Reiseführer zu sonderbaren Orten,
geheimen Plätzen und versteckten Sehenswürdigkeiten
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Fotografien von Duncan J. D. Smith
„Die Straßen Wiens sind mit Kultur gepflastert, die Straßen
anderer Städte mit Asphalt.“ Karl Kraus (1874-1936)
Wien ist sicherlich eine der großartigsten und zugleich
homogensten Hauptstädte in Europa. Und es ist eine der
faszinierendsten. Die Überfülle an Reiseführern, die es zu
kaufen gibt, präsentiert dem nicht allzu anspruchsvollen
Besucher eine märchenhafte (und leicht zugängliche) Fülle an
Museen, Kirchen, Palais und kulinarischen Lokalitäten, und sie
erzählen von der Geschichte der Stadt seit den Zeiten der Römer
über jene des Habsburgerreiches bis zur Gegenwart. |
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|
mit freundlicher Genehmigung |
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| Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen
und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
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