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Josef Engelhart
1864-1941
Vorstadt und Salon
Er war ein Meister aller Klassen: ein grandioser Kolorist, dessen sinnliche und effektvolle Malerei das Wiener Publikum begeisterte. Heute ist Josef Engelhart (1854-1941) ein weitgehend Unbekannter. Doch um 1900 war er nicht nur einer der erfolgreichsten österreichischen Maler, sondern auch - gemeinsam mit Gustav Klimt und Carl Moll - Gründer der Wiener Secession, deren internationale Ausrichtung er wesentlich vorantrieb.
Der Sohn eines Fleischhauers aus Erdberg studierte in Wien und München, ehe ersieh 1891/92 in Paris mit der aktuellen französischen Kunst auseinandersetzte. Nach dieser kurzen Phase des Experiments kehrte der kompromisslose Verfechter des Naturalismus in seine Heimatstadt
Josef Engelhart im Salon, nach 1900, Fotografie aus Privatbesitz
zurück, um sich in drastisch-realistischen Bildern dem ärmlichen Leben in den Vorstädten zu widmen. Abseits der „bildwürdigen" Salons fand er hier seine Motive. Mit unverwechselbaren „WienerTypen" -Strizzis, Marktweiber, Wäschermädel - wurde Engelhart zum populären Chronisten eines verschwindenden Wiener Alltags.

Diese umfassende Publikation konzentriert sich auf Engelharts große
Zeit zwischen 1883 und 1919. Das Wien Museum besitzt aus dem
Nachlass Engelharts zahlreiche Hauptwerke aus dem vielfältigen
Oeuvre dieser schillernden Künstlerpersönlichkeit. Neben Gemälden,
Grafiken und Plastiken aus Museumssammlungen wird auch wenig
Bekanntes aus Privatbesitz präsentiert.
Josef Engelhart: Ligender Faun, Vignette, aus: Ver Sacrum 1 (1898)
„... ich male was ich will und wie ich will ..."
zur Bildsprache und Bedeutung von Josef Engelhart
Erika Oehring
Das Bild einer Epoche wird von dem geprägt, was im Blickfeld der Rezeption liegt. Keine Zeit in der österreichischen Kunstgeschichte wurde und wird seit etwa 30 Jahren so häufig rezipiert wie die Wiener Jahrhundertwende. Die Auseinandersetzung konzentriert sich jedoch nach wie vor auf einige wenige Glanzlichter und Höhepunkte. Mit dieser Fokussierung wird eine große Anzahl von Künstlern automatisch ausgeblendet. Ausgeblendet wird damit auch der Blick auf die künstlerische Vielfalt dieser Zeit. Die Konzentration auf die Kunst
der Klimt-Gruppe führt zur Negierung des herrschenden Stilpluralismus, begrenzt die Betrachtung und schließt einen großen Teil des Kunstschaffens im Fin de Siede aus.

Im Verhältnis zur großen Anzahl an jüngeren Publikationen zur Wiener Jahrhundertwende, scheint der Name Josef Engelhart, bis auf wenige wichtige Ausnahmen, selten auf - wenn überhaupt, vor allem dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt: in der Aufzählung der Gründungsmitglieder der Wiener Secession und hinsichtlich des Austritts der Klimt-Gruppe aus derselben. Dieser Umstand erscheint angesichts der Bedeutung des Künstlers und seines unverzichtbaren Engagements für die Vereinigung bildender Künstler Österreichs, die das Wiener Kunstleben seit dem 1. April 1897 wesentlich bestimmte und in neue Bahnen lenkte, merkwürdig. Gleichzeitig findet sein
Landstreicher, 1900. Öl auf Leinwand, 137,5x93,5 cm. Bez. re. u.: Engelhart. Raiffeisen-Holding NÖ-Wien,
Inv.Nr. 23.151.228
künstlerisches Werk, von Kritikern wie Ludwig Hevesi und Hermann Bahr seinerzeit enthusiastisch gefeiert, kaum Beachtung.

Josef Engelharts Werk bringt man in erster Linie mit Darstellungen von „Wiener Typen" in Verbindung. Seine Blumenmädchen, Wäscherinnen, Kellner und
Engelhart mit Modell bei der Arbeit am Fiakerdenkmal., Wienbibliothek, Handschriftenslg., ZPH 701/19/4.
Fiaker dienten als beliebte Illustrationen für Liederbücher und Kalender.Tatsächlich bildet diese Thematik nur einen Teil seines vielfältigen Oeuvres. Charakteristisch für sein malerisches Werk sind vielmehr die formale Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Strömungen und die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten. Heterogentät bestimmt Engelharts künstlerisches Schaffen.

In seinen Erinnerungen hält er fest, dass man ihm vorwarf, nicht bei einer Linie zu bleiben. Er hielt sich jedoch für einen Suchenden, für einen Künstler, der die Dinge ergründen wollte - und konstatiert, dass er sich dabei vielleicht für zu vieles interessierte.
Engelhart und die Kunst seiner Zeit
Der Blick auf die Jahre zwischen 1883 und 1919 fällt auf eine Epoche zwischen Gründerzeit und Salonkunst, zwischen Seccessionismus und den Anfängen der Moderne. Als 24-Jähriger tritt Josef Engelhart erstmals 1888 mit seiner Arbeit an die Öffentlichkeit und sorgt für Furore. Anlässlich der Internationalen Jubiläumsausstellung im Wiener Künstlerhaus präsentiert er zwei Bilder, die augenblicklich „einschlagen": Das bereits 1887 entstandene und oft reproduzierte Genrebild Die Banda oder Die Burgmusik kommt, eines der Hauptwerke Engelharts, findet mit Heinrich von Angeli, einem der gefragtesten Porträtisten Wiens mit internationaler Bedeutung, sofort einen Käufer. Die Kritik ist begeistert. Ein „packender" Künstler setzt in Wien mit unkonventionellen Bildern neue Maßstäbe. Das verschollene Gouachebild, das sich nach Aufzeichnungen Engelharts 1889 bei Rothschild in Frankfurt befand, steht uns heute glücklicherweise in einer kleineren Version zur Verfügung.
Ball auf der Hängstatt, 1890. Öl auf Leinwand, 100,8x150,5 cm.
Bez. li. u.: Engelhart 1890. Wien Museum, Inv.Nr. 34.315
Der Künstler hält die Freude der Bevölkerung bei diesem alltäglich wiederkehrenden Spektakel gewissermaßen in einer Momentaufnahme fest. Mit raschen Schritten folgt ein buntes Völkchen der Militärmusik. Der Blick von zwei Mädchen zum Betrachter betont den Eindruck des Vorbeiziehens. Engelharts Naturalismus verleiht der Darstellung anekdotische und reportagenhafte Wirksamkeit, so als hätte er die Szene unmittelbar festgehalten. Und tatsächlich ist Engelhart mit seiner Staffelei vor Ort Zeuge dieser beliebten „Remasuri“: „Beim Malen meiner Burgmusik musste ich meine Werkstatt in ein Sodawasserhüttel bei der Elisabethbrücke verlegen und habe von diesem Versteck aus viele der darauf befindlichen Figuren abconterfeit.“ Unter Bürger und Dienstboten mischen sich Kleinkriminelle, so genannte „Strizzis“ oder „Pülcher“. Diese in ihrem Erscheinungsbild sehr genau studierten Figuren sin in den späteren Darstellungen Engelharts immer wieder
Josef Engelhart: Der Pülcher, 1888,
Pastell auf Papier, Wien, Belvedere
zu finden. Sie zählen neben den bekannten Figuren zum Bildpersonal des Künstlers, der großen Wert auf seine persönliche Bekanntschaft mit den Modellen legt: „Bei uns ist es vor allem notwendig, sich mit der Gesellschaft, die man malen will, zu befreunden.“ „Auch die Strizzis auf meinem Bandabild haben mich während der Arbeit köstlich unterhalten.“

Die Figur des Strizzi setzt er in seinem Pastell „Pülcher“ (siehe Abbildung) ein malerisches Denkmal. Mit großer Aufmerksamkeit sind Kleidung und Pose des kleinen Gauners wiedergegeben. Nahezu analytisch erfasst Engelhart die Physiognomie des frierenden Burschen mit hochgeschlagenem Kragen, der lässig an seiner Virginia zieht. In den späteren Porträts „Der Bucklige“ und „Straenbub“ verzichtet er weitgehend auf narrative Elemente, wie sie im „Pülcher“ noch vorhanden sind, um sich stattdessen ganz auf die Charakterstudie zu konzentrieren.
Ein „Sucher und Allesversucher"
der Bildhauer Josef Engelhart
Elke Wikidal
Josef Engelhart widmete sich während seiner Ausbildung an der Wiener und Münchner Akademie und der Studienaufenthalte in Paris der Malerei und als Maler war und blieb er schließlich auch bekannt und geschätzt. Gleichzeitig suchte er schon früh das Experiment in unterschiedlichsten Techniken und Materialien, das ihm künstlerische Aufgabe und Herausforderung wurde und ihn, über die Malerei hinaus, zu anderen Kunstgattungen führte. Bildhauerwerke und kunstgewerbliche Arbeiten sollten ab 1898 sein Schaffen über viele Jahrzehnte begleiten: „Ein Sucher und Allesversucher in allen Stoffen und Manieren [...]"', so kommentierte der Kunstkritiker Ludwig Hevesi 1906 die unaufhörliche Suche nach ständig neuen formalen Lösungen. Engelharts Werk
umspannt einen weiten Bereich, der „[...] eherne Grabfiguren und granitene Säulenbrunnen, und Büsten in allen Marmoren und Bronzen, und holzgeschnitzte Kamine mit Figuren und intarsierte Wandschirme mit Applikationen [,..]" umfasst. Diese so prägende Experimentierfreudigkeit konstatierte auch Hermann Bahr, der wie Hevesi die ersten Ausstellungen der Wiener Secession mit Feuilletons und Essays begleitete. Er charakterisierte Engelhart als einen Künstler, „ganz besessen von einer wahren Wuth, alles zu können, was die anderen können, alles zu wagen, was je versucht worden ist, jede Gefahr zu bestehen, alle Mittel zu beherrschen, sich aller Künste zu bemächtigen. Es ist Einem fast bange um ihn geworden, so vermessen und ungestüm hat er gestrebt."
Josef Engelhart: Gipsmodell für
das Lueger-Denkmal, 1912,
Wen Museum, Inv.Nr. 143.248
auszugsweise aus
Josef Engelhart
Vorstadt und Salon
Heruasgegeben von Erika Oehring
Christian Brandstätter Verlag und Wien Museum
Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at
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