ERSTMALS BÜHNE DER ENTSPANNUNG
Chruschtschow und Kennedy in Wien (1961)
Jackie und John F. Kennedy - © Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Bild: Jackie und John F. Kennedy beim Stephansdom.
Wien war ein Zentrum des Kalten Krieges gewesen, wo es von Agenten zu wimmeln schien. 1961 wurde die Stadt Ort eines Versuchs, den Kalten Krieg zu überwinden. Die USA und die UdSSR befinden sich in einem Rüstungswettlauf mit Atomraketen, die Sowjets wollen die Westalliierten aus Berlin verdrängen. Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita S. Chruschtschow und der eben gewählte US-Präsident John F. Kennedy trafen einander in Wien, um Möglichkeiten der Entspannung zu versuchen. Die für Anfang Juni festgelegten Gespräche verliefen nicht gut: Chruschtschow hielt Kennedy für einen schwachen Neuling. Nach plausiblen Interpretationen entschloss sich Chruschtschow auf Grund dieser Einschätzung im selben Sommer dafür, die Mauer in Berlin bauen zu lassen (um die Massenflucht aus der DDR zu stoppen) und, noch dramatischer, im Oktober 1962 dazu, sowjetische Atomraketen auf Kuba zu stationieren („Kuba-Krise").
Chruschtschow und Kennedy - © Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Bild: Chruschtschow und Kennedy in Wien.
In Österreich hingegen war man zufrieden mit der eigenen Rolle als Gastgeber: ein glänzender Empfang in Schloss Schönbrunn, das katholische Ehepaar Kennedy mit der zur Ikone gewordenen „Jackie" (Jacqueline) bei der Messe im Stephansdom. Kennedy wurde mit einer Begeisterung empfangen wie kein US-Präsident nach ihm. Der joviale, bullige Chruschtschow, der im Jahr zuvor auf einem erfolgreichen Staatsbesuch im Lande gewesen war (und eine Wette mit Leopold Figl um den jeweiligen Maisertrag verloren hatte -Wetteinsatz: ein Schwein), stieß auf vorsichtige Akzeptanz nach dem Motto: „Man soll den russischen Bären nicht in den Schwanz zwicken." Chruschtschows eigene Verwicklung in Stalins monströse Verbrechen war kein Thema.
Text auszugsweise aus
Hans Rauscher | Die Bilder Österreichs
Hans Rauscher versammelt erstmals die Bilder, die jeder mit Österreich assoziiert, die der österreichischen Identität zugrunde liegen. Er zeigt die Fotos, Fernsehbilder, Plakate und Gemälde historischer Ereignisse, die sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben. Er führt uns in ein Museum mit den Bildikonen Österreichs und erzählt eine Geschichte der Emotionen unseres Landes.
mit freundlicher Genehmigung
Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
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www.brandstaetter-verlag.at
Gipfeltreffen 1961
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3. bis 4. 6. 1961

Chruschtschow überreicht Kennedy in Wien ein Memorandum zur Deutschlandpolitik, das sogenannte Berlin-Memorandum. Darin schlägt er die Umwandlung West-Berlins in eine entmilitarisierte und neutrale Stadt vor und fordert den Abschluss eines Friedensvertrages. Das Memorandum wird erst am 11. Juni veröffentlicht.
An diesem Wochenende stand Wien im Blickpunkt des Interesses der ganzen Welt. Der sowjetische Ministerpräsident Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und der amerikanische Präsident John F. Kennedy trafen sich in Wien. Für die Wiener und Wienerinnen ist dieses Gipfeltreffen ein Ereignis ersten Ranges. Besonders stürmisch
begrüßt wurden die Ehefrauen der Politiker Nina Chruschtschowa und Jackie Kennedy.


Ministerpräsident
Chruschtschow
mit der Gattin
von US-Präsident
Kennedy in Wien
Der künftige Status Berlins, das noch von allen vier Siegermächten besetzt war, Atombombenversuche und die Abrüstung standen zur Verhandlung. Annäherung sollte es keine geben. Für den jungen Kennedy, im gleichen Jahr Präsident geworden, war es das erste Zusammentreffen mit dem großen Gegner aus der Sowjetunion.
Für die Wiener war es ein Riesenspaß, die zwei Staatschefs der Supermächte in der Stadt zu haben. Quasi ein Höhepunkt aus unserer Sicht: Die Kennedys besuchten den Gottesdienst im Stephansdom. Das war fast noch besser als das Galadiner im Schloss Schönbrunn, dem einzigen gemeinsamen Auftritt von Chruschtschow und Kennedy
Copyright: Votava
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in Begleitung ihrer Frauen.
Die Straßen waren dicht gesäumt, als der Konvoi mit den Repräsentationslimousinen vorbeizog, begleitet von einem Riesenaufgebot an Polizei und Leibwächtern. Nikita Chruschtschow, 1. Sekretär der KPdSU, war in einem russischen ZIL unterwegs, Bundespräsident Adolf Schärf in einem Mercedes 600, US-Präsident John F. Kennedy wahlweise im Lincoln oder im Cadillac. Gepanzert war übrigens keines der Fahrzeuge.
Während die beiden Männer erst in der amerikanischen, dann in der russischen Botschaft verhandelten, gingen die Damen getrennte Wege. Nina Chruschtschowa ließ
sich vom Wiener Kulturstadtrat Hans Mandl durch die Cézanne-Ausstellung im Belvedere führen, Jackie Kennedy besuchte mit Bundeskanzler Alfons Gorbach die Spanische Hofreitschule. Nahm John F. Kennedy den Lincoln, war Jackie mit dem Cadillac unterwegs.

Der Cadillac Fleetwood 75 war eine Sonderanfertigung.
Von der verlängerten Version wurden insgesamt nur knapp 1000 Stück gebaut. Die amerikanische Botschaft in Wien hat den Wagen eigens für den Staatsbesuch Kennedys angeschafft. Auch in den USA waren Kennedy und seine Frau Jackie bevorzugt mit diesem Sondermodell unterwegs. Nach dem Kennedy-Besuch in Wien blieb der Cadillac mit dem Kennzeichen W 700 noch bis 1967 im Besitz der US-Botschaft und wurde dann an einen Privaten verkauft. Insgesamt viermal wechselte der Wagen noch den Besitzer, jahrelang stand er dann in einer Tiefgarage am Reumannplatz, ehe ihn 1989 der jetzige Besitzer erstand. Der Mann hat mit alten Autos eigentlich nichts am Hut, aber ein Faible für Präsident Kennedy - "die Frauengeschichten nicht inkludiert" sagt er.
(Michael Völker/AUTOMOBIL, 21.12.2001)
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