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| Der Gürtel |
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Breiter, baumbestandener Straßenzug, folgt im allg. dem
Verlauf des ehem. Linienwalls, beginnt im NW des 9. Bez. und
umschließt in einem 1,5-2 km von der Ringstraße entfernten
konzentrischen Bogen alle alten Bezirke mit Ausnahme der
Leopoldstadt; er trennt |
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| deutlich die "inneren" (3.-9. Bez.) von den
"äußeren" Bezirken (10.-19.). Sein westl. Teil wird von den Anlagen
der ehem. Stadtbahn (Gürtellinie, heute U 6) längsgeteilt, das östl.
Ende (zw. 3. und |
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11. Bez.) ist unausgebaut. Der Wiener Westgürtel befindet
sich bekanntlich seit längerer Zeit im Focus der Stadtplanung.
Die Vorschläge der "Gürtelkommission", die in der zweiten Hälfte
der 80er-Jahre plante, wurden jedoch auf Grund finanzieller
Engpässe aber auch auf Grund einer gewissen Skepsis gegenüber
deren Wirksamkeit bis 1995 |
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nicht umgesetzt. Mit dem Beitritt Österreichs zur
Europäischen Union (EU) ergab sich für Wien nun die Chance an der
EU-Gemeinschaftsinitiative URBAN zu partizipieren und damit auch
neue Optionen für den Gürtel zu eröffnen. URBAN soll in Problemzonen
europäischer Städte Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Rasch
kristallisierte sich der Westgürtelbereich als mögliche URBAN-Zone
aus Wiener Sicht heraus. Unter tatkräftiger Unterstützung der
verantwortlichen Politiker wurde ein Interventionsprogramm für diese
Zone erarbeitet, die den Westgürtel und die angrenzenden
gründerzeitlichen Stadtquartiere umfasst. Neben sachlichen
Schwerpunkten, wie Stadterneuerung, Integration und
Wirtschaftsförderung wurde auch ein räumlich abgegrenztes
Schlüsselprojekt für die Mittelzone des Westgürtels namens URBION
(Urban Intervention Gürtel-West) entwickelt.
Die bestehenden Qualitäten, wie die Grünkulisse und die ehemaligen
Stadtbahnbögen erhalten und aufwerten, von der Problemfixierung zur
Chancenverwertung zu kommen und die sich bietenden Potenziale, die
beispielsweise in den Gewölben der ehemaligen Stadtbahnbögen
schlummern, zu erschließen. Vorhandene funktionale Defizite sollen
abgebaut und die Bevölkerung zur Mitarbeit aktiviert werden.
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| "Wiener Blut" |
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Wenn sich die Nacht über die Bundeshauptstadt neigt, legt der
Wiener Gürtel sein Neon-Make-up auf. Rote Laternen beleuchten
Mädchen, die lässig ihr Fleisch zur Schau stellen. Autoscheinwerfer
grapschen nach jungen Körpern, was sie untertags nicht hätten wagen
dürfen.Stretch-bodies, glitzernd und tief dekoltiert. Netzstrümpfe
und Schaftstiefel. Schwarze, blonde und rote Sirenen locken mit
gnadenlosen Brüsten, während die prallsten aller irdischen Hintern
die Optik der Lenker |
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massieren. Viele verlangsamen hier
das Tempo. Manche halten an, um zu verhandeln. Knirschen von
Stöckelschuhen auf Asphalt klingt spröde wie Krokant und erinnert an die
Freuden der Kindheit. Eilig steigt sie zu oder er aus, um im
nahegelegenen Etablissement für ein Stündchen zu verweilen. Draußen
bleibt der Nebel, der weiterhin um das Haus schleicht, als suche er den
Eingang.
In der Bundeshauptstadt ist der Wiener Gürtel das Prunktor zur
Unterwelt. Ein- und Ausgänge gibt es mehrere. Das Gefängnis ist einer
davon. Willi K., 52, ist noch nicht lange heraußen. Zuletzt verbüßte er
eine mehrmonatige Freiheitsstrafe in der Justizanstalt am Mittersteig.
Die Liste seiner Vorstrafen reicht von Nötigung über Körperverletzung
bis schwerer Raub und Mordversuch. Unterm Strich: 16 Jahre. Jetzt
versucht Willi sich als Zuhälter. Täglich chauffiert er sein Mädchen in
die Hack‘n (Ganovensprache für: auf den Strich gehen). Das bringt ihm
viel Geld ohne ernsthaftes Risiko. Arbeiten braucht er auch nicht.
Schau, sagt der Strizzi und ehemalige in Stein ausgebildete Einbrecher,
bei der heutigen Arbeitsmarktlage musst flexibel sein. Und: Als
Spezialist bist ang‘schissen. Willi grinst und fährt mit den Fingern
durchs kurzgeschorene Haar. Ein Mann wie von einem Bildhauer geschaffen:
grob, wuchtig, eckig. Und: tätowiert. Ein menschliches Bilderbuch. Nur
blättern kann man nicht in ihm. Doch Willi ist ein offenes Buch,
Anekdote reiht sich an Anekdote, sein Wissen und sein Witz scheint
unversiegbar. Wie so vieles in Wien ist auch der Gürtel nicht ganz
vollständig, also der Semantik des Namens widersprechend kein
geschlossener Kreis, sondern ein dreizehn Kilometer langer Bogen,
abgeschnitten von der Donau und dem Donaukanal. Der Straßenbogen umfass
die mittleren der 23 Bezirke, in die Wien aufgeteilt ist und entspricht
etwa dem alten Linienwall, der äußeren Verteidigungslinie, der zum
Schutz Wiens gegen die aufständischen Kuruzzen 1704 auf Betreiben Prinz
Eugens errichtet wurde. Der Linienwall wurde erst Ende des 19.
Jahrhunderts abgetragen. Nach Vorbild der Pariser Boulevards und der
Wiener Ringstraße sollte die Gürtelstraße als repräsentative
Prachtstraße mit reichem Baumbestand angelegt werden. Aber durch den Bau
der Stadtbahn nach Plänen von Otto Wagner ist die Straße beträchtlich
verschmälert worden. Über 100.000 Autos frequentieren täglich die ewige
Stauzone, fünfmal so viele wie die Brenner-Autobahn. Für die 70.000
Anrainer bedeutet dies: Schmutz, Gestank und Lärm. Auch sonst bietet der
urbanste Teil von Wien alles, was eine Großstadt ausmacht: große
Bahnhöfe (West- und Südbahnhof), Gemeindebauten aus den 20er Jahren, das
Hernalser Bezirksgericht oder sogenannte Zweier-Land!, die Halbseidene
Welt der Huren und Zuhälter, der Gangsterkönige und ihren rotplüschenen
Puffs; Altwiener Wirtshäuser und Espressi; Strizzis und Lebenskünstler
jeder Art, die die Nacht zum Tag erkoren. Branntweiner und kleine
Geschäfte unter den alten Stadtbahnbögen, kleinbürgerliche
Hinterhofkaschemmen, überbelegte Gastarbeiter- und Asylantenwohnungen,
das Hotel Wimberger, wo sich seit dem vorigen Jahrhundert die Vorstadt
zur Ballsaison einfindet, nicht zu vergessen die alte Straßenbahn-Remise
Michelbeuern am Währinger Gürtel mit dem dort beheimateten gleichnamigen
Boxverein, wo der Wiener Neustädter Fleischhauergeselle Eduard H. seine
ersten Sparringpartner im Ring demolierte, ehe er auf der Straße zum
gegenwärtig unumschränkt herrschenden Unterwelt-König avancierte.Wer den
Wiener Gürtel entlang den Eingang in die Unterwelt sucht, sollte sich im
Weinhaus Sittl und im Weinhaus Wunsch diskret nach kundigen Führern
umsehen. Hier treffen sich alte Prostituierte und Sandler, Heilverkünder
und Amateur-Barden, die ihrer Muse Alkohol dankbar ein Wiener G‘stanzi
grölen. Oder im Cafe Effenberger (Ecke Gablenzgasse), nächtlicher
Treffpunkt der Strizzis und Stoßspieler, im Westend - vis a vis vom
Westbahnhof, einst Wiens berüchtigter Agententreffpunkt, im Cafe
Weidinger oder in den zahlreichen kleineren Espressi, die mittlerweile
nahezu ohne Ausnahme von jugoslawisch- und türkischstämmigen Besitzern
geführt werden. Fündig wird der Forschende spätestens zu den offiziellen
Öffnungszeiten pünktlich ab 21 Uhr in einschlägigen Etablissements
zwischen Westbahnhof und Volksoper und entlang der Felberstraße.In Wien
gibt es mehr als dreitausend hauptberufliche Prostituierte. Auf jede der
850 beim Gesundheitsamt registrierten Lizenznehmerinnen kommen
mindestens zwei Geheimprostituierte. Am Gürtelstrich (Gaudenzdorfer
Gürtel bis Währinger Gürtel inklusive Feiberstraße) lieben und kassieren
in schätzungsweise dreißig Lustfabriken (sowohl Bordelle- als auch Bar-
und Club-Lokale) ungefähr dreihundert Gürtelrosen. Rechnen wir den
Tagesumsatz des einzelnen Mädchens niedrig mit 2.000 Schilling an...,
multipliziert man naiv und schlägt die Zimmermiete auf- am Gürtel
einheitlich 600 Schilling —addiert man schließlich die überwiegend
unversteuerten Einnahmen aus dem Getränkeverkauf, so erzielt das
Sex-Gewerbe bloß entlang der Stadtbahnlinie in Wien einen Monatsumsatz
von mehr als 30 (in Worten: dreißig!) Millionen Schilling. Nach
kurzanhaltenden, schmerzhaften Profiteinbußen Anfang der 80er Jahre
durch die gleichermaßen wundersame wie plötzliche — Heimkehr
aids-panischer und gummifeindlicher Ehemänner zu altbewährter
Hausmannskost, verzeichnete die Gürtel GesmbH in den letzten zwei Jahren
einen anhaltenden Aufwärtstrend und schreibt wieder Gewinne, die Manager
in so manch verstaatlichtem Wirtschaftsbetrieb vor Neid erblassen
ließen.
Auszüge aus dem Buch
"Wiener Blut oder die Ehre der Strizzis" von R. Geher sen. |
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