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Cafe Hawelka
Nußbeugeln
und
Melangen |
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Das schönste Stadtcafé von altem Schrot
und Korn oder, besser gesagt, von frischem Nussbeugel und duftender
Melange ist und bleibt für mich das Café Hawelka in der Dorotheergasse.
Dort, eingebettet zwischen Casanova und einem lieben, alten Wirtshaus,
scheint mir all das erhalten geblieben zu sein, was wir Jungen
eigentlich nur mehr aus Büchern, Zeitungen oder den Erzählungen älterer
Jahrgänge kennen: das Künstler- und Literatencafé…
Im Hawerl, wie wir es kurz nennen, sind wahrhaftig die letzten sechs
Jahrzehnte ohne die geringste Spur vorübergegangen; bis auf die
Espressomaschine ist alles beim alten geblieben. Die tapezierten Wände,
die roten Plüschbänke, die nippfigurenbewachten Spiegel, die
Marmortischerln, ja sogar ein bedeutender Teil der Gäste paßten eher in
die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als in unsere gehetzte, mond- und
raketennarrische.
Hier im Hawelka begrüßt der Chef des Hauses seine Stammkunden noch mit
Handschlag, herrscht der Ober, Herr Fritz, souverän wie ein britischer
Oberst, über sein Revier, schwirren auf vernickelten Tabletts die
Wassergläser wie kristallene Vögel durch den bleiblauen Zigarettenrauch,
werden lautlos erbitterte Schachpartien ausgefochten, Kritiken, wenn
nicht anders, so auf Briefpapier verfaßt, der Graphiker Moldovan,
elegant wie immer, begrüßt mit der gleichen Liebenswürdigkeit hübsche
und weniger hübsche Mädchen, Ernst Fuchs, der Dürer der modernen
Malerei, bestellt prophetenbärtig sein „Ei im Glas“ und spricht
wohlgesetzte Worte aus Goldplättchen und schimmerndem Firnis, junge
Schauspieler und –rinnen spielen bis zur Zweiuhrsperre Canasta, weil sie
kein Tarock beherrschen, Dichter, Maler, Bildhauer und Musiker bilden
manchmal wahre Bienenschwärme um einen einzigen Tisch, der geplagte Ober
kann kaum durch den Sesselwald, und die Luft ist erfüllt von den
Wohllauten philosophischer Kampfrufe, wie vom Duft der Austria 3, der in
zahllosen Rauchringen nach dem Struckhimmel entschwebt. |
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| Linkes Bild: Artmann, Bayer und Rühm im Cafe Hawelka, 1958 |
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Wenn man das Café Hawelka betritt, muß
man an der frequentiertesten Telephonzelle Wiens vorüber. Sie ist fast
immer besetzt, läutet ansonst fortwährend, und Herr und Frau Hawelka
haben nicht wenig Mühe mit dem vielen Abheben und „Herr Sowieso wird
verlangt“-Rufen. Neben dem Telephon hängen Plakate fast aller
Kunstvernissagen und Jazzkonzerte, teils gedruckt, teils handgemalt, und
man wird immer am laufenden gehalten.
Ich glaube überhaupt, daß, wenn wir den Hawelka nicht hätten, vieles
ungetan, ungesprochen bleiben oder von Grund aus gar nicht erdacht
werden würde. Man braucht sein Zentrum, und das ist eben für uns wie für
unsre Vorfahren das Kaffeehaus, das, obgleich oft totgesagt, wie eh und
je floriert. Ja, was wurde nicht schon alles über das aussterbende
Wiener Café geredet und geschrieben. Das Espresso hätte ihm das
„Gasgeld“ gegeben, hieß es anfangs, und so dachten wir wohl auch alle.
Jetzt ist’s aus, die Leut’ wollen eben das Fortschrittliche, das
Moderne, mia san jo net hintan Mond! Und ehrlich zugegeben: Hatten wir
nicht schon wirklich ein wenig genug vom ungelüfteten Plüsch der
Vergangenheit, von den losen Stahlspiralen der zersessenen Sitzbänke,
die immer im ungeeigneten Moment eine gewisse Stelle unserer Beinkleider
durchbohrten? Sicher waren wir alle ein wenig kaffeehausmüde und
begrüßten die erste Espressi à la italiano wie die Morgenröte einer
schöneren, besseren Welt …
Das war so um 1950. Und heute? Heute im 275. Jubiläumsjahr, trauern wir
dafür schon wieder um so manches liebe alte Tschocherl, das inzwischen
auf immer verschwunden ist. Aber haben wir denn auch wirklich Grund zu
trauern? Sind sie wirklich auch alle verschwunden und durch mondäne
Chromnickelglasneonveranden ersetzt worden, darin man stehenden Fußes
und gehetzt seinen Maschinenmokka halbfliegend ausbuxt, um
weiterzueilen?
Es wäre nicht Wien, wenn nicht aus dem, was noch kein Kaffeehaus ist,
eines würde! Die Lebenskraft unseres alten Wiener Kaffeehauses war zu
stark. Fast alle Espressi, von der inneren Stadt heraus bis in die
Peripherie, was sind sie denn, als etwas modernisierte „Cafés“ und
urgemütliche Tschocherln, in denen man bei einem kleinen Braunen
stundenlang plaudert, tarockiert oder preferanct, um den Ober oder die
Serviererin höflich mit Herr Josef oder Fräulein Ria tituliert, in denen
man sich genau so benimmt, und genau so genommen wird, wie seinerzeit im
guten alten Café. Von Gehetzt- oder Gespreiztheit also keine Spur. Und
das, sage ich mir, ist im Jahre 275 nach der Erfindung des seligen
Kolschitzky ein recht respektables Zeichen der Zeit. Das Café ist tot,
es lebe das Café! Ich gehe jetzt, nachdem ich das niedergeschrieben
habe, um die Ecke ins „Breitensee“ und trinke einen Schwarzen mit
Slibowitz! |
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| aus: |
"Im Schatten der Burenwurst" |
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H. C. Artmann; Zeichnungen: Ironimus |
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Residenz Verlag
ISBN 3-7017-1360-X |
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