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| Historismus |
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| Die Bibliothek im Palais Dumba.
Aquarell v. R. Alt. 1877 |
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| Dieses Phänomen der Kulturgeschichte ist in
Wahrheit um mindestens hundert Jahre älter, als man nach
landläufigen stilkundlichen Begriffen annimmt. Auch wesentlich
vielfältiger, reich an Varianten, Mischformen und deutlich
ablesbaren Entwicklungsphasen. Das erste historische Werk auf
Wiener Boden sind die Regotisierungen in der Augustinerkirche
(1784/85) durch Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, einen
Architekten, der im Verlauf seines Schaffens einen Wandel der
Epochen erlebte, ähnlich wie nach ihm Otto Wagner. Solche
Hinwendung zur Kunst der Vergangenheit findet bald darauf ihren
markanten Ausdruck im Umland der Hauptstadt. Die Franzensburg
der kaiserlichen Sommerresidenz Laxenburg bietet das
Erscheinungsbild einer mit Originalteilen versetzten frühen
Neogotik, der man bisweilen den Terminus „Laxenburger Gotik“
zuerkennt. Die Sinngebung dieses Baus, als
familiengeschichtlicher Schrein des Hauses Habsburg, ohne
Wohnfunktion, weist bereits prototypisch auf die
Idealvorstellung vom „Denkmalschloss“ des späteren Romantischen
Historismus hin. Impulse dazu gingen aber bereits um die Mitte
des 18.Jahrhunderts von England aus, wo Horace Walpole mit dem
Landsitz Strawberry Hill (1751) ein gesamteuropäisch bedeutendes
bauliches Inkunabel des Historismus schuf. Den geistigen
Hintergrund bilden, in Abkehr vom Rationalen, neue Religiosität
und der Traum von ritterlicher Art. Deshalb wirkt sich das
Bestreben, den „gothischen Styl“ wieder zu beleben, vorwiegend
im Kirchenbau aus, beeinflusst aber auch die Villenarchitektur
des ausklingenden Biedermeier, die sich nicht selten mit
historischen Elementen wie Spitzbogenfenstern, Maßwerk und
Zinnenkränzen schmückt. Bald tritt in der Sakralarchitektur
zudem der romantische Basilikatypus in seine Rechte, während die
ärarische Bautätigkeit normannische, ja sogar maurische Formen
und das lombardische Kastell wiederentdeckt. Wichtige Wiener
Beispiele dafür sind die Roßauer Kaserne und das
Heeresgeschichtliche Museum im Komplex des Arsenals (?1849).
Somit wird der Historismus in den Dienst der Staatsidee der
francisco-josephinischen Epoche gestellt, bestimmt den
monumentalen Duktus der Ringstraße. Was Kritikerabfällig als „Stilmischmasch“
beurteilten, erklärt sich aus der Überlegung, im Simm
überregional geschichtlichen Denkens für die einzelnen Bauten je
nach ihren Funktionen Vorbilder aus den Epochen ihrer höchsten
Entfaltung heranzuziehen. Darum zeigt sich das Rathaus in den
Formen deutscher und niederländischer Bürgergotik, das Parlament
antikisierend; die Votivkriche manifestiert französische
Kathedralengotik, die Hofmuseen folgen dem Kanon der
Palastarchitektur der palladianischen Hochrenaissance. Dennoch
ist dem Historismus ein ganz unverwechselbarer Charakter eigen;
er gehört ganz dem 19.Jahrhundert an, von der Fassadengestaltung
bis zu Details der meist prunkvollen Einrichtung, die den
Dekorationskünstlern und den erstrangigen Meistern des Wiener
Kunsthandwerks der damaligen Zeit ein reiches Betätigungsfeld
öffnet. Im gesamten Stadtbild hinterlässt dieses Baugeschehen
mehrerer Jahrzehnte sein bis heute lebendiges Erbe. Um 1910
erlebt der Historismus, durch neue Erfahrungen bereichert, eine
zweite kurze, nach-secessionistische Blütezeit, in der er vor
allem auf Biedermeierliches und Theresianisches zurückgreift.
Wohl nicht von ungefähr in den Jahren, da der „Rosenkavalier“
entsteht. |
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| Text auszugsweise aus |
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| Stadtchronik Wien |
Dr. Christian Brandstätter, Dr. Günter
Treffer
2000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern
Von den Anfängen bis zur Gegenwart |
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mit freundlicher Genehmigung |
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| Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H. |
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| www.brandstaetter-verlag.at |
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