Hofburg, Spiegelssaal im Leopoldinischen Trakt,
Gemächer Maria Theresias und Franz I., heute Festsaal
für offizielle Empfänge, 1668-1681
Die Hofburg war ursprünglich tatsächlich eine
mittelalterliche Burg, an die heute nur noch die Burgkapelle erinnert.
Mit der Zunahme der Macht der Habsburger und der Vergrößerung ihres
Herrschafts- gebietes wurde sie zur prachtvollen Residenz ausgebaut.
Somit sind archetektonisch so gut wie alle Stilrichtungen von der Gotik
bis zum Jugendstil vertreten. Von der mittelalterlichen, unter
Böhmenkönig Ottokar II. begonnenen Burg ist heute nur die gotische Apsis
der Burgkapelle erhalten.
Im 16. Jh.
entstanden die Stallburg (heute die Stallungen der Lipizzaner der
Spanischen Reitschule) und der Amalientrakt (Apartments der Kaiserin Elisabeth als Teil
der Schauräume zugänglich); im 17. Jh. der Leopoldinische Trakt (seit
1947 Amtsräume des Bundespräsidenten); im 18. Jh. der Reichskanzleitrakt
(nach den Entwürfen der großen Barockbaumeister Lukas von
Hildebrandt undJoseph Emanuel Fischer von Erlach; heute Schauräume
mit Kaiser-Apartments sowie Hofsilber- und Tafelkammer), die
Hofbibliothek (heute Nationalbibliothek) und die Winterreitschule
(Vorführungen der Spanischen Reitschule). Im 19. Jh. folgten - zum
Teil auf dem Areal des abgerissenen alten Burgtheaters - der
Michaelertrakt (nach einem veränderten Entwurf Fischer von Erlachs)und um die Wende zum 20. Jh. die
Neue Burg (heute Dependancen des Kunsthistorischen Museums und der
Nationalbibliothek).
Gegenüber der Ringstraße wird der
Heldenplatz nur vom Äußeren Burgtor (1821-24 errichtet) begrenzt und
läuft auf einer Seite in den Volksgarten aus. In der Hofburg befinden
sich heute der Amtssitz des Bundespräsidenten, ein bedeutendes
Kongresszentrum, die Auftrittsorte der Wiener Sängerknaben und der
Lipizzaner der Spanischen Reitschule sowie öffentlich zugängliche
Sammlungen und Schauräume: die Silberkammer und die Kaiserappartements.
In der Neuen Burg, dem jüngsten und monumentalsten Bauteil der Hofburg
(1881 bis 1913), befinden sich das Museum für Völkerkunde und
Dependancen des Kunsthistorischen Museums: Ephesosmuseum mit Kunstwerken
aus dem antiken Kleinasien, die Hofjagd- und Rüstkammer (zweitgrößte der
Welt) und die Sammlung alter Musikinstrumente.
Das neue äußere Burgtor
18.Oktober. An einem Jahrestag der
„Völkerschlacht“ bei Leipzig wird das neue Äußere Burgtor eröffnet. Es
wurde von dem Schweizer Architekten Peter Nobile vollendet, der seit
1818 in Wien wirkt. Von ihm stammt auch der Theseustempel im Volksgarten
(?1823). Das Tor schließt den neugestalteten äußeren Burgplatz (heute
Heldenplatz) ab. Mit dem Motto „Iustitia regnorum fundamentum“ versehen,
ist es mit fünf Durchfahrten ausgestattet, die bewusst gleichgestaltet
worden sind: „Die äußersten Thore, nur von dem Fußvolk betreten, führen
gleich dem mittleren zum nämlichen Ziele“, heißt es in einer
zeitgenössischen Flugschrift zum Burgtor. Ein Vierteljahrhundert noch
markiert das Äußere Burgtor die Stadtgrenze.
Burgkapelle
Unter Kaiser Friedrich III. wurde die Burgkapelle von 1447 bis 1449
in gotischem Stil erbaut, später aber barock verändert.
An Sonntagen und kirchlichen Feiertagen finden hier Messen statt, zu
denen die Hofmusikkapelle - bestehend aus einem Chor der Wiener
Sängerknaben sowie Mitgliedern des Staatsopernchores und -orchesters -
Werke alter und neuer Meister aufführt.
Leopoldinischer Trakt
Die Geschichte
Bild: Hofburg, Leopoldinischer Trakt
Als Leopold I. im Jahr 1657 die Regentschaft der
habsburgischen Länder antrat, wurde die Initiative ergriffen, an die
Hofburg einen weiteren geräumigen und repräsentativen Trankt anzubauen,
der die Alte Burg mit dem Amalientrakt verbinden sollte. 1660 lagen die
Pläne der Baumeister Burnacini und Lucchese vor und sechs Jahre später
war der Bau fertig gestellt. Der erste Aufenthalt des Kaisers in diesen
Räumen war allerdings nur von kurzer Dauer, denn im Jahr 1668 brannte
der Palast bis auf die Mauern nieder – ein Ereignis, das übrigens zum
Anlass genommen wurde, die Juden der Brandstiftung zu verdächtigen und
sie wieder einmal aus Wien zu verbannen.
Unverzüglich wurde die Restaurierung in Angriff genommen, binnen zwei
Jahren konnte die kaiserliche Familie wieder einziehen und 1681 wurden
die Arbeiten dann endgültig abgeschlossen. Gleichzeitig wurden die nahe
liegenden Befestigungen an der Bastei zur heutigen Ringstraße verstärkt.
Zwei Generationen später wählte Maria Theresia den leopoldinischen
Flügel zu ihrem Stadtwohnsitz und ließ ihn dafür gründlich adaptieren.
In der Beletage wurden die Fenster vergrößert, Stiegenhäuser wurden
erweitert und auf dem heutigen Heldenplatz eine Rampe bis in das zweite
Wohngeschoß angebaut, die für den Wagen der Monarchin eine
unbeschwerliche Vorfahrt ermöglichte. Am oberen Ende dieser kleinen
gekurvten Straße wurde ein Eingangsbau an das Haus angefügt, die
„Bellaria“, nach der noch heute der gegenüberliegende Teil der
Ringstraße mit seinen Bauten benannt ist.
Das Innere des großzügig mit zwei parallelen Zimmertrakten angelegten
Leopoldinischen Trakts wurde prächtig ausgestattet, vor allem die
geradezu unendlich anmutenden Raumperspektiven und die riesigen
Keramiköfen fallen auch heute noch sofort ins Auge. Was der Besucher
nicht sieht, ist der teilweise noch immer zwischen den beiden
Zimmerfluchten verlaufende Heizgang, durch den pro Heizperiode tausende
Kubikmeter Hartholzscheiter gebracht werden mussten. Die bei der
damaligen Renovierung gewählten Bezeichnungen der Räume des
maria-theresianischen Appartements sind übrigens noch bis heute in
Gebrauch.
Nach Maria Theresia bewohnte ihr Sohn Joseph II. die Räume, dann dienten
sie mehr als 40 Jahre anderen Zwecken, bis 1835 wieder ein Kaiser,
nämlich Ferdinand, dort seine Wohnung nahm. Kaiser Franz Joseph und der
letzte Habsburgermonarch Karl wohnten nicht mehr im Leopoldinischen
Trakt. In dieser Zeit, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach der
Schleifung des an die Hofburg anschließenden Walls, der Löwelbastei und
des Paradeisgartels wurde schließlich als letzte tief greifende Änderung
der Bausubstanz der heutige Eingangsbau am Ballhausplatz angefügt.
Eine letzte substantielle innere Umgestaltung erfolgte 1946, als der
Leopoldinische Trakt der Hofburg die Präsidentschaftskanzlei, den
Amtssitz des österreichischen Bundespräsidenten, aufnahm, der zuvor im
Gebäude des heutigen Bundeskanzleramtes amtiert hatte.
Das Haus
Bild: Pietra-Dura-Zimmer
Heute betritt man die Präsidentschaftskanzlei – und
damit den im zweiten Stock liegenden Kern des Leopoldinischen Traktes
der Hofburg – vom Ballhausplatz aus über die Adlerstiege, die uns, oben
angelangt, zunächst in einen Vorraum, das Erste Bellariazimmer, führt.
Die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Bilder in diesem Raum zeigen
Erzherzog Ferdinand II. von Tirol und die Gattin des ersten Bauherrn,
Margareta Theresia von Spanien. Mit diesem Salon beginnt eine lange
Zimmerflucht, die an sich sogar über die Präsidentschaftskanzlei hinaus
in den Zeremoniensaal und den großen Ballsaal der Neuen Burg führt.
Das Zweite Bellariazimmer zeigt Pastellbilder des Schweizer Malers Jean
Etienne Liotard, darunter ein wichtiges privates Porträt Maria Theresias
in einem schlichten Alltagskleid, und ein Bild ihres Ehemannes Kaiser
Franz I. Zwei Schränke stammen aus der Zeit der Originalausstattung.
Nun folgt das Rosenzimmer mit der „kaiserlichen Vorstellungsuhr“, ein
Geschenk ihres Schwagers an Maria Theresia zum zehnjährigen
Thronjubiläum. Die Uhr ist eine der bedeutendsten Prunkuhren der
Barockzeit, 50 kg Silber wurden verarbeitet, um der szenischen
„Vorstellung“ – einer vom Uhrwerk bewegten Huldigungsprozession an das
Kaiserpaar – den adäquaten Rahmen zu geben. An der allegorischen Szene
ist besonders bemerkenswert, dass der kurzfristig erscheinende düstere
Dämon angeblich (und durchaus nachvollziehbar) die Züge des
Preußenkönigs Friedrich II. trägt, den Maria Theresia als ihren
gefährlichsten politischen Gegner betrachten musste. Die Rechnung des
Darmstädter Uhrmachers Knaus soll übrigens auf 80.000 Gulden gelautet
haben.
Das sehr verspielt wirkende Pietra-Dura-Zimmer beeindruckt durch eine
Unzahl von kleinen Bildern aus farbigen Halbedelsteinen, einer in
Florenz entwickelten Kunstgattung des Barock, die hier ihre
wahrscheinlich weltweit größte geschlossene Sammlung findet. Die Bilder
wurden zwischen 1737 und 1767 von Florentiner Künstlern im Auftrag von
Kaiser Franz hergestellt, der ja auch Großherzog der Toskana war, sie
wurden aber erst 1841 im Leopoldinischen Trankt angebracht. Einige
Herrscherporträts, Möbel mit Steinintarsien im Stil der Bilder, eine Uhr
aus dem Jahr 1700 und ein prächtiger Keramikofen vervollständigen das
Interieur des Raumes.
Nun erreicht man den Spiegelsaal, der offenbar von Anfang an für
Repräsentationszwecke ausgestattet worden war, und von dem aus man das
daneben liegende Miniaturenkabinett, den kleinen Arbeitsraum Maria
Theresias erreicht. Die Bildchen stellen zu einem großen Teil Mitglieder
des habsburgischen Herrscherhauses dar – bis hin zum Herzog von
Reichstadt, dem Sohn Napoleons mit Erzherzogin Marie Louise.
Im Anschluss betritt man das ehemalige Schlafzimmer Maria Theresias, in
dem sie 1780 auch verstarb. Die ursprüngliche Einrichtung ist auf dem
Bild an der Stirnwand des Raumes erkennbar, die dunkelrote Farbe der
Wandbespannungen wurde bewahrt. Im Übrigen wurde der Raum für seine
heutige Funktion als repräsentativster Amtsraum der
Präsidentschaftskanzlei eingerichtet; hier finden die Angelobungen der
obersten Staatsorgane statt, hier werden Beglaubigungsschreiben
überreicht und Staatsbesuche empfangen. In der Innenausstattung fallen
zwei große Porträts des Kaiserpaars Franz I. und Maria Theresia auf,
weiters ihr Schreibtisch und eine astronomische Standuhr aus dem 17.
Jahrhundert, hergestellt aus wertvollsten Materialien, technisch ein
Wunderwerk ihrer Zeit – und mit einem spiegelverkehrten Ziffernblatt,
dessen Anordnung seinen Grund darin hat, dass die Monarchin die Zeit auf
diese Weise bequem vom Bett aus im Spiegel ablesen konnte. Ursprünglich
war in eine offene Wandnische ein Hausaltar eingebaut, der später aber
mit der Wandverkleidung zugeschalt und erst 1957 wieder entdeckt wurde;
er ist heute durch eine Öffnung in der Wandverkleidung zu sehen.
Die anschließenden Räume – beginnend mit dem Jagdzimmer – sind noch
immer stilgerecht ausgestattet und werden für Verwaltungszwecke genutzt.
Die Zimmer der gegenüberliegenden Flucht, die zum Heldenplatz blickt,
dienten Kaiser Joseph II. als Wohnung. Sie sind mit Brüsseler
Tapisserien ausgeschmückt, nach deren Farbe die Räume benannt werden.
Auf das Blaue Schlafzimmer des Kaisers folgt der Grüne Salon, heute das
Arbeitszimmer des Bundespräsidenten, das von großen Gemälden des
Hofmalers Greipel aus dem 18. Jahrhundert dominiert wird. Wahrscheinlich
stellen die Szenen eine im Rahmen der zweiten Hochzeit Josephs
stattgefundenen Aufführung der Gluck-Oper „il parnasso confuso“ dar, an
der auch einige – in den Bildern offensichtlich porträtierte – junge
Erzherzoginnen und Erzherzöge mitwirkten.
Am westlichen Ende schließt die über zwei Stockwerke reichende
Josephskapelle die Außenflucht des Leopoldinischen Traktes ab. Mit dem
kaiserlichen Wohnbereich ist sie durch einen Gebetsraum direkt
verbunden, insgesamt ist sie so in die Bausubstanz eingefügt, dass man
ihre Lage vom Heldenplatz aus nur an den etwas größeren Fenstern
erkennen kann. Sie geht auf das Jahr 1772 zurück, weist aber nicht mehr
die ursprüngliche Ausstattung auf; das Altarbild stammt aus dem 19.
Jahrhundert.
Das Stockwerk oberhalb der Prunkräume ist weitaus schlichter
ausgestattet, lässt aber dennoch die ursprüngliche Ausstattung immer
noch gut erkennen. Diese Barockzimmer zählen wohl zu den schönsten
Büroräumen der österreichischen Verwaltung; hier befindet sich auch ein
Bereich, den der Bundespräsident für Empfänge und Gespräche in
privaterem Ambiente nutzen kann. Das letzte Obergeschoß ist ebenso
schlicht wie das Hochparterre und beherbergt heute diverse
Verwaltungsstellen der Präsidentschaftskanzlei.
Für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind die riesigen Kellergewölbe
unterhalb des Leopoldinischen Traktes. Im ersten Hauptkeller werden
heute eine Unzahl von Gipsmodellen der Dachfiguren, Atlanten, Reliefs
und Architekturelemente der Ringstraßenbauten aufbewahrt, die hier mehr
als ein Jahrhundert im besten Zustand überdauert haben. Wenn man genug
Phantasie und Muße aufbringt, kann man auch den ehemaligen
Wirtschaftsräumen, einer Großküche, Vorratslagern, einem Weinkeller mit
einem riesigen gemauerten Fass sowie einer Vielzahl von Treppen und
Durchgängen nachspüren, von denen sich teilweise nur mehr Bestandsreste
finden. Weitere Kellergeschoße wurden als Archivspeicher adaptiert und
wurden bzw. werden vom Österreichischen Staatsarchiv und der
Österreichischen Nationalbibliothek genutzt.
Manfred Matzka
Vieler Herren Häuser
20 Wiener Palais
Christian Brandstätter Verlag
Manfred Matzka ist ein intimer Kenner
österreichischer Regierungspalais: Gut lesbar auch für den
kunsthistorischen Laien, macht er mit diesem Buch die stummen Zeugen der
Geschichte unseres Landes lebendig und Bürgerinnen und Bürgern
zugänglich, denen sie eigentlich gehören.
Die Republik Österreich hat aufgrund der großen historischen
Vergangenheit der Haupt- und Residenzstadt Wien eine große Zahl
architektonisch wertvoller Schlösser und Palais mit neuem Leben erfüllt,
in bestem Zustand erhalten und den staatlichen Institutionen als Sitz
zur Verfügung gestellt. Bisher gab es keine vollständige und
repräsentative Darstellung dieser Gebäude.
Dieser Bildband präsentiert 20 der schönsten Profanbauten Wiens mit
zahlreichen, zu einem großen Teil bisher noch nicht veröffentlichten
Fotografien. Jedem Objekt sind eine Darstellung der Baugeschichte und
der Geschichte der „Herren“ dieser Häuser sowie eine Beschreibung eines
Rundgangs durch die Räumlichkeiten gewidmet. Die Illustrationen geben
einen Einblick auch in Bereiche, die der Öffentlichkeit sonst nicht
zugänglich sind und damit einen Überblick über Architekturdenkmäler
Wiens von der Gotik und dem frühen Barock bis zum Ringstraßen- und
Jugendstil.
Neben den bekannten und prominenten Bauten wie etwa der Staatskanzlei am
Ballhausplatz, dem Winterpalais des Prinzen Eugen, den Palais Modena,
Starhemberg und Trautson, dem Parlament und der Hofburg finden sich hier
auch weniger bekannte Gebäude wie das Palais Porcia, das Schloss Laudon
und viele mehr.
Der Autor
Manfred Matzka, 1950 in Niederösterreich
geboren, Jurist, ist derzeit Präsidialchef des Bundeskanzleramtes in
Wien. Zahlreiche Publikationen, darunter juristische Fachbücher, ein
zeitgeschichtliches Buch über Sozialdemokratie und Verfassung und ein
höchst informativer Reiseführer über Istrien (Verlag Christian
Brandstätter, 2002).
Manfred Matzka; Vieler Herren
Häuser
20 Wiener Palais
Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen,
Unternehmen und öffentliche Stellen