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Vormärz
Delogierung einer Handwerkerfamilie - © Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Delogierung einer Handwerkerfamilie. Gemälde v. A. Schön
Vormärz nennt man die Zeit zwischen dem Wiener Kongreß und dem Ausbruch der Revolution im März 1848. Es ist eine Periode äußeren Friedens und innerer Unterdrückung. Das Manufakturzeitalter geht zu Ende, die Industrialisierung bricht sich, trotz staatlicher Bremsmanöver, Bahn. Die konservative Regierungsform unter Franz I., unterstützt von seinem Kanzler Metternich, versucht um jeden Preis, die alte Ordnung aufrechtzuerhalten. Zu Recht erblickt das ancien régime in der neuen Entwicklung das Gespenst der Revolution. So können die neuen Ideen mit Gewalt unterdrückt werden, aber hinter dem Rücken der "Polizey" setzt sich die industrielle Entwicklung durch. Ein wohlhabendes Bürgertum entsteht, das zwar politisch entmündigt, aber kulturell tonangebend wird, und im Gefolge die Arbeiterschaft - beunruhigende Vorboten einer neuen Zeit. Die Stadt, vor allem aber die Vorstädte verzeichnen einen sprunghaften Bevölkerungsanstieg. Wohnungsnot und Spekulantentum, Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Teuerung sind die Begleiterscheinungen des heraufziehenden Industriezeitalters, denen Staat und Gemeinde hilflos und zögernd gegenüberstehen. Die Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden verlieren vielfach ihre Selbständigkeit und gesicherte Existenz und sinken zu schlechtbezahlten Arbeitern herab. Zünfte und Innungen verlieren ihre historische Funktionen. Die fast unmenschlich harten Arbeitsbedingungen in den Fabriken - 14-Stunden-Tag; Verlust der Sonntagsruhe; Entlohnung am Rande des Existenzminimums; Kinderarbeit - und die vollkommen rechtlose Lage der Betroffenen häufen den sozialen Sprengstoff an.

So steht der Vormärz im Zeichen mühsam unterdrückter Konflikte, die 1848 explosiv zum Ausbruch kommen.
Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung
Bettelnde Kinder - © Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Bettelnde Kinder am Glacis. Gemälde v. J. M. Ranftl. 1852
Im vormärzlichen Wien kommt es mit der Gründung namhafter Firmen, die hochqualifizierte Erzeugnisse herstellen, mit der Ausdehnung traditioneller Wirtschaftszweige wie der Seidenindustrie und dem Entstehen neuer Produktionsbereiche zu einem beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Wien erhält zum ersten Mal in der Geschichte eine exportfähige Industrie. Allerdings vollzieht sich der industrielle Wandel später als in anderen Ländern. Die Gründe dafür liegen in der hemmenden Auswirkung des Fabriksansiedlungsverbots zu Beginn des Jahrhunderts, aber auch in Folgen der langen Kriegszeiten und der damit verbundenen Inflation und Kapitalknappheit. Nach dem Wiener Kongress sitzt vor allem mit der Aufhebung der von Napoleon über England verhängten Kontinentalsperre ein wirtschaftlicher Rückschlag ein, der bis in die zwanziger Jahre anhält. Die englische Konkurrenz und ein beschränkter Binnenmarkt beeinträchtigen die Absatzchancen der meisten Betriebe. Mit der Überwindung der wirtschaftlichen Depression und dem sprunghaft ansteigenden Einsatz der Dampfmaschinen sowie dem Ausbau des Eisenbahnnetzes gelingt zwischen 1830 und 1840 der Übergang vom Manufakturwesen zur frühgründerzeitlichen Industrie. Bereits 1841 erreicht die Wiener Wirtschaft eine beachtliche Kapazität und stellt ein Achtel der Industrieproduktion aller Länder Österreichs (ohne Ungarn). Trotz des konjunkturellen Aufschwungs bleibt jedoch die Rückständigkeit gegenüber Westeuropa, aber zusehends auch gegenüber den Teilstaaten des Deutschen Bundes aufrecht. Eine neuerliche Wirtschaftskrise Ende der vierziger Jahre drängt Bürger und Arbeiter zum Handeln.
Die Zensur
Die Zensur - © Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Karikatur über das Verhältnis von Schriftsteller und Zensur. 14. mMärz 1848
Der Pflege und Entwicklung einer öffentlichen Meinungsbildung sind im Vormärz enge Grenzen gesteckt. Polizei und Zensur werden auf eine neue Grundlage gestellt, um alle das System gefährdenden Ideen im Keim ersticken zu können. Josef Graf Sedlnitzky, als Leiter der Polizei- und Zensurhofstelle von 1815 bis 1848 fast so lange im Amt wie Metternich, wird wie dieser zum personifizierten Symbol der „Maulkorb-Ära“. Die österreichische Zensur ist die denkbar umfassendste ihrer Zeit. Sie bezieht nicht nur Gesprochenes und schriftliche Texte (selbst Geschäftsschilder, Ankündigungen und Grabsteine!) ein, sondern auch bildliche Darstellungen, Druckgrafiken wie Buchillustrationen, Landkarten usw. benötigen vor der Veröffentlichung die Bewilligung der Zensur. Literarische Werke, Bühnendichtungen müssen Einstellungen und Verzerrungen hinnehmen, die oft die seltsamsten Blüten treiben und den Spott der Öffentlichkeit herausfordern. Um der Zensur auszuweichen, publizieren immer mehr Autoren ihre Werke außerhalb Österreichs. Diese Exilliteratur (?1831, 1848) gewinnt mit steigendem Unmut der Bürger zunehmend an Bedeutung und findet trotz – und wegen – auch der strengsten Verbote große Verbreitung. Alle Versuche, Erleichterungen der Zensur durchzusetzen, scheitern. So wird die Forderung nach Meinungs- und Pressefreiheit zu einem Hauptprogrammpunkt der Revolution.
Text auszugsweise aus
Stadtchronik Wien
Dr. Christian Brandstätter, Dr. Günter Treffer
2000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern
Von den Anfängen bis zur Gegenwart
mit freundlicher Genehmigung
Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at
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