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| Mahnmal gegen Krieg und
Faschismus |
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Bild: Alfred Hrdlicka
Mahnmal gegen Krieg und Faschismus
(Detail: Der straßenwaschende Jude)
1988/91, Albertinaplatz
© Verlag Christian Brandstätter |
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| Mahnmal und Manier |
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Gut ist das Gegenteil von gut gemeint.
Dieser alte Merksatz hat sich speziell in der Kunstkritik oftmals
bewährt, und wenn im Folgenden an Alfred Hrdlickas „Mahnmal gegen Krieg
und Faschismus“ die Messlatte des Ästhetischen angelegt und ihm mit
Fragen nach seiner Gelungenheit begegnet wird, sei gleich vorab
formuliert, dass es in Absicht, Programmatik und Ausführung sicherlich
sehr gut gemeint war.
Die Qualität eines Mahnmals liegt in der Diskussion, die ihm vorausging.
Diese Einsicht stammt von Jochen Gerz, dem renommierten Planer von
solchen Gedächtnisorten, wie auch Hrdlickas Setzung einer sein will.
Gerz’ Kriterium zu Grunde gelegt, ist das Mahnmal am Albertinaplatz von
denkbar hoher Qualität.
Der Wiener Gemeinderat hatte im September 1983 ohne vorherigen
Wettbewerb, aber einstimmig, den Auftrag erteilt. Langsam tröpfelten
Einwände, die sich speziell nach der Wahl Kurt Waldheims zum
Bundespräsidenten und der folgenden Unausweichlichkeit, sich mit der
eigenen Nazi-Vergangenheit ins Benehmen zu setzen, in eine heftig
geführte Kampagne ergossen. Sie endete erst mit der an zwei Terminen im
November 1988 und im Juni 1991 vollzogenen Inauguration.
„Wie kann man einen Platz derart verhunzen, der von unseren Vorfahren in
solcher Harmonie geschaffen wurde“, entrüstete sich etwa ein Leserbrief;
der Ort des Mahnmals allerdings war der ehemalige Philipphof, mit 200
Toten prominentes Opfer des Bombenkriegs, von dem nichts als eine
Baulücke geblieben war. „Sind die sauer verdienten Steuermillionen nur
dazu da, um mit unbehauenen Marmorblöcken aus Carrara die Gegend zu
verschandeln. Unser Mauthausener Granit tut es wohl nicht?“: Der
Vorschlag, statt Stein aus Italien doch solchen zu nehmen, der aus der
Gegend von Österreichs größtem Konzentrationslager stammt, steht in
seiner Unverfrorenheit oder vollkommenen Ignoranz für viele. Man musste
die Komposition nicht betrachten, um sein Anliegen angesichts solcher
Statements zu befürworten.
Was aber, wenn man es betrachtet? Dann gewahrt man ein Arrangement aus
vier in Reihe postierten Teilen. Es beginnt mit einem Tor, dessen
Pfosten sich als grob behauene Marmorblöcke auf granitenen Sockeln
aufbauen. Hrdlicka (*1928), Realist aus sozialistischer Überzeugung, hat
in diese Reliefs seine ganze pazifistische Botschaft gehauen,
kulminierend vielleicht in der Parallele eines Neugeborenen, das soeben
dem Mutterleib entschlüpft, mit einem sterbenden Soldaten in exakt
gleicher Pose: Das grimassierende Kopf-nach-unten steht für die
historische Wahrheit der Produktion und Konsumption von Kanonenfutter.
Und es steht für die biologische Wahrheit von Entstehen und Vergehen.
Diese Unentschiedenheit wird im bildnerischen Jargon wiederholt: Steht
das typische Non-Finito Hrdlickas, die Torsohaftigkeit der Figuren und
Unfertigkeit ihrer Bearbeitung für die Condition Humaine, die
Gefangenschaft in der Materie? Oder steht ihre Unförmigkeit für
Zerstörung, für die Erfahrung der Gewalt und die Wirkungen des
Militarismus? Ist Deformation eine bildnerische Eigenheit des Künstlers
oder ist sie abbildhaft gemeint, als Einblick in das Grauen des Krieges?
Der Bildhauer bleibt, und dies ist bei einem derart dezidierten Anspruch
eine Schwäche, im Vagen.
Nach dem Tor folgt eine Bronzefigur, der berühmte „straßenwaschende
Jude“, die Personifikation der unvorstellbaren Auswüchse nach dem
„Anschluss“. Hrdlicka hat einen kauernden Alten geschaffen, sehr
wirklichkeitsgetreu und zugleich von derart erratischer Klobigkeit, dass
der Körper als simpler Block erscheint. In der Tat wurde die Figur bald
zur Sitzgelegenheit zweckentfremdet, sodass man sie mit einem
Abwehrgitter, einem Nagelbett aus bronzenem Stacheldraht, überdecken
musste. Auch in derlei Nachträglichkeiten formulieren sich Erfolg oder
Misserfolg künstlerischer Konzeptionen (der Pietätslosigkeit, die hier
ihr Wesen trieb, stand Hrdlicka selbst in keiner Weise nach, indem er
das Objekt im Taschenformat als Briefbeschwerer auf den Markt warf).
Es schließt sich an ein Torso, genannt „Orpheus“, dessen Material und
Gestaltung augenscheinlich einer früheren Phase im Œuvre Hrdlickas
entstammen. Die männliche Komposition, die vor allem aus strammen
Oberschenkeln und nacktem Hinterteil besteht, scheint für einen anderen
Zweck geschaffen, ist womöglich eine Etüde, doch die schiere
Unbestimmtheit des Motivs lässt natürlich seine Einbindung in alle
möglichen Zusammenhänge offen. Offen bleibt allerdings auch, was es zum
Argument des Mahnmals beiträgt.
Am Ende winkt der „Stein der Unabhängigkeitserklärung Österreichs“ vom
27. April 1945 in eine bessere Welt. Auf der stolz in die Höhe gereckten
Stelle ist der gesamte Text zu lesen, in dem Erbe, Verpflichtung und
Wegweisung einer neuen Nation das Monument gesetzt wurde. Das Szenario
bekommt durch diese Zukunftsformel etwas Allegorisches, die einzelnen
Stationen fügen sich zu einem Instanzenweg, der, ein Buchenwald-Denkmal
en miniature, von der Finsternis ins Licht führt. Doch dieses
Versprechen kann sich nur per Text artikulieren. Der buchstäbliche Sinn
verweigert sich dem Bildnerischen. Hrdlickas Realismus, der darstellen
und erklären soll, erweist sich als nur fürs Illustrative zuständig. Das
Mahnmal entlarvt sich als Manier. |
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| auszugsweise aus |
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| Rainer Metzger; Der Tod bei der Arbeit |
Gewalt der Bilder : Bilder der Gewalt
Ein Führer für Wien
Mit 40 Abbildungen in Farbe
Verlag Christian Brandstätter. Wien |
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mit freundlicher Genehmigung |
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| Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen
und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
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