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Pathologisches - Anatomisches Bundesmuseum |
| A 1090 Wien, Spitalgasse 2 |
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+43-(0)1- 406 86 72 |
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+43-(0)1- 406 86 72 - 5 |
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pat@via.at |
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| Der Narrenturm |
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| Die Rolle der Kontrolle |
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Denn da ist keine Stelle, die dich
nicht sieht. Pro Geschoss fügen sich 28 Zellen in die Kreisordnung,
jede ausgestattet mit zwei Betten und einem Mauerschlitz als Fenster
nach außen. Nach innen zu, zum wiederum kreisrunden Hof, gehen die
Türen, und sie sind in einer Exaktheit radial angeordnet, dass eine
einzige, in der Mitte postierte Aufsichtsperson alles im Blick und
damit im Griff hat. Um das Auge des Aufsehers, gleichsam die Nabe
eines Rades, dreht sich das Geschehen. Dieses Auge ist das Zentrum
der Anlage, denn es gilt die Internierten gut unter Kontrolle zu
halten, die geistig Verwirrten, die „Narren“, für die dieses nach
neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltete Etablissement
geschaffen wurde.
Neu, das bedeutete in jenem Jahr 1784, als der „Narrenturm“ eröffnet
wurde, mit dem luziden Geist der Aufklärung versehen. Wer dort
einsaß, hatte ein spezifisches Krankheitsbild vorzuweisen: Früher,
in den alten Hospitälern, war alles zusammengefasst, was es an
Delinquentem, Pathologischem, Straffälligem und sonst wie aus dem
Verkehr Gezogenem gab. Der „Narrenturm“ dagegen war Ergebnis eines
strengeren Vergleichs, einer besseren Analyse und einer
individualisierenden Methode. So gesehen ist dieses Gebäude eine
Vorform der Nervenheilanstalt. Therapieren und Beaufsichtigen gingen
Hand in Hand. |
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Eine solche Komplizenschaft von Heilen und Hindern macht den
„Narrenturm“ zum Paradebeispiel für jenes Regime, das Michel
Foucault in seiner 1975 erschienenen, epochalen Studie „Überwachen
und Strafen“ eingehend und mit Folgen für die Theorie der Moderne
überhaupt untersuchte. Es gab eine genuine Architektur für dieses
Regime, jene Rundbauten mit zentralem Kontrollraum, wie sie der
Narrenturm exemplarisch zeigt. Im Jahr 1791 wird ihr der britische
Physiokrat Jeremy Bentham einen Traktat widmen. Seither nennt man
das planerische Prinzip „Panopticon“. Foucault übernahm davon seinen
Begriff einer „panoptischen“ Gesellschaft.
Die Panoptik ist für Foucault eines der Charakteristika der gesamten
Moderne, bezeichnend besonders für ihren Umgang mit der Gewalt.
Diese Gewalt übt sich nunmehr in bis dato unbekannter Subtilität und
Zurückhaltung aus, sie wird geradezu einschmeichelnd, indem sie sich
in die einzelnen Personen selbst verlegt. Gewalt sublimiert sich zur
Disziplin. „Die Disziplin“, so Foucault, „hält eine aus Beziehungen
bestehende Macht in Gang, die sich durch ihre eigenen Mechanismen
selber stützt und aufsehenerregenden Kundmachungen ein lückenloses
System kalkulierter Blicke vorzieht. Dank den Techniken der
Überwachung vollzieht die Physik der Macht ihren Zugriff auf den
Körper nach den Gesetzen der Optik und der Mechanik und in einem
Spiel von Räumen, Linien, Schirmen, Bündeln, Stufen und verzichtet
zumindest im Prinzip auf Ausschreitung und Gewalt. Diese Macht ist
scheinbar um so weniger körperlich und physisch, je gelehrter und
physikalischer sie ist.“ |
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Bild: Narrenturm, erbaut 1784,
anonymes Aquarell, um 1850, Spitalgasse © Verlag Christian
Brandstätter |
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Um in der Rekonstruktion zum panoptischen Prinzip der Moderne zu
gelangen, ließ Foucaults Darstellung keine Gelegenheit zur Drastik
aus. Berühmt geworden sind die minutiös schildernden
Augenzeugenberichte, die der Meisterdenker in seinem Buch zitiert,
um die Politik der Martern, wie sie in den diversen Ancien Régimes
praktiziert wurde, vor Augen zu stellen. Eine solche Politik der
Schmerzzufügung, die bevorzugt um die Autorität des Souveräns bemüht
ist, wird im Zeitalter der Nationalstaaten dann aufgelöst. Nicht,
dass es keine Folter mehr geben würde, doch selbst die krassesten
Totalitaristen des 20. Jahrhunderts verabreichen sie hinter den
Kulissen. Offizielle Praxis sind nun die Maßnahmen der
Disziplinierung, ihre Instanzen die Arbeitslager und Gefängnisse,
Besserungsanstalten und Erziehungsheime.
Doch auch diejenigen, die nie auf-, geschweige denn straffällig
geworden sind, unterliegen deren Techniken der Einvernehmung,
Uniformität wird produziert von den vielerlei Mikro-Justizen, die
die Gegenwart seit 200 Jahren beherrschen. Foucault zählt einige
auf: „Eine Mikro-Justiz der Zeit (Verspätungen, Abwesenheiten,
Unterbrechungen), der Tätigkeit (Unaufmerksamkeit, Nachlässigkeit,
Faulheit), des Körpers („falsche“ Körperhaltungen und Gesten,
Unsauberkeit), der Sexualität (Unanständigkeit, Schamlosigkeit)“.
Individualität ist dabei, so rekonstruiert es Foucault in einer der
spannendsten Volten seines gesamten Werkes, das durchaus
unbeabsichtigte Ergebnis. Der Macht geht es um Disziplinierung und
Uniformierung, und ihre Mittel, sie durchzusetzen sind Beobachtung
und Kontrolle. Doch wer genau hinsieht, entdeckt bevorzugt die
Unterschiede. In dieser exakt justierten Optik tun sich plötzlich
Besonderheiten auf. Wer gleichschalten will, muss mit jedem auf eine
spezifische Weise verfahren. Der genuine Mechanismus der Moderne ist
damit die Entdeckung der Differenz über das Bestreben nach
Entdifferenzierung.
Wer in den „Narrenturm“ kam, war dort, um von der Gesellschaft
entfernt zu werden. Doch wer dort war, konnte damit rechnen, so
etwas wie Patientenstatus zu bekommen. Wer dort war, dem konnte
geholfen werden, wieder, wie es so heißt, ein „nützliches Mitglied
der Gesellschaft“ zu werden. Wem geholfen wurde, der bedurfte keines
Gewahrsams mehr. Deren Funktion übernahmen dann wieder das Selbst
und seine Kontrolle. |
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| auszugsweise aus |
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| Rainer Metzger; Der Tod bei
der Arbeit |
Gewalt der Bilder : Bilder der
Gewalt
Ein Führer für Wien
Mit 40 Abbildungen in Farbe
Verlag Christian Brandstätter. Wien |
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mit freundlicher Genehmigung |
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| Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen,
Unternehmen und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
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| Der Narrenturm |
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IX. Bezirk (Alsergrund), Narrenturm, Hof 13 des
Alten Allgemeinen Krankenhauses, Eingang von der Sensengasse;
Straßenbahnlinie 40/41/42 von der U-Bahn-Station Schottentor (U2).
Im IX. Bezirk (Alsergrund) steht das Neue Allgemeine Krankenhaus
(AKH), bekannt als das größte Krankenhaus Europas. In der nahe
gelegenen, passend benannten Spitalgasse befindet sich sein
Vorläufer, das noch berühmtere Alte Allgemeine Krankenhaus, 1784
gegründet vom Aufklärer-Kaiser Josef II. (1765-1790). Zu seiner Zeit
war das Krankenhaus eines der modernsten der Welt, es konnte 2000
Betten vorweisen. Zahlreiche weltberühmte Ärzte und Chirurgen sind
hier ein und aus gegangen, darunter der Psychiater Julius
Wagner-Jauregg (1857-1940), der 1927 für seine Entdeckung der
therapeutischen Bedeutung der Malariaimpfung bei der progressiven
Paralyse den Nobelpreis erhielt. |
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Die alten Innenhöfe des Spitals sind heute ein belebter
Universitätscampus; in einem davon steht eine Kuriosität, die als
Narrenturm bekannt ist. (Das Gebäude wurde nach einem berühmten
österreichischen Kuchen, der eine ähnliche Form besitzt, auch
Guglhupf genannt.) Er wurde 1784 nach einem Entwurf des
Hofarchitekten Isidor Canevale erbaut; der zylinderförmige Turm
sollte als Anstalt für Geisteskranke dienen. Zum ersten Mal wurden
hier die so genannten Irren an einem Ort untergebracht und
behandelt, anstatt zur Schau gestellt und gedemütigt zu werden. Der
Turm hat fünf Stockwerke mit je 28 zentral beheizten Zellen, die von
einem zentralen Innenhof aus eingesehen werden können. Nicht alle
Insassen des Turms jedoch saßen dort zu Recht; ein Beispiel ist der
Fall des Grafen Seilern, der beim Kaiser in Ungnade fiel, weil er
seinen Sohn hatte einsperren lassen; der hatte sich nämlich
geweigert, das ihm von seinem Vater zugedachte Mädchen zu heiraten.
Der nach 1866 still gelegte Turm enthält heute das
Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum, eine aufschlussreiche, wenn
auch etwas gruselige Sammlung von etwa 4000 Exponaten (mit vielen
Abnormitäten und Missbildungen) in Formaldehyd (darunter die
weltweit größte Sammlung von Nieren und Gallensteinen). Die 1796
gegründete, ursprünglich in der Prosektur des Alten AKH
untergebrachte Sammlung stammt von den etwa 600 Leichen, die pro
Jahr aus dem Spital kamen, sowie von Autopsien, die auf höhere
Anweisung angeordnet wurden. Das Museum enthält auch mehr als 2000
Nachbildungen aus Paraffinwachs von kranken Körperteilen und im
Erdgeschoß eine Rekonstruktion von Robert Kochs Entdeckung des
Tuberkulosebazillus im Jahr 1882.
Der Alsergrund besitzt zahlreiche andere medizinische Assoziationen;
hier befinden sich zahlreiche Universitätsinstitute, Ärzte und
natürlich auch die Ordination von Sigmund Freud. Dazu gibt es noch
das Josephinum in der Währinger Straße 25; es wurde 1785 eröffnet,
um die Medizinisch-chirurgische Akademie zu beherbergen, die von
Kaiser Josef II. (1765-1790) zur Ausbildung von Sanitätern und
Militärärzten gegründet worden war. Seit 1920 befindet sich hier das
Museum des Instituts für Geschichte der Medizin, das eine einmalige
Sammlung von lebensgroßen anatomischen Wachsmodellen enthält
(Wachspräparatesammlung). Sie wurden vom Kaiser 1780 nach einem
Besuch in Florenz beim Florentiner Physiologen Felice Fontana und
dem toskanischen Anatomen Paolo Mascagni in Auftrag gegeben. Die
besonders realistisch wirkenden Figuren wurden aus ukrainischem
Bienenwachs modelliert. |
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| Text auszugsweise aus |
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| Duncan J. D. Smith; Nur in
Wien |
Ein Reiseführer zu sonderbaren
Orten, geheimen Plätzen und versteckten
Sehenswürdigkeiten
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Fotografien von Duncan J. D. Smith „Die
Straßen Wiens sind mit Kultur gepflastert, die
Straßen anderer Städte mit Asphalt.“ Karl Kraus
(1874-1936)
Wien ist sicherlich eine der großartigsten und
zugleich homogensten Hauptstädte in Europa. Und es
ist eine der faszinierendsten. Die Überfülle an
Reiseführern, die es zu kaufen gibt, präsentiert dem
nicht allzu anspruchsvollen Besucher eine
märchenhafte (und leicht zugängliche) Fülle an
Museen, Kirchen, Palais und kulinarischen
Lokalitäten, und sie erzählen von der Geschichte der
Stadt seit den Zeiten der Römer über jene des
Habsburgerreiches bis zur Gegenwart. |
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|
mit freundlicher Genehmigung |
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 |
| Christian Brandstätter
Verlagsgesellschaft m.b.H. |
| Das Verlagsservice für Museen,
Unternehmen und öffentliche Stellen |
| www.brandstaetter-verlag.at |
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