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| Wohltätige Todesfallen |
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Punschstandln: in den vergangenen zwei Dezennien
entstandener Adventbrauch. In den Zentren der Städte werden auf Initiative wohltätiger
bourgeoiser Vereinigungen Punsch und Glühwein, manchmal auch Imbisse, zu guten Zwecken
verkauft. Scheinbare andauernde Nüchternheit beim Genuss des Heißgetränks erweise sich
in der Folge oft als Kapitalrausch.
Ich weiß nicht, ob diese Zeilen meine Leser erreichen, Sie kommen, sagt mir mein Hirn,
viel zu spät. Mein Hirn sagt mir das ganz langsam. Wort für Wort.
Es ist etwas dazwischengekommen, zwischen mich und die Fähigkeit des Schreibens. Ich habe
gestern getrunken, oh, zu viel. Zu viel für einen Abend, zu viel für zwei, genug für
viele Wochen. Vielleicht auch gar nicht zu viel, sondern bloß das Falsche. Ich wollte das
nicht. Es hat sich ergeben. Ich habe diesen Bekannten getroffen. Er stand vor dem
vereinbarten Café. Kein Platz, sagte er. Drinnen saßen Hunderte Menschen in Mänteln und
mit Sackerln. Dasselbe im zweiten Café. Nichts anderes im dritten. Schließlich sagte
mein Bekannter mitten auf der dämmrigen Fußgängerzone: Geh, trink ma doch
hier was.
Nein, begann ich, bitte nicht hier. Ich habe, sagte ich, das
noch nie ausgehalten. Erstens dieses Gesöff. Zweitens die langsam in die
Hemmungslosigkeit gleitenden Bürohengste und stuten. |
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| Punschstandl am Rathausplatz, Wien 2005 |
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Also bitte, sei, sagte mein Bekannter, jetzt bitte kein
Dogmatiker. Wir tranken den ersten Becher, und, ich muss sagen, er ging ganz gut
runter. Wir besprachen unser Thema, dann noch ein, zwei andere. Büroschluss, Hengste und
Stuten, gut gelaunt, erschienen tatsächlich an unserer Seite, eigentlich eh nett, fand
ich.
Ein kalter, klarer Winterabend. Vielleicht, sagte mein Bekannter, gibt es Schnee. Er
bestellte zwei weitere Becher, links neben mir erzählte eine Frau im
Strenesse-Mäntelchen einen banalen Witz. Ich musste lachen. Jetzt kommt das alte Problem,
sagte mein Bekannter, wo geht man hier aufs Häusel? Er machte sich auf die Suche. Ich
erzählte der Frau im Strenesse-Mäntelchen meinerseits einen banalen Witz. Sie und ihre
Bekannten mussten lachen. Wir einigten uns auf die Bestellung einer, später einer zweiten
Runde von Bechern. Mein Bekannter kam nie zurück. Er sagt zwar, er wäre zurückgekommen,
ich hätte ihn aber nicht mehr erkannt. Er sagt, er habe mich den ganzen Weg von einer
Statue Johannes Gutenbergs, wo ich meine Notdurft hätte verrichten wollen, bis zu meinem
Haus gebracht. Er sagt das zwar, aber er muss lügen. Es geht mir nicht gut.
Eine andere Bekannte sagte mir am Telefon: Trink dieses Zeug einmal im kalten Zustand,
dann tust dus nie mehr wieder. Gar nicht gut geht es mir: Dieser Text wird
vielleicht meine Leser nie erreichen. Jetzt weiß ich es wieder: Von Punschstandln im
Advent sollte er handeln. |
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Textauszug aus
Molden, Ernst
Christbaum kaufen, baden gehen
Deuticke Verlag
ISBN: 3-216-30704-2 |
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mit freundlicher Genehmigung |
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