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| Ringtheaterbrand 1881 |
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Am 7. Dezember 1881 fand die Wiener Uraufführung von Offenbachs
"Hoffmanns Erzählungen" statt. Jauner hatte Offenbach und das Stück in Paris,
wo es am 10. Feber 1881 uraufgeführt worden war, kennengelernt und die Rechte für Wien
erworben. Wie das Soufflierbuch beweist, war der heute populäre Giulietta-Akt nicht
gezeigt worden. Die erste Reprise |
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| sollte am 8. Dezember erfolgen. Am
Vormittag dieses Tages fand eine Matinee zugunsten der "Unterstützungs-Societät
der Polizeibeamten Wiens für ihre Witwen und Waisen" statt. "Es
mutet gespenstisch an", schreibt Franz Patzer im Katalog zur
Ausstellung "Alles gerettet! 100 Jahre Ringtheaterbrand",
"dass es wenige Stunden nach dieser letzten regulär beendeten
Vorstellung im Ringtheater durch Mitverschulden der Polizei deutlich
mehr Witwen und Waisen gab als davor." Und am Abend sollte die
1. Reprise der Oper "Hoffmanns Erzählungen" folgen ... Von
dieser letzten - allerdings nicht mehr zustande gekommenen Vorstellung
des Ringtheaters - existiert in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek
noch das Plakat mit dem handschriftlichen Vermerk eines Zeitgenossen,
es rühre von der "Facade des Ringtheaters her, wo es an der Seite
des Portals noch bis zum 14. Dezember d. J. befestigt war." Das
Haus war ausverkauft. Eine der letzten Vorbereitungen war das
Entzünden der Gasbeleuchtung im Bereich der Soffitten. |
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Es handelte sich um 5
Beleuchtungskästen, in denen sich jeweils 48 Leuchtgasbrenner befanden. Das Entzünden
geschah auf pneumatisch-elektrischem Weg; eine Erfindung des
Maschinen- meisters des Wiener |
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| Hofburgtheaters, Barrot;
der Anzünde-Apparat versagte jedoch an diesem Abend, das ausströmende
Gas explodierte beim zweiten Zündversuch. Das Feuer griff sofort auf
die 30 Prospektzüge, anschließend auf den Rest der Bühne und letzten
Endes auf den Zuschauerraum über. Und nun zeigten sich noch deutlicher
als drei Jahre später beim Brand des Stadttheaters Mängel, Schlamperei
und Unzulänglichkeiten, die größtenteils bereits unmittelbar am Tag
nach der Katastrophe erkennbar waren. Folgerichtig erhebt das "Neue
Wiener Tagblatt" schwere Anklage: "Wie ist es möglich, wie
ist es gekommen, dass erst nach zwanzig, vielleicht sogar erst nach
dreißig und fünfunddreißig Minuten, nachdem der Brand im Ringtheater
ausgebrochen war, daran gedacht worden ist, dass Menschenleben noch
gerettet werden könnten; dass erst nach Ablauf einer unter solchen
Umständen bedeutenden Zeit die ersten Versuche gemacht worden sind,
Rettung den im vorderen Theile des Gebäudes etwa befindlichen Personen
zu bringen?" |
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Einen besonders guten Einblick erhält man durch das Fernsehspiel "Alles
gerettet. Der Ringtheaterprozeß", das Carl Merz und Helmut
Qualtinger in den sechziger Jahren als "Anatomie einer Katastrophe"
schrieben. Es spielt während des Prozesses 1882 im
Schwurgerichtssaal. Ca. 40 % des Textes sind nach dem Verfasser des
Vorwortes, dem Regisseur Oscar Fritz Schuh, protokollarisch
festgehaltene Äußerungen der Originalzeugen. |
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Angeklagt waren u. a. der Wiener
Bürgermeister Newald und der Direktor
des Ringtheaters Jauner. Newald wurde freigesprochen, Jauner erhielt 4 Monate
Arrest; die weiteren sechs Angeklagten wurden ebenfalls zu Freiheitsstrafen verurteilt.
Die im Laufe des Prozesses zu Tage gekommenen Fakten lassen sich in
Kürze folgendermaßen darstellen: Als tragisch erwies sich zum einen
das Fehlen eines Eisernen Vorhanges, zum anderen, dass eine Seitentür
im Bühnenbereich geöffnet wurde. Dadurch entstand Zugluft, die das
Feuer weiter entfachte. Die Gasbeleuchtung war mittlerweile vom zuständigen
Beleuchtungsinspektor abgeschaltet worden, die Notbeleuchtung aus
Öllampen hatte man nach einer einige Wochen vorher durchgeführten
Reparatur nicht wieder montiert. Die Feuerwehrbeamten waren schon
seit der Geburtsstunde des Ringtheaters zusätzlich als Bühnenarbeiter
eingesetzt worden, wie der Brandbeauftragte der Anfangsjahre, Toscano
del Banner, in seinem im Selbstverlag 1884 erschienenen Buch berichtet.
Auch damals hatte man die Öllampen aus Geldmangel oft nur gefüllt,
wenn durchdrang, dass die "Assecuranz" zur Inspektion erschien.
Und außerdem! Warum kam der Herrgott auf den Gedanken, gerade den
Wienern so etwas anzutun? "... Jeden Abend
haben die Flammen aus die Kästen aussi g'schlagen - so hoch, wann
mir s' anzunden haben. Die Leut haben scho g'wart drauf ... [...]
... Ah! G'lacht haben's! Mir haben jeden Abend dasselbe g'macht. Und
immer hat der Herrgott seine Hand überm Theater g'halten. Das hat
ja ka Mensch wissen können, daß er grad uns Wiener amal im Stich laßt..."
So lautet die Aussage des Bühnenarbeiters Schagerl - zumindest bei
Merz und Qualtinger. Aber wenn man die Situation ein wenig kennt,
weiß man, dass die dümmsten Aussagen im Ringtheater-Prozess die wahrsten
sind.
Zu allem Unglück waren die Ausgangstüren nur nach innen zu
öffnen, sodass durch den Druck der in der Dunkelheit in Panik nachströmenden
Menschen ein Entkommen unmöglich war. Am Höhepunkt der Katastrophe
wiesen Polizisten, die vor dem Eingang im Vestibül standen, Retter
mit dem Hinweis, dass sich niemand mehr im Theater befinde, da ja
niemand mehr herauskomme, ab. Die berühmt gewordene Meldung "Alles
gerettet!" erfolgte zu einem Zeitpunkt, zu dem man noch viele
der Eingeschlossenen retten hätte können - eine Tatsache, die im Ringtheaterprozess
bewiesen werden konnte.
Wirkungsvoller und dramatischer lässt diese Ereignisse Arthur Schnitzler
seine Fritzi aus der bereits erwähnten gleichnamigen Erzählung schildern:
"... um mich herum war ein schauerlicher, ungeheurer Lärm, als
stürzte alles zusammen; und es heulte wie ein Sturm durch den Raum,
und vor die rote Glut legte sich grauer, dunkler Rauch. Plötzlich
kam ein gewaltiger Ruck nach einer bestimmten Richtung. Mit einem
Mal war es dunkel, und ich konnte mich nicht rühren. Um mich herum
wurde geflucht und gejammert. Ja, auch ich schrie mit einem Male auf,
ich weiß, dass ich ein paar Sekunden lang schrie und dabei kaum begriff,
warum. Und plötzlich spürte ich an meinem Halse Nägel, Krallen. Irgendwer
klammerte sich an mich. ..."
Vermutlich waren bis zu 448 Tote zu beklagen. Darunter befand sich
im übrigen auch Ladislaus Vetsera, der Bruder der in Mayerling von
Kronprinz Rudolf erschossenen Mary Vetsera. Die Leichen wurden noch
in der Katastrophennacht in den Hof des Allgemeinen Krankenhauses
gebracht. Eine Durchsicht der in der Presse veröffentlichten Vermisstenlisten
lässt erkennen, dass das Publikum ein beinahe naturgetreues Abbild
der Wiener Bevölkerung darstellte. Vom Dienstmädchen über Büroangestellte
und Kaufleute bis zu Akademikern waren nahezu alle Berufsgruppen
vertreten. Außerdem dürften sich auffallend viele jüngere Menschen
im Theater befunden haben. Die meisten der Vermissten sind 30 Jahre
und jünger, sogar 13- und 14jährige scheinen auf.
In einer Kundmachung des Magistrats wurde die Bevölkerung zur Agnostizierung
aufgefordert. Mit einer "Eintrittskarte" konnte man die
Leichen "besichtigen", was viele Schaulustige unter dem
Vorwand, einen Angehörigen zu suchen, auch taten. Der Kopf eines
Verbrannten befindet sich als makabres Ausstellungsstück noch heute
im Kriminalmuseum in der Leopoldstadt. Totenscheine wurden einzig
und allein in eindeutigen Fällen ausgestellt. Eine Identifizierung
war jedoch nur in rund 250 Fällen möglich. Daraus ergaben sich für
Angehörige Probleme bei Erbschaftsangelegenheiten und Wiederverehelichung.
Schließlich musste 1883 das "Ringtheatergesetz ... zum Zwecke
der Todeserklärung und der Beweisführung des Todes" Abhilfe
schaffen. Die von den Angehörigen nicht abgeholten Wertsachen kamen
1913, also erst 32 Jahre nach dem Brand, im Dorotheum zur Versteigerung.
126 elternlosen Kindern wurden Waisenassoziationen zugeteilt. Jedes
Kind erhielt 6000 Gulden, was gerade die Mädchen unter ihnen als
Ironie des Schicksals zu einer "guten Partie" machte ...
In umittelbarer Folge der Tragödie wurden die Theaterbauvorschriften
überarbeitet. Der Einbau eines Eisernen Vorhangs wurde Pflicht.
Die neuen feuerpolizeilichen Bestimmungen gingen jedoch zum Teil
bereits auf die Schockwirkung des Brandes des Opernhauses in Nizza
am 23. März 1881 zurück. Unmittelbar danach wurden die Wiener Bühnen
überprüft, Notausgänge mussten gekennzeichnet werden, die Notbeleuchtung,
die im Ringtheater dennoch nicht einsatzbereit war, wurde verpflichtend
vorgeschrieben.
Und schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass - unter dem
Eindruck der Katastrophe - bereits am 9. Dezember die ersten Gespräche
zur Gründung einer "Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft"
geführt wurden. Als ersten Präsidenten nominierte man den Grafen
Lamezan, der während des Ringtheaterbrandes die wirkungsvollsten
und engagiertesten Rettungsaktionen durchgeführt hatte.
Kaiser Franz Joseph ließ, um seiner Anteilnahme "an dem traurigen Schicksale der
bei dem Brande des Ringtheaters Verunglückten einen dauernden Ausdruck zu
verleihen", an der Stelle des Unglücks aus seinen Privatmitteln von Friedrich
Schmidt, dem Architekten des Rathauses, den "Sühnhof" errichten, in dem sich
auch eine Gedächtniskapelle befand. |
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