Bild: Wiener Stadt- und Landesbibliothek
Plakat der 202. Wechselausstellungen der Wiener Stadt- und Landesbibliothek von November 1984 bis Februar 1985
"Wintersport in Wien"
Wiener Stadt- und Landesbibliothek
Vienna City Library
Rathaus, A-1082 Wien, Österreich
Die Rodelkunst von Anno dreißig
Heute, im schneelosen Winter 1960, ist die Zeit der abenteuerlichen Brettlhupfer, der aristokratischen Dreisitzer und der halsbrecherischen Rodelbahnen längst vorüber. Fortgeflossen sind die naiven, fröhlichen, gefahrvollen Jännertage der frühen dreißiger Jahre, zerronnen, wie Schneemänner unter einer frischen Märzsonne. Wer heute noch mit dem himmlischen Weiß in Berührung kommen will, der holt sich seine Skier vom Boden oder vom Kleiderkasten herunter, um sie mit mehr oder weniger Eleganz auf der Himmelhofwiese und irgend sonst wo im unverbauten Westen der Stadt zu zerbrechen. Rodelfahren, so wie man es seinerzeit tat, gilt heute fast als kindisch. Und dennoch war das einmal ein richtiger Sport unter Erwachsenen, bei dem Kinder meist nur zusehen durften.

Ich erinnere mich noch gut an die damals grabelandlose Steinhoferwiesen, einem wahren Paradies der Beinbrüche, verstauchten Kreuze und ausgekegelten Handgelenke. Schneidermeister und Oberteilherrichter, Bäckengesellen und Posamentierer, alle Sparten des Kleingewerbes zogen mit ihren Rodeln hinaus. Die verschneite Steinbruchstraße glich einer polaren Völkerwanderung, und alle trugen im Herzen nur den einen Wunsch: mit gut Glück über die vereisten Hänge der Steinhoferwiese zu bretteln. Unter der schönen, sezessionistischen Brücke, die den melancholischen Siebenundvierziger über den Ameisbachgraben zum Ufer seiner endgültigen Bestimmung trägt, gupft sich auch heute noch der steile Hügel, daran die rasend abwärtsschießenden Rodeln mit der Wucht einer Brandung prallten. Eine hinter der anderen, immer hinein, kufensplitternd, urgewaltig, von Frauengekreisch manchmal übertönt, aber immer fatalistisch, kommt was kommt, mir passiert eh nix! Die damals noch sehr altmodischen Ambulanzen der Rettungsgesellschaft ratterten sehr häufig vom nahen Wilheminenspital herauf und brachten ihre Frakturenladungen nach Gips und Holzschiene, was aber im Grunde genommen manchem Arbeitslosen eine willkommene Abwechslung bildete. Es war eine harte, kühne Zeit, von der unsere Musikautomatenära gar keine Ahnung mehr hat …

Mein Vater, der bestimmt alles andere als ein begeisterter Sportler war, konnte sich dennoch nicht der Lockung der Rodelfahrerei entziehen. Immer wenn es Neuschnee gab, an Sonntagen natürlich, zog er seinen kurzen Stösser an, setzte sine Sportmütze auf und zog unseren Dreisitzer durch die verschneite Steinbruchstraße, daß ihm Eiskristalle am englisch gestutzten Schnurrbart aufblühten.

Mein Vater, ein Schuhmachermeister, pflegte, wenn vom Sport die Rede war, zu sagen: „I moch de gaunze Wochn bei mein Schuasdabangl mea r oes gnua Schbuat …“ Aber nach dem ledernen Einerlei einer Arbeitswoche aus Ski- und Haferlschuhen zog er es doch vor, sich in die blaue Gefahr der Steinhoferwiese zu begeben.

Ich war vielleicht acht, neun Jahre alt und hatte vor jeder Abfahrt in jene weiße, sezessionistische Ungewißheit des Ameisbachgrabens immer ein ungeheuer würgendes Gefühl, wie es einen etwa in einem zahnärztlichen Wartezimmer befallen mag. Meinen Vater bewunderte ich unglaublich! Mit den Absätzen seiner eisenbeschlagenen Goiserer steuerte er sein Gefährt traumsicher zwischen die nietenstolzen Eisentraversen der Brücke, wogegen die meisten anderen stets auf das fatale Bergerl losfuhren, ein Stück hinaufrutschten, um gleich darauf nach rückwärts gleitend dem Nachfolgenden in die giftigblitzenden Eisenkufen zu krachen …

Krach! Auweh! Mei Fuas!!! Hoeds d’ Rettung, lost s den Mentschn ned do so in Schnee ling!!

Zugegeben, es geht heutigen Tags beim Skifahren auch nicht sehr harmlos zu. Aber härter als damals in den frühen dreißiger Jahre, wie noch Schneidermeister und Oberteilherrichter, Bäckengesellen und Posamentierer, alle Sparten des Kleingewerbes, der eisigen Gefahr kühn ins Auge blickten, kann es wohl nimmer werden …

Wir haben uns jedoch – offenbar dank der besonderen Rodelkunst meines Vaters – nie derstessen!
Auszugsweise Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des
Deuticke Verlages.
H. C. Artmann, geboren 1921 in Wien, gestorben am 4.12.2000 ebenda. Erste Buchveröffentlichung: med ana schwoazzn dintn (1958). Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur 1974. Georg-Büchner-Preis 1997. Im Residenz Verlag erschien zuletzt die Übersetzung: 5 Stücke von Goldoni (2001).
Ironimus, alias Gustav Peichl, geboren 1928 in Wien. Architekt und Karikaturist. Großer Österreichischer Staatspreis für Architektur 1971. Mies van der Rohe-Preis 1987. Berliner Architekturpreis 1989.
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