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| Sagen aus Wien |
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| "Der Hecktaler" |
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| Ritter Jörg von Rauhenstein war ein toller
Trunkenbold, der so lange in Saus und Braus dahinlebte, bis er
die Burg seiner Väter vertrunken hatte und arm wie eine
Kirchenmaus samt Weib und Kind in die Fremde ziehen musste. Sein
Weg führte ihn nach Wien, wo er als Waffenmeister der Stadt
Verdienst und Unterkunft fand. Damals rückten gerade die Türken
gegen Wien an, da konnte man einen Mann, der die Waffenknechte
zu meistern und in strenger Zucht zu halten versprach, wohl
brauchen. Ritter Jörg war ein alter Haudegen mit wetterfesten
Fäusten, die mit Waffen umzugehen wussten, und er war trefflich
dazu geeignet, die Leute zum Kriegshandwerk auszubilden. Mit
Feuereifer ging er an die Arbeit und brachte es in kurzer Zeit
auch wieder zu einigem Wohlstand. Eine geraume Zeit lebte er
zurückgezogen und war glücklich und zufrieden im Kreise seiner
Familie. Als jedoch die guten Freunde lockten, fiel der Ritter
in seine alte Sünde zurück und brachte bei Becherklang und
Würfelspiel mit seinen Kumpanen die Nächte durch. Oft kam er
erst heim, wenn die Hähne krähten. Solange er die Taler in
seiner Tasche klimpern hörte, gab es ihm keine Ruhe, er verfiel
dem Spielteufel und verlor in kurzer Zeit wieder alles, was er
sich im Lauf von Jahren erworben hatte. Nun war wieder
Schmalhans Küchenmeister im Haus, und das brach der Frau das
Herz; sie starb im Elend. Auch die Wangen der Kinder wurden
bleicher und bleicher, bis sie der Tod von aller Not erlöste;
auf dem Stephansfriedhof fanden sie ein allzu frühes Grab. Weil
Jörg sein Amt vernachlässigte, wurde ihm von der Stadt der
Dienst aufgekündigt. So kam er ganz an den Bettelstab und war
gezwungen, von Haus zu Haus um Almosen zu bitten. Als er wieder
einmal so bettelnd unterwegs war, traf er eine Magd, die einst
bei ihm in Dienst gewesen war, Burgl mit Namen. Das traurige Los
ihres ehemaligen Herrn ging der Frau zu Herzen, sie wollte ihm
helfen und gab ihm den Rat, es einmal mit einem Hecktaler zu
versuchen. „Was ist ein Hecktaler?“ fragte Jörg. „Ein Hecktaler
ist ein gar wunderbares Ding“, antwortete die Burgl, „und wer
ihn gewinnt, der leidet sein Lebtag keine Not mehr. Ihr müsst
nur in der Nacht zum Sonntag, sobald die Turmuhr von Sankt
Stephan die Mitternachtsstunde zu schlagen beginnt, mit dem
ersten Schlag loslaufen, rund um den Dom herum, und beim
zwölften Schlag dreimal herumgelaufen sein, dann klimpert auf
einmal ein funkelnagelneuer Taler in Eurer Tasche, der sich
immer wieder erneuert, sooft man ihn auch ausgibt!“ Das klang
dem heruntergekommenen Ritter gar lieblich in den Ohren, und er
beschloss, sein Glück zu versuchen. Lange vor Mitternacht stand
Jörg auf dem Friedhof, der damals noch die Stephanskirche umgab,
und wartete. Unheimlich war die Nacht, der Wind säuselte um den
Turm, der Mond warf sein fahles Licht auf die Grabsteine, die
gespenstische Schatten warfen. Aber trotz mancher Schauer hielt
der Ritter wacker durch. Als die Turmuhr das dritte Viertel vor
Mitternacht schlug, machte er sich zum Laufen bereit, damit er
ja keine Sekunde versäume. Punkt zwölf Uhr knarrte das
Räderwerk, und der erste Glockenschlag dröhnte durch die Nacht.
Im selben Augenblick begann Jörg den verhängnisvollen Lauf. Wie
rasend rannte er zwischen den Grabhügeln und Kreuzen dahin.
Schon war er zweimal um den Dom herumgelaufen und setzte
keuchend zur dritten, letzten Runde an, da zischte es plötzlich
- knapp vor dem Ziel - über seinem Haupt auf, und eine
Fledermaus flog ihm gegen die Stirne. Er stürzte zu Boden,
während gerade der letzte Glockenschlag verhallte. So endete
Ritter Jörg, so büßte er sein Lotterleben. Ob er, wenn die
Fledermaus nicht gekommen wäre und der Schrecken ihn nicht
getötet hätte, in den Besitz des Hecktalers gelangt wäre, kann
niemand sagen. |
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