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| Sagen aus Wien |
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| "Nächtlicher Spuk" |
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| Früher war es in den Donauauen bei Nußdorf
nicht recht geheuer. Namentlich vor einem Gewitter entstiegen
den Fluten des Stromes seltsame Gestalten und rasten mit wüstem
Geschrei über die Erlen und Schwarzpappeln am Ufer, dass sie
ächzten und ihre Äste tief herabbogen. Da krachte es recht
unheimlich im Gehölz, die Haustiere in den wenigen Gehöften
schrien vor Angst, und die Hunde winselten gottserbärmlich vor
den Türen und drängten ins Haus, wo sie sich unter den Tischen
und Betten verkrochen. Indessen fuhr draußen die Wilde Jagd
unter Tosen und Lärmen über die Gegend dahin, man hörte in den
Lüften Pferdegewieher, Hundegebell und Peitschenknallen, und oft
schien es, als ob sich in den Spitzen der Weiden und Birken
etwas verfangen hätte. Darauf ließ das Getöse nach, und es war
so ruhig wie zuvor. Zuweilen zeigten sich in den sumpfigen
Stellen der Auen kleine Lichter. Sie flimmerten und gaukelten
und hüpften über den Boden und lockten den nächtlichen Wanderer,
der zufällig dort vorbeigehen musste, in die Irre. Dabei kam es
vor, dass er in einem Tümpel geriet, aus dem er keinen Ausweg
mehr fand und elend zugrunde gehen musste. Manchmal stürzte
einer in den Seitenarm der Donau, wo ihn Schlingpflanzen in die
Tiefe zogen. In solcher Gefahr gab es nur ein Mittel, um den
Zauber zu bannen: Den Rock ausziehen, ihn umstülpen und mit der
Innenseite außen wieder anlegen; wer das tat, der war gerettet
und konnte dem Heimweg finden. Der gefürchtetste aller
Donaugeister aber war das He-Männlein, ein böser Neckgeist, der
seine größte Freude am Schaden der Leute hatte. Auf seinem
riesigen Leib hockte ein im Verhältnis viel zu großer Kopf, in
dem zwei feurige Augen staken. Dieser Geist rauschte beim Gehen
wie ein starker Wind, und mitunter schoss er wie ein Pfeil
dahin. Die Leute rief er mit „Hehe!“ an, und wenn ihm einer
darauf antwortete, so setzte er sich ihm so gewaltig auf den
Kopf, dass er den Tod erlitt. Wer jedoch still weiterschritt,
dem tat er nichts zuleide. Ein junger Bursch ging einmal nach
dem Gebetläuten vom Kirchentag heim. Er hatte ein Gläschen über
den Durst getrunken, verirrte sich und geriet in die Au. Da
stach ihn der Fürwitz, und er rief selber: „Hehe!“ Auf einmal
fuhr der He-Mann durch die Luft daher, hockte sich mit aller
Schwere auf den Rücken des Spötters und jagte ihn eine weite
Strecke kreuz und quer durch den Busch, bis dem Armen die Zunge
heraushing. Erst um Mitternacht verließ er ihn, und der Bursche
konnte wieder aufatmen. Halbtot vor Schreck war er sich ins Gras
und schlief ein. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er
sich auf einem ganz anderen Weg, über zwei Stunden weit von
Nußdorf entfernt. Dabei hatte er noch Glück gehabt, dass er vom
He-Männlein nicht zerfetzt worden war. Trotzdem konnte der
Bursche von diesem Tag an nicht mehr lachen und nicht mehr
singen; er welkte dahin wie ein Blatt im Herbst. |
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