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| Sagen aus Wien |
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| "Stoß im Himmel" |
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| Im alten Wien lebte einmal eine reiche Frau,
die sehr hochmütig und eitel war. Jahraus, jahrein ging sie in
Samt und Seide, ihre Kleider waren mit kostbaren Schleppen und
auserlesenen Spitzen versehen, dazu trug die Frau stets
prächtigen Schmuck, Gold und Edelsteine. Stolz wie ein Pfau
rauschte sie an den Leuten vorüber und ließ sich von ihnen
bewundern. Es gab damals keine Fürstin, die es ihr an Prunk
hätte gleichtun können. Statt wie andere Frauen im Haus die
Wirtschaft zu führen, stand sie vor dem Spiegel, putzte und
schmückte sich und betrachtete oft stundenlang ihre herrlich
gekleidete Gestalt. Sie konnten sich an ihrem Bild nicht
sattsehen. Als wieder einmal der Fasching vor der Tür stand,
nahm sie sich vor, alle anderen Frauen an Pracht und Glanz zu
überstrahlen; sie wollte auf jedem Fest als Ballkönigin gefeiert
werden. Um diese Zeit ging sie einmal an einer
Muttergottesstatue vorbei, deren Kleid ihr viel zu einfach
vorkam. Übermutig begann sie Maria zu verspotten und rief: „Das
will die Himmelskönigin sein? Die ist ja gekleidet wie eine
Bettlerin! Nein, sie kann mir das Wasser nicht reichen, ich bin
hundertmal schöner als sie!“ Dieser Frevel sollte nicht
ungestraft bleiben. Die Fastnacht kam, in jedem Wiener Haus
schmückte man sich zu Tanz und Unterhaltung, und auch die eitle
Frau probierte vor dem Spiegel ein kostbares Kleid nach dem
anderen. Jedoch sie konnte sich in keinem so recht gefallen.
Darüber wurde sie zornig und rief in ihrer Wut den Teufel
herbei, der sollte ihr wählen helfen. Kaum hatte sie den bösen
Wunsch ausgesprochen, da klopfte es dreimal an die Tür, und als
die stolze Frau öffnete, stand der Teufel, als altes, zerlumptes
Weib verkleidet, mit einem Korb auf dem Rücken auf der Schwelle
und sah recht unheimlich aus. Unwillig wollte die Frau die Türe
zuschlagen und die hässliche Alte draußen stehen lassen, aber
eine unsichtbare Macht hinderte sie daran. Die Alte trat ins
Zimmer und sagte: „Du liebst schöne Kleider und hast auch ein
paar prächtige Dinger in deinem Schrank – aber was sind sie alle
gegen das Kleid, das ich hier in meinem Korb habe!“ „Zeig es
mir!“ rief die hochmütige Frau; sie wollte nicht glauben, dass
die Bettlerin ein schöneres Kleid besitzen könne als sie. Das
alte Weib stellte den Korb nieder, hob das Tuch ab, das ihn
bedeckte, und siehe, darunter lag ein so prächtiges Kleid, wie
die reiche Frau ihr Lebtag noch keines gesehen hatte. Sein Glanz
blendete sie, und es gelüstete sie mächtig nach dem kostbaren
Stück, sie sah sich darin schon von allen Frauen beneidet. „Gib
mir das Kleid, ich will dir dafür soviel zahlen, wie du willst!“
sagte sie. „Ich brauche dein Geld nicht“, entgegnete die
Bettlerin, „ich bin selber reich genug. Aber wenn du mir
versprichst, dass das, was am dritten Tage unter dem Kleid ist,
mir gehört, ist es dein Eigentum!“ Diese Worte kamen der Frau
zwar seltsam vor, doch sie dachte nicht lange darüber nach und
sagte: „Wenn´s weiter nichts ist – abgemacht! Was am dritten
Tage unter dem Kleid ist, gehört dir!“ Sie schlug in die
dargebotene Hand ein, worauf sich die Alte plötzlich wie in
Nebel auflöste und entschwand. Jetzt hatte sie ein Kleid, in dem
sie sich sehen lassen konnte! Keine Königin auf Erden trug ein
gleiches. In der ganzen Stadt gab es nicht eines, das dem ihren
an Pracht und Schönheit auch nur nahe kam. Sie trug es zu den
Festen am Faschingssonntag, Faschingsmontag, Faschingsdienstag
und stellte alle übrigen Frauen so tief in den Schatten, dass
sie grün und gelb vor Neid wurden. Die drei lustigen Tage
vergingen, und als sie vom letzten Fest des dritten Tages
heimgekehrt war und in ihrem prachtvollen Kleid vor dem Spiegel
saß, kamen ihr die Worte der Bettlerin in den Sinn: „ Was am
dritten Tag unter dem Kleid ist, gehört mir!“ , Was mag das Weib
nur gemeint haben?´ fragte sie sich, und auf einmal wurde ihr
sehr ängstlich zumute. Rasch wollte sie das Kleid ausziehen,
aber sie brachte es nicht vom Leibe. Da fuhr ihr tödlicher
Schreck in alle Glieder, denn jetzt wusste sie, dass sie dem
Teufel in die Falle gegangen und ihm mit Leib und Seele
verfallen war. In ihrer Verzweiflung wollte sie sich das Kleid
in Stücken vom Körper reißen, aber es war an der Haut wie
festgewachsen. Da jammerte sie, dass es einen Stein hätte
erbarmen müssen. Im nächsten Augenblick klopfte es auch schon an
die Tür, und das alte Weib trat herein. „Warte nur noch eine
Stunde“, bat die hochmütige Frau händeringend. „Ich will alles
bereuen, was ich getan habe! Du bist ja der Teufel!“ „Der bin
ich“, sprach die Bettlerin und verwandelte sich auf der Stelle
in den leibhaftigen Satan, der war recht gräulich anzusehen. Mit
triumphierender Gebärde stellte er sich vor die Frau und rief
höhnisch: „Was am dritten Tag unter dem Kleid ist, gehört mir!
Komm jetzt, deine Stunde hat geschlagen!“ Da warf sich die
unglückliche Frau zu seinen Füßen nieder und flehte: „So nimm
das Kleid zurück und lass mir mein Leben!“ Aber der Teufel hatte
kein Erbarmen mit ihr, und auf einmal begann ihr Kleid zu
glühen, das es ihr war, als ob sie in Feuer stünde. Schon wollte
der Teufel nach seiner Beute greifen, da entschwebte die Gestalt
der Frau gegen Himmel. Ein geweihtes Bildchen der Heiligen
Jungfrau, das sie bei all ihrer Sündhaftigkeit stets an der
Brust trug, rettete sie aus den Klauen des Bösen und gab ihr
„den Stoß in den Himmel“. Ein Haus in der Gasse „Stoß im Himmel“
trug früherer Zeit ein Steinbild, auf dem eine gegen dem Himmel
schwebende Frau zu sehen war, nach der der Teufel die Hände
ausstreckt. |
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