| Klirrend kalt ist dieser Winter. Wer nicht vor's Haus muß, bleibt in der
warmen Stube. So auch der Müller Ferdinand, der sich aber nicht recht am knisternden
Ofenfeuer erfreuen kann. Der Wienfluß ist zugefroren. Von den Schaufeln des Mühlrades
hängen mächtige Eiszapfen. Der Betrieb ist stillgelegt. Zur Untätigkeit verurteilt zu
sein, paßt dem Ferdl gar nicht.
Eines Abends füttert er im Stall die Tiere. Seltsam unruhig sind sie heute. Aber er
findet nichts, was ihre Nervosität begründen könnte. Also wirft er sich die warme
Wolldecke über die Schultern, nimmt die kleine Laterne und will sich ins Haus begeben.
Draußen vor dem Stalltor schleudert ihn etwas zu Boden. Die Laterne verlischt. Im
Mondlicht sieht er einen riesigen Bären über sich, der zornig brummt und grummelt.
Drinnen im Stall schreien die Tiere. Ferdinand will auch schreien - aber kein Ton kommt
aus seiner Kehle.
Da ist die zottige Bestie auch schon auf ihm. Ihre Krallen bohren sich in seine Haut.
Stinkender Atem fährt ihm ins Gesicht. Er versucht sich zu wehren, aber das Tier ist
stärker.
Plötzlich scheint der Bär das Interesse an ihm zu verlieren.
"He da!", hört er die Stimme seines Gesellen Bartl. "Kommt nur,
Bärli!"
Tatsächlich läßt der Bär von ihm ab und faßt den jungen Burschen ins Auge. Der hat in
der einen Hand einen Prügel, in der anderen das große Fleischmesser. Zwischen den beiden
beginnt ein harter Kampf. Ferdinand kann nichts Genaues sehen. Der Bär hat den Gesellen
gepackt. Sie ringen miteinander.
Plötzlich ist es still.
"Bertl!" ruft Ferdinand. "Was ist mit dir?"
Da kommt die Müllerin mit einer großen Laterne zu ihm gelaufen und hilft ihm auf die
Beine. Auch Bertl rappelt sich auf. Schrecklich blutüberströmt steht er da und bringt
kein Wort heraus.
"Bertl, du lebst!" ruft Ferdinand erleichtert. "Gott sei's gedankt!"
"Jo, Meister", keucht der Bertl. "Mir gehts gut. Ich hab ihn 'packt und die
Gurgl durchg'schnitten. Jetzt ist er hin, der Bär."
"Bertl, du hast mir's Leben gerettet. Das vergeß' ich dir nie! Sag, was du willst,
du hast einen Wunsch frei. Ich geb dir alles, mein Gold, mein Pferd, ja sogar meine
Tochter tät ich dir zur Frau geben."
"Euer Töchterl in Ehren, Meister", sagt da der Bertl. "Aber Ihr wißt,
daß ich die Froni, das liebe Wäschermädl, ins Aug g'faßt hab'. Ich will nix weiter als
die Bärenhaut."
Weil sich der Ferdinand über so viel Bescheidenheit freut, gibt er dem Bertl die Haut
gerne und noch 10 Golddukaten dazu. Bertl läßt sich aus dem Fell einen Mantel fertigen
und jeden Winter trägt er ihn, bis an sein Lebensende.
Natürlich gibt's im Haus des Müllers auch ein großes Bärenschinkenfest, zu dem er alle
Nachbarn einlädt.
Die Geschichte vom Kampf des tapferen Gesellen gegen den Bär verbreitet sich schnell in
der Stadt. Noch heute wird das Haus im 4. Bezirk in der Operngasse 18 die
"Bärenmühle" genannt. |