Sagen aus Wien
"Die Bärenmühle"
© Vasily Smirnov - Fotolia.com
Klirrend kalt ist dieser Winter. Wer nicht vor's Haus muß, bleibt in der warmen Stube. So auch der Müller Ferdinand, der sich aber nicht recht am knisternden Ofenfeuer erfreuen kann. Der Wienfluß ist zugefroren. Von den Schaufeln des Mühlrades hängen mächtige Eiszapfen. Der Betrieb ist stillgelegt. Zur Untätigkeit verurteilt zu sein, paßt dem Ferdl gar nicht. Eines Abends füttert er im Stall die Tiere. Seltsam unruhig sind sie heute. Aber er findet nichts, was ihre Nervosität begründen könnte. Also wirft er sich die warme Wolldecke über die Schultern, nimmt die kleine Laterne und will sich ins Haus begeben. Draußen vor dem Stalltor schleudert ihn etwas zu Boden. Die Laterne verlischt. Im Mondlicht sieht er einen riesigen Bären über sich, der zornig brummt und grummelt. Drinnen im Stall schreien die Tiere. Ferdinand will auch schreien - aber kein Ton kommt aus seiner Kehle. Da ist die zottige Bestie auch schon auf ihm. Ihre Krallen bohren sich in seine Haut. Stinkender Atem fährt ihm ins Gesicht. Er versucht sich zu wehren, aber das Tier ist stärker. Plötzlich scheint der Bär das Interesse an ihm zu verlieren. "He da!", hört er die Stimme seines Gesellen Bartl. "Kommt nur, Bärli!" Tatsächlich läßt der Bär von ihm ab und faßt den jungen Burschen ins Auge. Der hat in der einen Hand einen Prügel, in der anderen das große Fleischmesser. Zwischen den beiden beginnt ein harter Kampf. Ferdinand kann nichts Genaues sehen. Der Bär hat den Gesellen gepackt. Sie ringen miteinander. Plötzlich ist es still. "Bertl!" ruft Ferdinand. "Was ist mit dir?" Da kommt die Müllerin mit einer großen Laterne zu ihm gelaufen und hilft ihm auf die Beine. Auch Bertl rappelt sich auf. Schrecklich blutüberströmt steht er da und bringt kein Wort heraus. "Bertl, du lebst!" ruft Ferdinand erleichtert. "Gott sei's gedankt!" "Jo, Meister", keucht der Bertl. "Mir gehts gut. Ich hab ihn 'packt und die Gurgl durchg'schnitten. Jetzt ist er hin, der Bär." "Bertl, du hast mir's Leben gerettet. Das vergeß' ich dir nie! Sag, was du willst, du hast einen Wunsch frei. Ich geb dir alles, mein Gold, mein Pferd, ja sogar meine Tochter tät ich dir zur Frau geben." "Euer Töchterl in Ehren, Meister", sagt da der Bertl. "Aber Ihr wißt, daß ich die Froni, das liebe Wäschermädl, ins Aug g'faßt hab'. Ich will nix weiter als die Bärenhaut." Weil sich der Ferdinand über so viel Bescheidenheit freut, gibt er dem Bertl die Haut gerne und noch 10 Golddukaten dazu. Bertl läßt sich aus dem Fell einen Mantel fertigen und jeden Winter trägt er ihn, bis an sein Lebensende. Natürlich gibt's im Haus des Müllers auch ein großes Bärenschinkenfest, zu dem er alle Nachbarn einlädt. Die Geschichte vom Kampf des tapferen Gesellen gegen den Bär verbreitet sich schnell in der Stadt. Noch heute wird das Haus im 4. Bezirk in der Operngasse 18 die "Bärenmühle" genannt.
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