Sagen aus Wien
"Die Löwenbraut"
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Man schreibt das Jahr 1590 und feiert im "Schloß Neugebäude" in Wien-Schwechat den 4. Geburtstag einer kleinen Prinzessin. Viele aus der Familie des Kaisers Maximilian II. sowie eine große Zahl von Edelleuten haben sich zusammengefunden, um dem Geburtstagskind persönlich Glückwünsche zu überbringen. Das Fest ist in vollem Gange, alle amüsieren sich prächtig.
Zu Ehren der Prinzessin wird auch ein kurzes Schauspiel aufgeführt, in dem die 8jährige Tochter des Schloßverwalters, Berta, die Hauptrolle spielt. So schwer es ihr gefallen war, den Text zu lernen, so leicht geht er ihr jetzt über die Lippen. Plötzlich hört man grimmiges Gebrüll, das keiner der Anwesenden deuten kann. Da betritt zum Schrecken aller ein riesengroßer, durch den Lärm recht nervöser Löwe den Saal. Er war aus seinem Käfig ausgebrochen, durch den Park ins Schloß gelaufen, wo er nun inmitten der Festgäste steht und irritiert die Menschen anstiert, die sich verängstigt an die Wände drücken und sich nicht zu bewegen wagen. Mit gezücktem Schwert stürzen die Wachen in den Saal, um der Bestie den Garaus zu machen. Da reißt sich Berta von der Hand ihres Vaters los, läuft auf den Löwen zu, schlingt ihre zarten Arme um seinen Hals und ruft: "Tut ihm nix! Bitte! Er ist doch ganz lieb!" Sie packt ihn an der Mähne, führt ihn aus dem Saal, zurück in seinen Käfig - und der riesige Löwe trottet hinter ihr her wie das zahmste Schmusekätzchen. Erleichtert atmen die Festgäste auf, aber sogleich wollen sie wissen, was es denn mit der kleinen Berta und dem Löwen auf sich hat. Der Schloßverwalter klärt die Fragen gerne: "Meine Tochter ist seit vier Jahren in jeder freien Minute mit dem Löwen beisammen. Anfangs war mir Angst und Bang, als sie in den Käfig ging, aber der Löwe zeigte keinerlei Aggressionen, da ließ ich ihr ihren Willen." Maximilian ist gerührt. Weil er findet, daß die kleine Berta und der Löwe gut zusammenpassen, schenkt er ihr das Tier und nennt sie scherzhaft "Löwenbraut". Jahre vergehen. Aus der kleinen Berta ist eine wunderschöne Jungfrau geworden. Nach wie vor besteht die innige Freundschaft zwischen ihr und dem Löwen. So oft sie kann, geht sie zu ihm ins Gehege, wo das Tier jegliche Wildheit verläßt und es sich kraulen und kosen läßt, daß Beobachter aus dem Kopfschütteln nicht heraus kommen. Ein junger Hauptmann verliebt sich in Berta und seine Liebe wird von ihr erwidert. Alsbald hält er um ihre Hand an. Die Eltern stimmen zu. Der Termin wird festgesetzt und die Vorbereitungen getroffen. Da gibt es so viel zu tun, daß Berta nicht mehr dazu kommt, ihren Löwen zu besuchen. Der liegt ganz traurig im Käfig und wartet, so als wüßte er, daß er das Mädchen an einen anderen verliert. Am Tag der Hochzeit plagt Berta das schlechte Gewissen sosehr, daß sie darauf besteht, vor der Trauung unbedingt noch einmal zum Löwen zu gehen. Sie weiß genau, daß sie nach der Zeremonie noch weniger Zeit für ihn haben würde. "Gut", erlaubt ihr ihr Bräutigam, dem das Tier schon immer suspekt war. "Aber beeil dich. Es sind nur noch ein paar Minuten, bis die ersten Gäste eintreffen. Glücklich läuft Berta runter zum Gehege, wo sie der Löwe bereits an der Gittertüre erwartet. Berta geht zu ihm in den Käfig und krault ihm die zottelige Mähne, die im Laufe der Jahre schütter geworden ist. "Beeil dich doch!" ertönt schroff die Stimme ihres Bräutigams. "Die Gäste kommen!" Jäh schlägt die Laune des Löwen um. Fahrig blickt er zwischen Berta und dem Bräutigam, der draußen am Gitter steht, hin und her. Wütend brüllt er. Unruhig läuft er vor das Tor, als wollte er Berta den Ausgang verwehren. Der Leutnant zieht das Schwert. Das Geräusch macht den Löwen noch nervöser. Berta redet beruhigend auf das Tier ein. Da duckt sich die Besite, setzt zum Sprung an und reißt das Mädchen zu Boden. Der junge Bräutigam läuft sofort in den Käfig und streckt den Löwen mit mehreren Schwertstreichen nieder. Das Leben Bertas ist jedoch nicht mehr zu retten. Ihren letzten Atemzug macht sie in den Armen ihres Bräutigams, dessen Lebensfreude für immer dahin ist.
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