Sagen aus Wien
"Hans Puchsbaum"
Zur Zeit, als Peter von Prachatitz Dombaumeister war, arbeitete bei ihm ein tüchtiger Werkmeister, Hans Puchsbaum. Der junge Mann war äußerst geschickt und fleißig, diente seinem Herrn treu und ausdauernd. Prachatitz hatte ein schönes Töchterlein, Maria genannt, das der junge Puchsbaum verehrte. Maria erwiderte seine Zuneigung; aber die jungen Leute verbargen ihre Liebe vor den Augen des Vaters. Lange überlegte Hans, ob er dem Dombaumeister etwas sagen sollte. Endlich brachte er es übers Herz, um die Hand des Mädchens anzuhalten. Prachatitz war sehr verärgert, ließ sich aber nichts anmerken und sagte zu dem Werkmeister: "Lieber Hans, dein Wunsch sei erfüllt, doch knüpfe ich eine Bedingung daran. Vollende den zweiten Turm innerhalb eines Jahres. Ist er dann genau so hoch, wie der Südturm, so will ich dir meine Maria zur Frau geben." Verzweifelt schlich Hans durch die Straßen von Wien. Den Nordturm innerhalb eines Jahres zu vollenden, war für einen Menschen unmöglich. Da näherte sich ihm der Teufel. Er machte sich erbötig, den Turm für Hans Puchsbaum zu vollenden. Dieser mußte versprechen, während der Bauzeit weder den Namen Gottes noch den der Jungfrau Maria noch den irgend eines anderen Heiligen auszusprechen, sonst sei seine Seele dem Teufel verfallen. Da Puchsbaum keine andere Möglichkeit sah, seine Maria zur Frau zu bekommen, willigte er in den Vorschlag des Höllenfürsten ein. Von dieser Zeit an wuchs der Bau unheimlich schnell empor. Der junge Werkmeister aber machte sich die heftigsten Vorwürfe, daß er sich auf diesen Handel eingelassen hatte. Eines Tages stand er gegen die Mittagszeit hoch oben auf dem Gerüst, um den Fortschritt der Arbeiten zu beaufsichtigen. Da sah er unten, auf dem Platz vor dem Dom, Maria. Die Sehnsucht nach ihr wurde so groß in ihm, daß er ihren Namen rief. In diesem Augenblick erscholl ein höllisches Gelächter. Der Teufel stand plötzlich neben ihm, packte den Unglückseligen, der auf sein Abkommen vergessen hatte, und schleuderte ihn vom Gerüst in die Tiefe. Dort blieb der Körper des Hans Puchsbaum zerschmettert liegen. Der Bau des zweiten Turmes wurde von dieser Zeit an nicht mehr weiterbetrieben, und daher blieb er bis heute unvollendet.
 
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